WISSENSCHAFT

Wer mehrere Sprachen spricht, altert langsamer

Neue Studien zeigen: Mehrsprachigkeit kann einer beschleunigten geistigen Alterung vorbeugen.

Für Angehörige der deutschen Minderheit ist das Umschalten zwischen der deutschen und der dänischen Sprache Alltag. Die These einer neuen Studie klingt da fast zu schön, um wahr zu sein: Wer mehrsprachig ist, altert langsamer. Was steckt dahinter?

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Zusammenfassung

  • Eine große europäische Studie zeigt, dass aktive Mehrsprachigkeit mit langsamerem kognitiven Altern verbunden ist.
  • Je mehr Sprachen regelmäßig genutzt werden, desto stärker scheint die geistige Widerstandskraft gegen Demenz zuzunehmen.
  • Entscheidend ist das ständige Umschalten zwischen den Sprachen, was wie ein alltägliches Gehirntraining wirkt – etwa auch bei der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

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Mehrsprachigkeit ist nicht nur ein kultureller Reichtum, sie könnte auch ein Schlüssel zu späterem Altern sein. Das zeigt eine neue Studie, die im Fachjournal „Nature Aging“ erschienen ist.

Für die Untersuchung haben Forschende Daten von über 86.000 Menschen aus 27 europäischen Ländern ausgewertet. Der Altersforscher Morten Scheibye-Knudsen von der Universität Kopenhagen, der die Studie für „Videnskab.dk“ eingeordnet hat, spricht von einem überraschend klaren Befund:

„Die Studie deutet darauf hin, dass Mehrsprachigkeit tatsächlich mit langsamerem Altern zusammenhängt, unabhängig von sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden.“ Die Ergebnisse zeigen laut Scheibye-Knudsen, dass Mehrsprachigkeit ein einfacher und zugänglicher Weg sein kann, die Widerstandskraft des Gehirns zu stärken und gesundes Altern zu fördern.

Das Gehirn ist ein großes Kommunikationsnetzwerk, und wenn man es häufig und auf unterschiedliche Weise benutzt, stärkt das die Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen.

Jesper Mogensen, Neuropsychologe

Studie: „Nature Aging“

Gemessen wurde das Altern mit einer sogenannten „biobehavioralen Altersuhr“, die Verhalten, Lebensstil und Gesundheitsdaten kombiniert. Sie zeigt, ob jemand biologisch schneller oder langsamer altert als es das Geburtsdatum vermuten lässt.

Bereits bei zwei aktiv genutzten Sprachen halbiere sich das Risiko einer beschleunigten kognitiven Alterung. Und der Effekt nehme sogar noch zu: „Je mehr Sprachen man beherrscht, desto stärker ist der Effekt, und er bleibt bestehen, selbst wenn man Unterschiede in Bildung, Einkommen und Gesundheit berücksichtigt.“

Kognitive Reserve gegen Demenz

Auch der Kopenhagener Altersforscher Martin Lauritzen sieht in den Ergebnissen eine Bestätigung früherer Annahmen. Mehr Sprachen bedeuten mehr geistige Widerstandskraft – gerade im Alter:

„Je besser wir kognitiv aufgestellt sind, desto größer ist unsere Reserve, wenn wir alt werden und möglicherweise eine Demenzerkrankung wie Alzheimer bekommen.“

Oder, wie er es zugespitzt formuliert: „Je mehr Sprachen du kannst, desto besser läuft es kognitiv.“

Nicht die Sprache, sondern das Umschalten zählt

Wissenschaftler führen den Effekt nicht allein auf Sprache zurück. Der dänische Neuropsychologe Jesper Mogensen betont gegenüber „Videnskab.dk“, dass vor allem die mentale Flexibilität entscheidend sei:

„Das Gehirn ist ein großes Kommunikationsnetzwerk, und wenn man es häufig und auf unterschiedliche Weise benutzt, stärkt das die Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen.“

Man kann das Gehirn auch auf andere Weise trainieren, etwa durch häufiges Lernen neuer Dinge.

Jesper Mogensen

Das ständige Umschalten zwischen Sprachen wirke wie ein Fitnessprogramm für das Gehirn. „So baut man das auf, was wir kognitive Reserve nennen, aber man kann das Gehirn auch auf andere Weise trainieren, etwa durch häufiges Lernen neuer Dinge.“

Wichtig ist dabei jedoch vor allem eines: „Zwei Sprachen zu können, bringt nichts, wenn man nur eine nutzt“, so Mogensen. 

Studien mit Migrantinnen und Migranten zeigen beispielsweise: Wer seine Muttersprache in der Familie und die Zweitsprache im Alltag nutzt, baut mehr geistige Reserve auf als jemand, der eine Fremdsprache zwar gelernt hat, aber kaum verwendet.

Kognitives Training in der Minderheit – gelebter Alltag

Für Angehörige der deutschen Minderheit in Nordschleswig sind das spannende Nachrichten. Viele Menschen hier wachsen selbstverständlich mit Deutsch und Dänisch auf und wechseln täglich zwischen beiden Sprachen. Was in der Forschung als kognitives Training gilt, ist hier gelebter Alltag. 

Zwar wird im hohen Alter oft die Muttersprache wieder dominanter und die Zweitsprache etwas schwächer, doch wer weiterhin liest, spricht, zuhört und am Gemeinschaftsleben teilnimmt, kann seine Mehrsprachigkeit bis ins hohe Alter aktiv und lebendig halten.