NS-Zeit

Fotograf, Vater, Gefangener: Tochter Erika Hallmann blickt zurück

Erika Hallmann mit dem Familienfotoalbum ihres Vaters Rudolf Gimm. Der Lehrer und Fotograf dokumentierte in den 1930er- und 40er-Jahren das Leben der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig.

Rudolf Gimm fotografierte, was die deutsche Volksgruppe in Nordschleswig während der NS-Zeit prägte – von der „Deutschen Jungenschaft Nordschleswig“ bis zu ihren führenden Köpfen. Seine Tochter Erika erinnert sich an einen zutiefst gläubigen, ernsten und strengen Vater, der selten aus sich herausging.

Veröffentlicht

Zusammenfassung

  • Die Lehrertochter Erika Hallmann erinnert sich an ihren Vater Rudolf Gimm, der in Nordschleswig deutsche Schulen aufbaute und zugleich als Fotograf das Leben der deutschen Volksgruppe in der NS-Zeit dokumentierte.
  • Gimm galt als pflichtbewusster, strenger, aber nicht fanatischer Nationalsozialist, wurde nach dem Krieg interniert und mit seiner Familie durch mehrere Lager geschickt, bevor er in Schleswig-Holstein wieder als Lehrer arbeiten durfte.
  • Für Erika Hallmann bleibt ein ambivalentes Bild aus Respekt und Distanz, doch sie trat beruflich in seine Fußstapfen – als Lehrerin und als Hobby-Fotografin.

Diese Infobox wurde mithilfe von KI generiert und von der Redaktion geprüft.

Erika Hallmann lebt seit vielen Jahren in Hadersleben. Geboren 1937, ist sie eines von fünf Kindern des Lehrers Rudolf Gimm. In den 1930er-Jahren kam Gimm als junger Lehrer aus Kiesby nach Nordschleswig, weil er in Deutschland keine Anstellung fand. In Lügumberg (Løgumbjerge) und später in Bollersleben (Bolderslev) baute er die deutschen Schulen auf – als einziger Lehrer vor Ort.

„Damals saßen alle Jahrgänge in einem Raum“, erinnert sich seine Tochter und Schülerin Erika. „Aber er war sehr effektiv – und sehr streng, aber es war schön, von ihm zu lernen.“

Rudolf Gimm baute die deutschen Schulen in Bollersleben und Lügumberg auf. Er war der einzige Lehrer vor Ort.

Bilder von der Volksgruppe

Zur Fotografie fand der Vater über sein soziales Engagement, vor allem in der Jugendarbeit. Mit der Kamera behielt er die Führung der Volksgruppe im Blick. In ihrem Auftrag hielt er Aufmärsche, Jugendfreizeiten, Schulalltag, Manöver und Gemeinschaftsabende fest. Seine Bilder erschienen in der Zeitschrift „Junge Front“ und in der „Nordschleswigschen Zeitung“, dem damaligen Sprachrohr der deutschen Volksgruppe.

„Zehn Kronen bekam er fürs Foto – manchmal. Das war damals viel Geld“, erzählt Erika Hallmann. Entwickelt hat Gimm die Bilder in der eigenen Dunkelkammer. „Die hat er selbst gebaut. Meine Mutter Gerda hat ihm oft geholfen – und ich auch. Ich habe gewässert und getrocknet.“

Rudolf Gimm war nicht nur Lehrer, sondern auch ein leidenschaftlicher Fotograf, ein Talent, das führende Vertreter der deutschen Volksgruppe für sich entdeckten.

Ernstes Wort: Schlimmer als eine Tracht Prügel

Für Erika Hallmann war der Vater eine Respektsperson. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals die Hand gegen uns erhoben hätte. Aber ein ernstes Wort von ihm war schlimmer als eine Tracht Prügel. Gleichzeitig konnte er mit uns herumtoben, laut und herzlich lachen.“

Ein Mann der Pflicht

Rudolf Gimm, 1909 in Kiesby, Angeln, geboren, war ein Mann der Pflicht. Diese Haltung bestimmte sein ganzes Leben. Nach dem Studium in Kiel kam er 1934 nach Nordschleswig, arbeitete viel und engagierte sich in der Volksgruppe. Für die Familie blieb wenig Zeit. „Er war oft abwesend“, sagt seine Tochter. Politisch habe sie ihn als angepasst erlebt, wenngleich nicht als fanatisch. „Natürlich war er Mitglied der Partei. Dennoch hat er in der Schule die Kinder mit ,Guten Morgen‘ begrüßt, nicht mit ,Heil Hitler‘. Das weiß ich von meiner Mutter – und irgendwie hat mich das erleichtert.“

War Rudolf Gimm ein durch und durch überzeugter Nationalsozialist? Seine Tochter kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. „Für ihn gehörte das alles zu seiner Pflichtauffassung. Lehrer, Fotograf, Familienvater – das war sein Leben.“

Stacheldraht und Stillstand: Die Zeit nach dem Krieg

Nach Kriegsende wurde Rudolf Gimm interniert. Erste Station war das Lager Faarhus. Seine Frau Gerda stand mit fünf Kindern allein da. „Sie bekam 34 Kronen Sozialhilfe. Manchmal lagen Lebensmittel vor unserer Tür.“
Bauern, Nachbarn und auch dänische Bekannte halfen damals. „Meine Mutter war eine hilfsbereite, freundliche Frau. Das haben ihr die Menschen in der Not gedankt.“ 

Nach anderthalb Jahren durfte Rudolf Gimm zurück zu seiner Familie. „Es habe nichts gegen ihn vorgelegen, hat ein Kriminalpolizist meiner Mutter gesagt.“ Doch die Rückkehr war an eine Bedingung geknüpft: Die ganze Familie musste in das dänische Ausweisungslager Fitting. 

Die Gimms durften nur das Nötigste behalten. Ihre Möbel wurden geschätzt, vieles konfisziert. „Wir hatten wenig – und davon hat man uns das Meiste weggenommen.“

Mutter Gerda Gimm musste sich mit den fünf Kindern lange Zeit ohne den Vater durchschlagen.

Durch Neuengamme nach Itzehoe

Vier Monate in der Baracke, umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen, folgten. „Wir waren zwar eingesperrt in dem Lager, aber fast immer draußen im Freien, weil unser Vater so nervös war. Die Zeit im Faarhus-Lager hat ihn gezeichnet.“

Im April 1947 endete die Lagerzeit in Fitting bei Vorbasse. Der Weg führte die Familie nach Neuengamme. Dort, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, wurde sie vorübergehend untergebracht, bevor es nach Itzehoe ging. Erika erinnert sich an die ersten Tage in Deutschland: „Wir bekamen Weißbrot, nach langer Zeit endlich was Ordentliches zu essen – und das, obwohl die Menschen dort selbst kaum etwas hatten.“

In Itzehoe begann ein neuer Abschnitt. Erst nach der formellen Entnazifizierung durfte Rudolf Gimm wieder als Lehrer arbeiten.

Erika Hallmann erinnert sich an ihren Vater als einen Mann der Pflicht und einen guten Lehrer: „Ich fand es gut, vom eigenen Vater unterrichtet zu werden.“

Zwischen Respekt und Distanz

Die Nachkriegszeit war für die Familie nicht einfach. „Mein Vater hatte sich verändert. Er war pedantisch, oft gereizt.“ Die Zeit in den Lagern hatte Spuren hinterlassen.

Ende der 1950er-Jahre bewarb sich Gimm an der deutschen Schule in Sonderburg (Sønderborg). „Der Vorstand hatte sich für ihn entschieden“, erzählt seine Tochter. „Doch Dänemark verweigerte die Arbeitsgenehmigung.“ Eine berufliche Rückkehr nach Nordschleswig blieb ihm somit verwehrt. 

Was vom Vater bleibt

Was verbindet die Tochter heute noch mit dem Vater? Für Erika Hallmann sind es vor allem zwei Dinge: Respekt und Distanz. Einmal, zu seinem Geburtstag, schrieb sie ihm ein Gedicht: 

„Bei uns zu sein, ist doch eine Freude.
Wir hoffen, dass es nun so bleibe.“

„Ich weiß noch genau, dass ich damals dachte: Ist das wirklich so? Ist das eine ungetrübte Freude?“ Erika Hallmann wurde Lehrerin wie der Vater. Auch die Liebe zur Fotografie hat sie nicht von Fremden. Ihre zweite Stelle trat sie an der Deutschen Schule Hadersleben an, der sie ihr Berufsleben lang treu blieb. Dort lernte sie auch ihren Mann Dieter kennen.

So schließt sich der Kreis, stellt sie fest und lächelt. „Mein Vater durfte hier nicht als Lehrer arbeiten. Dann bin ich eben statt seiner gekommen.“