DEUTSCHE MINDERHEIT

Hinter den Kulissen: Ein Einblick in den Alltag des „Bürgermeisters der Minderheit“

Hinrich Jürgensen steht seit 2007 an der Spitze der deutschen Minderheit (Archivbild).

Was bedeutet es, BDN-Hauptvorsitzender zu sein? Hinrich Jürgensen spricht über seinen Weg, die Herausforderungen des Postens und darüber, wie man bei all der Verantwortung trotzdem Zeit für Familie und sich selbst findet.

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Zusammenfassung

  • Hinrich Jürgensen beendet im Juni 2026 nach 19 Jahren seine Amtszeit als BDN-Hauptvorsitzender.
  • Er beschreibt das Amt als zeitintensiven, „bürgermeisterähnlichen“ Vollzeitposten, der für ihn nur mit familiärem Rückhalt zu bewältigen war.
  • Im Rückblick spricht er über die Besonderheiten dieses Postens, den gewachsenen Zusammenhalt innerhalb der Minderheit und darüber, was er sich für seine Nachfolge wünscht.

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Es ist still. Nur das Knacken von Ästen und das leise Rascheln der Blätter sind zu hören. „Hier komme ich richtig zur Ruhe“, sagt Hinrich Jürgensen. Manchmal sitzt er einfach nur da, auf dem Jagdhochsitz im Wald, ohne Gewehr, und beobachtet, wie die Natur erwacht oder langsam zur Ruhe kommt. „Das ist für mich ein fantastischer Ausgleich.“

Abschalten – das ist etwas, das er erst lernen musste. In den ersten Jahren als Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) war er, wie er selbst sagt, nie weiter weg als das nächste Telefon. Immer erreichbar, immer abrufbar. Urlaub im eigentlichen Sinne habe es lange kaum gegeben. Heute weiß er: Abstand ist auch zwischendurch notwendig.

Was ihn trotz dieser Belastung fast zwei Jahrzehnte lang an der Spitze der deutschen Minderheit gehalten hat, welche Voraussetzungen man für dieses Amt mitbringen muss, was er seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger wünscht und was ein BDN-Hauptvorsitzender eigentlich konkret macht, darüber hat Hinrich Jürgensen im Gespräch erzählt.

Eine Ära geht zu Ende

Wenn am 2. Juni 2026 die Delegiertenversammlung des Bundes Deutscher Nordschleswiger zusammenkommt, endet eine Ära. Nach 19 Jahren tritt Hinrich Jürgensen nicht erneut zur Wahl als Hauptvorsitzender an. 2007 war er erstmals gewählt worden, als Nachfolger von Hans Heinrich Hansen aus Ekensund (Egernsund).

Bereits bei seiner Wiederwahl 2022 hatte der Landwirt aus Gaardeby bei Tingleff (Tinglev) angekündigt, dass es seine letzte Amtszeit sein werde. Nun steht fest: Mit Claudia Knauer und Stephan Kleinschmidt kandidieren eine mögliche Nachfolgerin und ein möglicher Nachfolger für den Posten an der Spitze der Dachorganisation der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

„Wie ein Bürgermeister der Minderheit“

Was macht eigentlich ein BDN-Hauptvorsitzender? Kurz gesagt ist er oder sie das politische und öffentliche Gesicht der Minderheit und zugleich die sammelnde Figur nach innen. Für Hinrich Jürgensen lässt sich das Amt am ehesten mit einem kommunalpolitischen Vergleich erklären. „Ich vergleiche es manchmal mit einem Bürgermeister“, sagt er. Zu den Aufgaben gehören das Leiten von Sitzungen, die Vertretung der Minderheit nach außen – von Berlin über Kiel bis Kopenhagen –, die Pflege von Medienkontakten sowie zahlreiche Gespräche mit Politik, Verwaltung und Verbänden.

Man muss als Hauptvorsitzender sehr flexibel und jederzeit abrufbar sein.

Hinrich Jürgensen

Der Posten des Hauptvorsitzenden entspricht faktisch einer Vollzeitstelle und wird heute auch entsprechend vergütet – angepasst an das Bürgermeistergehalt der kleinsten dänischen Kommune.

„Die repräsentativen Aufgaben finden meist am Wochenende und am Abend statt. Das kann sehr intensiv sein, auch über mehrere Tage hinweg. Man muss als Hauptvorsitzender sehr flexibel und jederzeit abrufbar sein“, so Jürgensen.

Familie als Rückhalt – ohne geht es nicht

Die größte Herausforderung, Beruf, Ehrenamt und Familie miteinander zu vereinbaren, erlebte Hinrich Jürgensen vor allem in den Jahren, bevor er BDN-Hauptvorsitzender wurde. Schon früh engagierte er sich stark, insbesondere in der Landwirtschaft und in der Ökobranche. Er war unter anderem Mitgründer der Molkerei Naturmælk und später Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Nordschleswig (LHN).

„Damals waren unsere Kinder noch klein. Ich hatte einen großen Betrieb und war viel unterwegs. Das alles unter einen Hut zu bekommen, war nicht einfach“, sagt er. Gerade die vielen Abendtermine seien für die Familie eine Herausforderung gewesen.

Ich weiß nicht, in welchem anderen Job man so viele interessante und unterschiedliche Menschen kennenlernt.

Hinrich Jürgensen

In dieser Zeit habe man zu Hause offen darüber gesprochen, wie viel Engagement möglich sei. „Wir haben uns zusammengesetzt und besprochen: Geht das oder geht das nicht?“ Entscheidend sei gewesen, dass seine Familie ihn immer unterstützt habe.

Als Jürgensen im Herbst 2007, kurz nach seinem 47. Geburtstag, das Amt des BDN-Hauptvorsitzenden übernahm, waren seine Kinder inzwischen groß, was den Alltag deutlich erleichterte.

Diese Erfahrung gibt er auch an seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger weiter. „Man muss den Rücken frei haben und braucht von zu Hause Verständnis.“

Zwischen Königinnen und sønderjysker Bodenständigkeit

Was ihn über all die Jahre motiviert hat? „Die Arbeit hat mir immer unwahrscheinlich viel Spaß gemacht“, sagt Jürgensen. Auch wenn es Phasen gegeben habe, in denen Entscheidungen besonders schwerfielen, etwa bei drohenden Schulschließungen oder strukturellen Einschnitten. „Da habe ich auch mal gedacht: Das hätte ich gerne umgangen. Aber auch schwierige Entscheidungen gehören dazu.“

Was für ihn besonders positiv in Erinnerung bleiben wird, sind die Begegnungen. „Ich weiß nicht, in welchem anderen Job man so viele interessante und unterschiedliche Menschen kennenlernt.“ Vom bodenständigen Sønderjyden bis zu Königinnen, Königen und Bundespräsidenten reiche die Palette. „Das sind besondere Highlights, die man als Hauptvorsitzender erlebt.“

Besonders erfüllend sei es gewesen, wenn sich langfristige Arbeit ausgezahlt habe. Als Beispiel nennt er die Umstellung auf die Festbetragsfinanzierung. „Dadurch konnten wir in der Minderheit viel enger zusammenarbeiten und sind noch stärker zusammengewachsen.“

Festbetragsfinanzierung

Bei einer Festbetragsfinanzierung erhalten die Institutionen der Minderheit einen festen, in der Höhe garantierten Betrag (oft über mehrere Jahre), anstatt jedes Jahr aufs Neue um Projektgelder konkurrieren zu müssen. 

Vom Nebeneinander zum Miteinander

Seit seinem ersten Einzug in den BDN-Hauptvorstand im September 1992 hat Hinrich Jürgensen einen großen Wandel erlebt. Damals kam er als LHN-Vertreter ins Gremium, später folgten Stationen als Amtsratsmitglied, im Wachstumsforum und schließlich als Hauptvorsitzender. „Wenn ich auf diese mehr als 30 Jahre zurückblicke, ist richtig viel passiert“, sagt er.

Als Jürgensen 2007 das Amt des Hauptvorsitzenden übernahm und ins Haus Nordschleswig einzog, arbeiteten die Verbände noch weitgehend nebeneinander. „Man war eingezogen, aber nicht zusammengezogen“, erinnert er sich. Besonders in Haushaltsverhandlungen habe jeder versucht, möglichst viel für den eigenen Bereich herauszuholen.

Wir haben heute eine viel stärkere solidarische Gemeinschaft.

Hinrich Jürgensen

Heute beschreibt er ein völlig anderes Bild. „Wir ziehen an einem Strang.“ Das gegenseitige Verständnis sei deutlich größer geworden, ebenso das Gefühl einer gemeinsamen Verantwortung für die Minderheit als Ganzes. „Wir haben heute eine viel stärkere solidarische Gemeinschaft.“ Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg sei die Umstellung auf die Festbetragsfinanzierung gewesen. Sie habe nicht nur die Haushaltsarbeit vereinfacht, sondern auch das Denken verändert.

Besonders eindrücklich habe sich dieser Wandel während der Corona-Pandemie gezeigt. „Da sind wir verbandsübergreifend zusammengerückt, haben uns gegenseitig unterstützt und geholfen.“

Eine Minderheit im Wandel

Auch das Verhältnis zur dänischen Minderheit habe sich grundlegend verändert. Jürgensen erzählt lachend eine Anekdote aus den 1990er Jahren.

„Wenn wir früher zum FUEN-Kongress gefahren sind, saß die deutsche Minderheit im Zug vorne und die dänische ganz hinten. Man traf sich jedoch im Bordbistro.“ Auf der Rückfahrt habe man dann fröhlich zusammengesessen, „aber bloß nicht zu auffällig und spätestens in Hamburg saßen alle wieder auf ihren Plätzen“.

„Heute ist das komplett anders“, sagt Jürgensen. „Wenn man daran denkt, kann man sich das kaum noch vorstellen.“ 

Demokratie ist manchmal umständlich und langatmig. Man kann nicht alles übers Knie brechen.

Hinrich Jürgensen

Auch der Arbeitsalltag habe sich verändert. Früher seien mehrtägige Dienstreisen mit Übernachtungen üblich gewesen. Heute werde eher versucht, mehrere Sitzungen an einem Tag zu bündeln. „Wir fahren vormittags nach Kopenhagen, haben unsere Sitzungen und sind abends wieder zurück.“ Der politische Betrieb sei insgesamt hektischer geworden.

Abschalten lernen

Gedanklich auch mal von seinen Berufsaufgaben abzuschalten, sei für ihn lange nicht möglich gewesen. „Ich habe immer gesagt: Ich bin nie weiter weg als das nächste Telefon. Gerade anfangs hatte ich das Pflichtbewusstsein, dass ich immer erreichbar sein muss.“ Unterschiedliche Ferienzeiten in Dänemark, Schleswig-Holstein und Deutschland hätten zusätzlich dazu geführt, dass er viele Jahre kaum richtigen Urlaub gehabt habe.

Erst in den vergangenen Jahren habe sich das ein wenig geändert. Heute weiß er, wo er am besten abschalten kann: draußen in der Natur. Auf dem Hochsitz, auch gerne nachts, fernab von Terminkalendern und Telefonen.

Wünsche an die Nachfolge

An seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger hat Jürgensen klare Wünsche. „Ich wünsche mir, dass sie weiter gut auf die Minderheit aufpassen“, sagt er lachend, schiebt aber gleich hinterher, dass er sich darüber keine großen Sorgen mache.

Wichtig sei Fingerspitzengefühl. „Demokratie ist manchmal umständlich und langatmig. Man kann nicht alles übers Knie brechen.“ Dazu brauche es Geduld, ein dickes Fell und Rückhalt in der Familie.

Ein leerer Kalender und neue Freiheiten

Was kommt nach dem 2. Juni 2026? Einen festen Plan hat Hinrich Jürgensen nicht. „Ich habe immer gesagt: Wenn sich eine Tür schließt, gehen fünf andere auf.“

Sicher ist für ihn nur eines: „Ich werde keine Position annehmen, bei der ich wieder im Hauptvorstand sitze.“ Stattdessen will er es auf sich zukommen lassen und im landwirtschaftlichen Betrieb helfen, den inzwischen sein Sohn übernommen hat.

Neulich habe er beim Blick in den Kalender gestutzt. „Bis Juni ist er knüppelvoll und danach fast leer.“ Ein Gefühl, das ihn an den Beginn der Corona-Zeit erinnert habe. „Nach drei Wochen fing es damals an zu kribbeln.“

Langweilig, da ist er sicher, wird ihm trotzdem nicht werden. Und wenn doch, dann wartet der Hochsitz im Wald.

Hinrich Jürgensen

  • Geboren: 5. November 1959 in Baistrup (Bajstrup) bei Apenrade (Aabenraa)
  • Beruflicher Hintergrund: Landwirt mit Schwerpunkt Getreideanbau; Geschäftsführer der genossenschaftlichen Vertriebsgesellschaft Biocentrum für ökologische Produkte
  • Landwirtschaftlicher Werdegang: 1981 kaufte er als 21-Jähriger seinen ersten Hof in Behrendorf (Bjerndrup), den er auf rund 200 Hektar ausbaute; 1988 stellte er als einer der ersten Landwirte Dänemarks auf ökologischen Landbau um; 2003 zog er mit seinem Betrieb nach Gaardeby (130 ha)
  • Politisches Engagement: Frühes Engagement in der Schleswigschen Partei; Vorsitzender des Ausschusses für Technik (1983), Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Nordschleswig (1993–2001); Mitglied des nordschleswigschen Amtsrats und Stadtrats der Kommune Apenrade; Vertreter der Minderheit im regionalen Wachstumsforum
  • BDN: Seit 2007 Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger