ZUSCHRIFT

Europa beginnt in Nordschleswig

Peter Asmussen ist Vorsitzender des Apenrader Rudervereins und Politiker der Schleswigschen Partei.

Was bedeutet Europa hier bei uns? Für Peter Asmussen ist die Antwort klar: Europa wird im Alltag der Grenzregion gelebt. In seiner Zuschrift wirbt der Angehörige der deutschen Minderheit für Zusammenhalt statt Abschottung.

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Zuschriften

Dieses ist eine Zuschrift. Leserinnen und Leser können sich auf diese Weise auf die Berichterstattung des „Nordschleswigers” beziehen und ihre Sicht der Dinge schildern. Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen geben nicht unbedingt die Haltung der Redaktion wieder.

In diesen Monaten wird wieder viel über Europa gesprochen. Über Krisen, über neue Unsicherheiten, über die Frage, ob die Europäische Union vor einer neuen Blüte steht – oder vor einer Phase der Spaltung. Für viele Menschen klingt Europa dabei nach Brüssel, nach großen Gipfeltreffen und komplizierten Verordnungen. 

Für uns hier in Nordschleswig ist Europa etwas anderes. 

Europa ist Alltag. 

Ich schreibe diese Zeilen als Mitglied der deutschen Minderheit in Dänemark – und zugleich als dänischer Mitbürger. Genau diese doppelte Perspektive macht deutlich, was europäisches Zusammenleben im besten Sinne bedeutet: nicht Gleichmacherei, sondern gegenseitige Anerkennung. 

Minderheitenleben ist gelebtes Europa. In unserer Region wissen wir seit Generationen, dass Identität nicht entweder–oder sein muss. 

Man kann deutschsprachig sein und zugleich loyaler Bürger des dänischen Staates. Man kann kulturelle Wurzeln pflegen und dennoch offen für die Mehrheitsgesellschaft bleiben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis von Vertrauen, von politischen Rahmenbedingungen – und von der Einsicht, dass Zusammenarbeit stärker ist als Abgrenzung. 

Die deutsch-dänische Grenzregion gilt oft als Vorbild. Nicht, weil hier alles perfekt ist, sondern weil wir gelernt haben, Konflikte nicht durch neue Grenzen zu lösen, sondern durch Dialog. Das ist ein zutiefst europäischer Gedanke. Zusammenarbeit ist keine Schwäche. In der aktuellen politischen Debatte erleben wir jedoch, dass die Ränder lauter werden. Nationalistische Reflexe, Misstrauen gegenüber Kompromissen und die Vorstellung, jedes Land könne allein besser bestehen, gewinnen wieder Raum. 

Dabei zeigt gerade die Geschichte Europas – und auch die Geschichte unserer Grenzregion –, dass Abschottung selten Sicherheit bringt. Sicherheit entsteht durch Partnerschaft. Europa ist nicht nur ein Wirtschaftsraum. Europa ist ein Friedensprojekt. Und Frieden bedeutet nicht Abwesenheit von Konflikten, sondern die Fähigkeit, sie gemeinsam zu bearbeiten. 

Europa muss handlungsfähig bleiben. Natürlich ist die EU nicht perfekt. Sie ist manchmal schwerfällig, bürokratisch und zu weit entfernt vom Alltag vieler Menschen. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, weniger Europa zu wagen. 

Die Antwort muss sein: ein besseres Europa! 

Ein Europa, das seine Werte schützt, das demokratisch bleibt, das wirtschaftlich bestehen kann – und das die großen Aufgaben unserer Zeit gemeinsam angeht: Klima, Sicherheit, Migration, soziale Stabilität. 

Gerade kleinere Länder wie Dänemark profitieren davon, Teil eines starken Bündnisses zu sein. Und gerade Minderheiten profitieren davon, wenn Rechte nicht nur national, sondern europäisch abgesichert sind. 

Nordschleswig als europäische Hoffnung! 

Wenn man fragt, ob Europa vor einer neuen „Opblomstring“ steht, dann lohnt der Blick nicht nur nach Brüssel oder Berlin. 

Es lohnt z.B. der Blick zu den nordschleswigschen vier Kommunen und den südschleswigschen Kreisen. Hier erleben wir täglich, dass Vielfalt nicht trennt, sondern bereichern kann. Dass man Brücken bauen kann, wo andere Mauern errichten wollen. Europa beginnt nicht in den Institutionen. Europa beginnt dort, wo Menschen einander ernst nehmen. 

Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Hoffnung auf eine neue europäische Blüte. 

Peter Asmussen 

Mitglied der deutschen Minderheit und dänischer Mitbürger, Apenrade