Deutsche Minderheit

Grönland auf dem Weg in die Selbstständigkeit: „Einfach mal zuhören – das ist wichtig“

Journalist Walter Turnowsky (Mitte) bei seinem letzten Arbeitstag mit dem Team des grönländischen öffentlich-rechtlichen Senders KNR im August 2016

Walter Turnowsky lebte mehrere Jahre in Grönland und begleitet das Land seither als Journalist. In der Deutschen Bücherei Sonderburg spricht er darüber, wie Menschen mit der angespannten politischen Lage umgehen – und was andere von ihrer Haltung lernen können.

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Zusammenfassung

  • Der Journalist Walter Turnowsky berichtet über den starken politischen und psychischen Druck, unter dem viele Menschen in Grönland seit Jahren stehen.
  • Auslöser der angespannten Lage sind unter anderem der Machtanspruch der USA unter Donald Trump.
  • In seinem Vortrag in der Deutschen Bücherei Sonderburg am 18. Februar ab 19 Uhr wirbt Turnowsky dafür, Grönlands Weg zur möglichen staatlichen Selbstständigkeit aufmerksam zu unterstützen.

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Wie geht man mit der angespannten politischen Lage in Grönland um? Diese Frage stellt sich vielen Grönländerinnen und Grönländern, die seit Jahren zwischen dem Wunsch nach Selbstständigkeit und den politischen Machtansprüchen von außen leben. „Es ist wirklich ein ganz immenser Druck, unter dem die Menschen dort stehen“, sagt Walter Turnowsky im Rückblick auf die vergangenen Monate.

Der Journalist klärt mit Vorträgen über Grönland auf. Er arbeitet seit einigen Jahren als Korrespondent in Kopenhagen für den „Nordschleswiger“ und berichtet unter anderem über den arktischen Raum. 

Von 2013 bis 2016 lebte er in Nuuk, arbeitete dort als Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Sender „KNR“ und später als Journalist bei der Zeitung „Sermitsiaq“. „Ich weiß nicht, ob ich ein Grönland-Experte bin“, sagt er. „Aber ich denke, ich weiß mehr über Grönland als manch anderer in Dänemark.“

Der von US-Präsident Donald Trump offen ausgesprochene Machtanspruch auf Grönland mache vielen Menschen im „Land der Kalaallit“ und in Dänemark große Sorge, und die Menschen reagierten mit Demonstrationen und politischem Engagement auf die belastende Situation. 

Die Menschen in Grönland hätten den Mut und die Würde aufgebracht, um ihren Widerstand auszudrücken. „Das gilt nicht zuletzt für Regierungschef Jens Frederik Nielsen – ich glaube, man kann sich gar nicht vorstellen, unter welchem Druck er im Moment leben muss.“

Gemeinsam mit Kollegin Kassaaluk Kristiansen vor einer TV-Debatte auf KNR. Kristiansen ist heute Online-Redakteurin bei Sermitsiaq. Das Foto im Hintergrund zeigt Ex-Premierministerin Aleqa Hammond.
Gemeinsam mit Kollegin Kassaaluk Kristiansen vor einer TV-Debatte auf „KNR“. Kristiansen ist heute Online-Redakteurin bei „Sermitsiaq“. Das Foto im Hintergrund zeigt Ex-Premierministerin Aleqa Hammond.

Walter Turnowsky steht in engem Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen in Grönland „Viele erhalten psychologische Hilfe, weil sie seit mehr als einem Jahr über eine Lage berichten, die sie ja ganz persönlich betrifft, und gleichzeitig nach Feierabend ihren Kindern erklären müssen, was vor sich geht“, sagt er.

„Grönland will irgendwann einen Staat gründen“

Seit der Rede von Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erlebt der Korrespondent eine „vorsichtige Entspannung“. Die angespannte Lage bleibt aber aus seiner Sicht bestehen. Er hält es für wichtig, dass Menschen in Dänemark und Europa verstehen, dass es in Grönland weiterhin um viel geht; dass das Ziel der Selbstständigkeit unverändert bleibt. „Grönland will irgendwann einen selbstständigen Staat gründen.“

Man ist immer sehr schnell dabei, mit eigenen Meinungen daherzukommen. Aber einfach mal zuhören – das ist wichtig.

Walter Turnowsky

Menschen, die sich angesichts dieser Entwicklung ohnmächtig fühlen, rät er, sich an den Grönländerinnen und Grönländern ein Beispiel zu nehmen und sie zu unterstützen. „Nicht mit Lösungen oder Vorschlägen daherkommen, sondern einfach sagen: Wir sehen euch, wir sind da“, beschreibt er seinen Ansatz. 

Er empfiehlt, Kontakt zu Grönländerinnen und Grönländern zu suchen, sich mit der gemeinsamen Geschichte zu beschäftigen und zuzuhören. „Man ist immer sehr schnell dabei, mit eigenen Meinungen daherzukommen. Aber einfach mal zuhören – das ist wichtig.“

Walter Turnowsky sprach bei der Neujahrstagung der deutschen Minderheit in Sankelmark bereits über Dänemarks Rolle als Kolonialmacht in Grönland.

Warum investiert Walter Turnowsky Zeit in Vorträge über Grönland? „Es ist mir wichtig, dass wir ein bisschen mehr von Grönland verstehen“, sagt er. 

Sein Engagement für Grönland sei eine persönliche Verpflichtung, die aus seinen Erfahrungen vor Ort gewachsen ist. „Mir ist viel Vertrauen geschenkt worden“, sagt er über die Menschen, mit denen er dort zusammengearbeitet und gelebt hat. Diese Nähe habe Spuren hinterlassen: „Grönland ist mir so ein bisschen ins Blut übergegangen.“

Für ihn zeigt sich dabei ein Muster: „Es gibt, grob gesagt, zwei Kategorien von Menschen, die nach Grönland gehen“, erzählt er. „Die einen laufen nach drei, vier Monaten mehr oder weniger schreiend davon. Und dann gibt es uns, die das Land nie ganz loslässt.“

Vortrag in der Deutschen Bücherei Sonderburg

Das Wissen über das Land und seine Bewohnerinnen und Bewohner sei in Dänemark lange „erschreckend gering“ gewesen. In seinen Vorträgen möchte er erklären, was Grönländerinnen und Grönländer bewegt, und Vorurteile abbauen. „Die Entwicklung hin zur Selbstständigkeit ist ein ganz natürliches Bedürfnis eines Volkes, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Über all das spricht Walter Turnowsky am 18. Februar in der Deutschen Bücherei Sonderburg (Sønderborg). Der Vortrag beginnt um 19 Uhr. Unter dem Titel „Grönland auf dem Weg in die Selbstständigkeit“ berichtet er über die Menschen in Grönland, ihre Sorgen, ihre Stärke – und darüber, wie sich die angespannte Lage anfühlt, wenn man mitten in ihr lebt.