Gesundheit

„Übergewicht ist keine bewusste Wahl“

Interreg-Projektleiterin Charlotte Baumgartner, Regionsratsabgeordneter Allan Emiliussen und Abteilungsleiterin Louise Vestring

Die Kommune Hadersleben geht bei der Gesundheitsförderung andere Wege. Bei Übergewicht steht nicht mehr der Gewichtsverlust an erster Stelle. Das hat Gründe, die auf einer Tagung eines Interreg-Projektes deutlich wurden. 

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Der Nordische Rat hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, der ein, so wörtlich, „besorgniserregendes“ Bild zeichnet, was die Ernährung in den nordischen Ländern angeht. Dazu gehören Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Island, die Färöer, Grönland und die Ålandinseln.

Zusammenfassung

  • Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Dänemark ist übergewichtig.
  • Eine Expertin betont, dass Übergewicht keine bewusste Wahl ist.
  • Die Kommune Hadersleben und das Interreg-Projekt HR4All setzen auf personalisierte Behandlungspläne und ganzheitliche Hilfe statt reinem Fokus auf Gewichtsverlust.

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Auch auf das Thema Übergewicht wird in diesem Bericht eingegangen. Im Schnitt der nordischen Länder sind 56 Prozent der Erwachsenen übergewichtig oder schwer übergewichtig. Für Dänemark gibt das Nationale Zentrum für Übergewicht folgende Zahl an: 52,6 Prozent (BMI über 25) der Erwachsenen sind übergewichtig – was schwere Folgen für die Gesundheit haben kann.

Es geht nicht um den Lebensstil des Einzelnen.

Charlotte Overgaard

Also einfach alle mal weniger und gesünder essen? So einfach ist die Sache offenbar nicht. „Es geht nicht um den Lebensstil des Einzelnen, es ist ja keine bewusste Wahl, die man trifft, kein Mensch wünscht sich, übergewichtig zu sein“, gibt Charlotte Overgaard zu bedenken. Sie leitet die Abteilung für Gesundheitsförderung am neuen Helios Excellence Center am Krankenhaus in Esbjerg.

Tagung in Hadersleben

Charlotte Overgaard war nach Hadersleben (Haderslev) gekommen, um über das Thema Übergewicht und über ihre Arbeit in ihrem neuen Zentrum zu berichten. Gut 20 Teilnehmende einer Tagung aus Dänemark, den Niederlanden, Spanien und der Slowakei hörten zu. Sie alle beschäftigen sich mit dem Thema Übergewicht und haben sich im Interreg-Projekt HR4All zusammengefunden, das von der Kommune Hadersleben geführt wird – Übergewicht ist nicht nur ein dänisches, es ist ein europäisches Thema.

Tiefe Ungleichheit schafft Übergewicht

Overgaard beschäftigt sich weniger mit den medizinischen Folgen von Übergewicht – die beträchtlich sein können –, sie schaut bei diesem Thema auf die Gesellschaft. „Es ist nicht die Schuld des Einzelnen“, sagt sie. Für sie führt eine tiefe gesellschaftliche Ungleichheit zu Übergewicht. 

Das Gesellschaftsmodell, in dem die Menschen leben, das Wohngebiet, die Familiensituation, die wirtschaftliche Lage, das Ausbildungsniveau: Sie beeinflussen den Menschen, sie beeinflussen, was er isst und wie viel er isst. Wer am Lebensminimum lebt, muss an der Qualität der Lebensmittel sparen, wer sozial schlechter gestellt ist, hat es schwerer, gesund zu leben und fürchtet, abgestempelt zu werden. Umgekehrt ist es auch nicht so, dass jeder Mensch mit Übergewicht krank werden muss, also beispielsweise Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt oder Krebs bekommt.

Der BMI

Auch in Dänemark ist der Body-Mass-Index (abgekürzt BMI) ein allgemein anerkanntes und verwendetes Maß, das zur Beurteilung des Gewichts, einschließlich des Grades der Übergewichtigkeit, bei Erwachsenen über 18 Jahren verwendet wird. Der BMI wird berechnet als das Körpergewicht einer Person in Kilogramm geteilt durch das Quadrat ihrer Körpergröße in Metern (kg/m2). Das heißt, wenn man 90 kg wiegt und 1,80 Meter groß ist, beträgt der BMI: 90 / 1,8 * 1,8 = 27,78.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Grenzwerte für den BMI bei Erwachsenen in Bezug auf das Gesundheitsrisiko der verschiedenen Gewichtsklassen definiert (2):

Untergewicht: BMI unter 18,5

Normalgewicht: BMI zwischen 18,5 und 24,9

Leichtes Übergewicht: BMI zwischen 25 und 29,9

Starkes Übergewicht: BMI über 30

Sehr starkes Übergewicht: BMI über 35

National Center for Overvægt

Wenn es nicht die Schuld des oder der Einzelnen ist, ist die Politik gefragt. Gekommen waren die Regionsabgeordneten Mette Bossen Linnet und Allan Emiliussen (beide Venstre). „Ziel der Gesundheitsreform ist es, so nah am Patienten zu sein wie möglich. Wir brauchen die konkreten Werkzeuge, die hier entwickelt werden, die die Patientinnen und Patienten mitnehmen, sie unterstützen. Und es ist sehr interessant zu erfahren, was andere europäische Länder unternehmen. Wissen zu teilen ist von großer Bedeutung“, so Allan Emiliussen zum „Nordschleswiger“.

Kommune verzeichnet mehr Hilfesuchende 

Immer mehr Menschen mit gesundheitlichen Problemen wenden sich an die Kommune Hadersleben. Darauf wies Louise Vestring, Chefin der Abteilung Gesundheit der Kommune Hadersleben, hin. Und die Menschen kommen oftmals nicht mit einem gesundheitlichen Problem, es sind mehrere. Psychische und soziale Probleme spielen eine Rolle. Mit diesem Wissen sucht die Kommune einen anderen Zugang zu den Hilfesuchenden. Gewichtsverlust steht nicht mehr im Vordergrund. „Es ist eine Herausforderung. Wir wissen, dass Übergewicht Krankheiten fördert, aber wir wollen, dass die Menschen ein besseres Leben haben, aus Armut und Isolation herauskommen.“

Ziel ist ein personalisierter Behandlungsplan

Das Interreg-Projekt HR4All, das für „Healthy Regions for All“ steht, soll dabei helfen. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu erhalten, wie es zu schwerem Übergewicht kommt und wie die Behandlung der Patientinnen und Patienten aussehen kann. Projektleiterin Charlotte Baumgartner will in Hadersleben einen personalisierten Behandlungsplan erstellen – zusammen mit den Betroffenen, mit Ärztinnen und Ärzten sowie Gesundheitsratgebern der Kommune. 

Wird es ein Erfolg, könnte dies Geld sparen, so die Hoffnung von Louise Vestring, da die Gesundheitsausgaben dann sinken.