DSSV-Vertretertagung

DGN und Internat: Psychische Belastung wird immer größer

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Jens Mittag
Schulleiter Jens Mittag zieht eine positive Bilanz des vergangenen Jahres, macht aber ein Problem aus.

Am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig „läuft es ganz gut“, berichtet Schulleiter Jens Mittag. Eine Sache betrachten er und Internatsleiterin Nadja Grau allerdings mit Sorge: den Stress von Schülerinnen und Schülern. Im Internat sorgt der Altbau für zusätzliche Konflikte.

Eigentlich läuft es am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) rund. Der Ruf ist gut, die Finanzen sind solide, die Schülerzahlen stabil, und die Noten stimmen. So fasst es Schulleiter Jens Mittag in seinem Bericht auf der Vertretertagung des Deutschen Schul- und Sprachvereins (DSSV) für den Arbeitsbereich Gymnasium am Dienstagabend zusammen.

Das bestätige auch die vergangene Untersuchung über das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern in einer gymnasialen Ausbildung, die das Unterrichtsministerium im Herbst 2024 durchgeführt hat. „Es ist das erste Mal, dass das DGN in allen fünf Indikatoren den Landesdurchschnitt erreicht oder besser ist“, so Mittag.

Bei der Unterrichtsumgebung liegt das Gymnasium über dem Durchschnitt. Alle Beteiligten am DGN seien mitverantwortlich für das sehr gute Umfeld, sagt er. Denn dies könne man gestalten und vorgeben.

Stress ist ein wachsendes Problem

Doch ohne große Anstrengung sei festzustellen, dass der Indikator „pres og bekymring“ (Druck und Sorgen) an allen Schulen und auch am DGN hinterherhinke. „Ich nenne den Indikator auf Deutsch kurz und knapp Stress“, sagt Mittag und zeigt entsprechende Schlagzeilen aus den Medien.

Schülerinnen und Schüler stehen unter Druck. Internatsleiterin Nadja Grau beobachtet dies ebenfalls. „Der Gesprächsbedarf ist gestiegen. Es geht um Versagensangst, Zukunftsangst und Einsamkeit.“

DGN
Die Grafik zeigt das DGN im Vergleich zum Durchschnitt im Land. Während das Lernumfeld überdurchschnittlich gut ist, bereitet ein Indikator Sorgen.

Jens Mittag und die Lehrkräfte haben das Problem erkannt. „Wir sind dabei, Unterstützung für diese Fälle am DGN aufzubauen.“ Er nenne es bewusst Unterstützung und nicht Hilfe, denn sein Team und er sei in vielen Fällen mit den Herausforderungen der Jugendlichen überfordert.

Es bedarf professioneller Hilfe von Leuten, die dafür eine entsprechende Ausbildung haben, sagt Mittag. „Was wir bestenfalls leisten können, ist, ‚Erste Hilfe‘ zu leisten oder dabei zu helfen, einen Weg zu finden, um an Hilfe zu kommen.“

Mehr Hilfsangebote schaffen

Dafür hat das Gymnasium zwei erfahrene Lehrkräfte auf Fortbildungen geschickt. „Eine Kollegin lässt sich über drei Jahre zum studievejleder (Studienberaterin, Anm. d. Red.)ausbilden“, so der Schulleiter.

Eine weitere Kollegin werde „Læsevejleder“, also Lernberaterin. „Eine weitere Person mit ungefähr einer halben Stelle wurde in dieser Woche angestellt.“ Als pädagogische Konsulentin soll sie Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, ihren Schulalltag zu strukturieren und die Vielzahl an Hausaufgaben zu bewältigen. Die Tendenz dieser Hilfsangebote sei steigend.

Positives Bild von Schule vermitteln

Mittag nimmt auch die Eltern in die Pflicht. „Wenn Schülerinnen und Schüler in der 1g beginnen, dann kommen sie in der Regel bereits mit der Einstellung, dass Schule Stress bedeutet.“ Schule sei eine tolle Sache. Nicht förderlich seien Aussagen, dass mit dem Schulbeginn der „Ernst des Lebens“ beginne und ein gutes Leben nur mit guten Noten möglich sei. Eltern sollten vielmehr ein positives Bild von Schule vermitteln, sagt Mittag.

Denn aktuell zeige gerade die Künstliche Intelligenz, dass die Jugendlichen KI verwenden, um gute Noten zu bekommen, nicht um zu lernen. In der Schule stünden also Noten über dem Lernen. „KI hat dieses Problem deutlich zutage gebracht.“

Privatsphäre im Internat ein Problem

Nadja Grau hat für alle ein offenes Ohr.

Im aktuell vollbelegten Internat kommen die Probleme noch einmal deutlicher an die Oberfläche. Durch die vielfältige Belastung seien viele Bewohnerinnen und Bewohner „ruhebedürftiger“ geworden, so Grau, die eine psychotherapeutische Ausbildung hat.

Gleichzeitig versuchen viele, bei geselligem Spielen oder Musikhören abzuschalten. Das sorgt für Konflikte in dem Altbau, der besonders hellhörig ist. „Der Wunsch nach eigenen Zimmern, eigenem Bad und mehr Privatsphäre wird immer häufiger geäußert.“

Toleranz nimmt ab

Trotz der Gemeinschaft im Internat habe die Toleranz gegenüber anderen abgenommen, beobachtet Grau. „Das ist ein Trend auch im Rest der Gesellschaft, und das spiegelt sich im Internat wider.“ Da seien viele Bedürfnisse, die „aufeinanderknallen“.

Um dem Stress und der Anspannung der Schülerinnen und Schüler entgegenzuwirken, helfe nur eins: „Wir müssen echtes Interesse zeigen und zuhören können.“

Nadja Grau versucht flexibel zu sein und kreative Lösungen für die Probleme zu finden, die zu einem großen Anteil mit den Wohnbedingungen in dem alten Internat zu tun haben. „Der Wunsch eines Neubaus geht bis ins Jahr 1997 zurück. Aber wir bleiben optimistisch.“

Zwar hat die deutsche Minderheit einen Campus-Plan, dieser liegt aber wegen der unsicheren Finanzlage in Deutschland zunächst auf Eis. Doch Klassenzimmer, die noch in diesem Jahr gebaut werden sollen, und die Internats-Modernisierung haben weiterhin eine hohe Priorität beim Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) und dem DSSV.