Grenzüberschreitendes

Verlassene Boote in der Flensburger Förde: Nutzen Obdachlose die Jachten als Notunterkunft?

Segelboot auf grauer Förde mit Warnschild am steinigen Ufer im Vordergrund
Der zweite Fall binnen weniger Wochen: Vor Wassersleben liegt eine Geisteryacht vor Anker.

Ostseebad und Wassersleben: Seit vier Wochen liegt eine gestrandete Jacht vor der Hafeneinfahrt von Schusterkate. Niemand kümmert sich mehr um das Boot. Doch der herrenlose Segler ist kein Einzelfall auf der Förde.

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Zusammenfassung

  • In der Flensburger Förde liegen mehrere verlassene, oft marode Segeljachten vor Anker.
  • Gemeinden und Wassersportvereine beklagen Sicherheitsrisiken durch unbeleuchtete, ungesicherte Boote.
  • Vermutet wird, dass einige alte Jachten als günstige Notunterkunft für Obdachlose dienen. Für die Entsorgungskosten muss die Allgemeinheit aufkommen.

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Ein paar alte Autoreifen als Fender an der Reling, reichlich Rost an der Seitenwand des Rumpfes und eine trotz des Schneefalls und der niedrigen Temperaturen offen stehende Kajütentür: Die weiße Segeljacht, die momentan in der Bucht vor Wassersleben (Sosti) vor Anker liegt, macht keinen besonders guten Eindruck.

Auch Bewegung ist dort nicht zu sehen, sprich: Offensichtlich ist niemand an Bord, der sich um die in die Jahre gekommene Jacht kümmert. Der Skipper hat irgendwann im Dezember dicht unter Land und in der Nähe der Einfahrt zum Hafen des Wassersportvereins „Segel-Sport Flensburg-Harrislee“ (SSF-H) in Wassersleben den Anker geworfen und bisher nicht wieder gelichtet.

Segelyacht mit deutscher Flagge vor nebliger Küstenlandschaft auf ruhiger See
Dieses Segelboot liegt seit Dezember in der Bucht vor Wassersleben vor Anker. Es wurde vermutlich zurückgelassen.

Für Lutz Kätow, den Vorsitzenden der SSF-H, ist das Phänomen nicht ganz neu – dennoch hat es in diesem Winter offenbar zugenommen. „Wir kennen das eigentlich nur aus dem Sommer“, ordnet er ein. Dann liegen oftmals mehrere Boote in der Bucht. „Die Wasserschutzpolizei kontrolliert dann auch regelmäßig, insbesondere wenn an Bord kein Leben erkennbar ist“, schildert Kätow.

Und auch wenn die Leute ganz offensichtlich dort ankern, um Liegeplatzgebühren zu sparen, hat Kätow nichts gegen die auf Dauer ankernden Jachten. „Für Aufregung sorgt das dann, wenn die zu uns in den Hafen kommen und duschen wollen.“ Gelegentlich wird auch die Brücke des Wassersportvereins einfach zum Anlegen genutzt, ohne dass gefragt oder eine Gebühr entrichtet wird.

Kein Licht, kein Ankerball: Jachten werden in der Dunkelheit zur Gefahr

Problematisch wird es dann, wenn sich nicht an seemännische Grundsätze gehalten wird. Und genau das haben Kätow und seine Vereinskollegen zur Genüge erlebt. „Die liegen über Nacht ohne Beleuchtung, es gibt keinen Ankerball, und es ist auch niemand zur Ankerwache vor Ort“, ärgert er sich. „Es stellt sich die Frage, wie man damit umgeht“, sagt Kätow mit Blick auf das gekenterte und das jetzt scheinbar herrenlos vor Anker liegende Segelboot.

Gekentertes Segelboot im Eis neben einem Holzsteg an einem trüben Wintertag
Dieser Segler liegt vor der Hafeneinfahrt von Schusterkate (Skomagerhus) auf Grund.

Gefordert ist in diesen Fällen in der Regel die Gemeinde, in deren Gewässergebiet das Boot zurückgelassen wurde. Für Wassersleben ist dies die Gemeinde Harrislee (Harreslev). Die Leiterin des dortigen Ordnungsamtes, Beeke Frenzen, wertet das Geschehen momentan noch als „kein großes Problem“.

Herrenloser Segler vor dem Ostseebad wurde eingeschleppt

Einen ähnlichen Fall einer einfach ankernd zurückgelassenen Jacht gab es vor einigen Wochen auch vor dem Ostseebad in Flensburg (Flensborg). Hier hat die Stadt Flensburg bereits gehandelt. „Wir haben das Boot in den Hafen geschleppt und festgemacht“, sagt Stadtsprecher Clemens Teschendorf. Auch er verweist darauf, dass man als Eigentümer eines Bootes „gewisse Pflichten“ habe. Dazu gehörten unter anderem die Seetauglichkeit und eine Versicherung, die für Bergungskosten und Schäden an anderen Booten bei einer Havarie aufkommt.

Eine Segeljacht als schwimmendes Zuhause für Obdachlose?

Und auch wenn die Stadt innerhalb eines Jahres zwei herrenlose Boote bergen und für die Kosten aufkommen musste, spricht man dort von „Einzelfällen“. Dass altersschwache Jachten von Menschen ohne Wohnung als Unterkunft genutzt werden, will auch Teschendorf nicht ausschließen. „Das ist eine Unterkunft für wenig Geld“, stellt er fest.

Verschneites Segelboot liegt vertäut in einem ruhigen Stadthafen im Winter
Dieser Zweimaster wurde in den Flensburger Hafen geschleppt, nachdem er längere Zeit unbewohnt vor dem Ostseebad geankert hatte.

Doch auf diese Erfordernisse an Schiff und Eigner geben die Besitzer der meistens betagten Jachten anscheinend nicht viel. Nach Informationen von „shz.de“ werden diese je nach Zustand verschenkt oder für sehr wenig Geld gekauft. Als Interessenten sollen oftmals Menschen auftreten, die ansonsten kein Dach über dem Kopf haben – aber in der Regel auch keine Ahnung von Booten und vom Segeln.

Bergung und Entsorgung der Schiffe müssen aus Steuergeldern bezahlt werden

Da auch das Geld für einen Liegeplatz fehlt, wird einfach irgendwo festgemacht oder geankert und die Kajüte als Schlafplatz genutzt. An Land setzen die Bewohner des Schiffes dann meistens mit einem kleinen Schlauchboot über. Ergibt sich eine bessere Unterkunft, wird das Segelboot einfach zurückgelassen.

Rettungsteam steht an einem Kai vor einem halb gesunkenen Segelboot und einem Einsatzboot auf dem Wasser.
Vor genau einem Jahr sank am Harniskai ein Segelboot, das von einem Obdachlosen genutzt worden war.

Für die Entsorgung muss am Ende die Allgemeinheit aufkommen, da die Gemeinden ihr Geld bei den Schiffseignern nur selten bekommen. „Die Entsorgung ist teuer, wir haben nach der Sturmflut rund 350 Euro pro Tonne bezahlt“, erinnert sich Lutz Kätow. Hinzu kommen die Kosten für einen Kran und den Transport per Lastwagen.