Zuschrift

Gleichstellung braucht mehr als Absichtserklärungen

Claudia Knauer wirbt als Kandidatin für den Hauptvorsitz des Bundes Deutscher Nordschleswiger für verbindliche Parität (Archivbild).

Claudia Knauer macht in ihrer Zuschrift deutlich: Gleichstellung gelingt nur mit verbindlicher Parität. Damit widerspricht sie der Position von Stephan Kleinschmidt.

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Dieses ist eine Zuschrift. Leserinnen und Leser können sich auf diese Weise auf die Berichterstattung des „Nordschleswigers” beziehen und ihre Sicht der Dinge schildern. Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen geben nicht unbedingt die Haltung der Redaktion wieder.

Der Leserbrief von Stephan Kleinschmidt betont zu Recht, dass Gleichstellung mehr als eine Personalfrage ist und verbindliche Strukturen benötigt. Dem kann ich einerseits zustimmen. Doch genau hier liegt andererseits unser zentraler inhaltlicher Unterschied: Gleichstellung darf sich nicht in abstrakten Prozessen, Aktionsplänen und wohlklingenden Zielbeschreibungen erschöpfen. Sondern sie muss sich insbesondere in Personen, in Positionen und in Entscheidungen konkretisieren.

Wie es die jüngst verstorbene Rita Süssmuth immer wieder klar formuliert hat, ist Geschlechterparität kein symbolischer Luxus und keine „lose Routenregelung“, sondern eine notwendige Voraussetzung für die tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen. Ein allgemeines Bekenntnis reicht nicht aus. Gleichstellung bedeutet nämlich, dass Macht, Verantwortung und Sichtbarkeit real geteilt werden.

Gerade deshalb überzeugt mich der Ansatz verbindlicher Parität mehr als ein Verweis auf eventuelle zukünftige Prozesse. Diese können wichtig sein und werden – sie dürfen aber nicht als Ausrede dienen, um konkrete Entscheidungen immer weiter zu vertagen. In der politischen Praxis, auch in der deutschen Minderheitenarbeit, zeigt sich immer wieder: Ohne klare Vorgaben und ohne die bewusste Besetzung von Ämtern mit demokratisch engagierten Frauen bleiben Gleichstellungsziele oft folgenlos.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Qualifikation zugunsten des Geschlechts zu verdrängen. Sondern darum, den Blick zu weiten und Strukturen zu durchbrechen, in denen Qualifikation allzu oft aus denselben (männlichen) Netzwerken, Biografien und Machtmilieus zu Recht oder zu Unrecht abgeleitet wird und die damit den oft verbal erhobenen demokratischen Anspruch, man muss es so deutlich sagen, immer wieder unterlaufen. Genau deshalb war Rita Süssmuth für viele unbequem – und genau deshalb wurde sie von manchen Parteigranden in der Union nicht gerade geliebt. Sie begnügte sich nicht mit Worten, sondern benannte Namen, übernahm Verantwortung und verkörperte Gleichstellung sichtbar. 

Darum geht es jetzt auch in der Bundesrepublik Deutschland, wenn nicht nur von den Frauenverbänden der großen demokratischen Parteien gefordert wird, dass die Republik künftig erstmals überhaupt eine Bundespräsidentin bekommen muss. Hiermit ist nicht etwa eine Gleichstellungspolitik um ihrer selbst willen angesprochen, sondern nichts weniger als die Vervollständigung der Demokratie und die wirkliche und sichtbare Aufhebung struktureller Defizite der Repräsentation. Die sind zwar mit derartigen Rollenvorbildern in der Breite immer noch nicht beseitigt, aber gerade Vorbilder wie diese können sowohl auf kürzere als auch auf längere Sicht Verhaltensmustern entgegenwirken, durch die Frauen in Politik und Wirtschaft an den Rand gedrängt werden. Dänemark ist diesbezüglich zwar weiter als die Bundesrepublik Deutschland. Aber selbst hier – in Politik wie Wirtschaft - und auch in der deutschen Minderheit ist noch viel Luft nach oben. 

Gleichstellung sollte auch in unserer Minderheit gelebt werden. Sie ist keine rein organisatorische Aufgabe, sondern eine Frage politischer Haltung, die sich in Entscheidungen zeigt. Wer sie, und damit die Demokratie selbst, wirklich ernst meint, die und der sollten nicht nur langfristige Konzepte befürworten, sondern auch bereit sein, jetzt Verantwortung zu teilen und Frauen gezielt in Führungspositionen zu bringen.

Deshalb halte ich fest: Gleichstellungspolitik sichert und ermöglicht unsere Demokratie und sie betrifft eben sowohl Strukturen als auch Personen. Aber ohne verbindliche Parität bleibt sie zu allzu oft nur ein gutes Versprechen auf eine fernere Zukunft. Mit konkreten Entscheidungen jedoch, auch und gerade Personalentscheidungen, kann Gleichstellung hier und heute auch bei uns in der Minderheit Realität werden – oder sie wird es eben wieder mal nicht.

Claudia Knauer, Kandidatin für den Hauptvorsitz des Bundes Deutscher Nordschleswiger