Jugend

„Dünn sein ist wichtiger als gesund sein“: Wie Social Media in die Magersucht locken kann

Frau in rosa Blazer sitzt auf Sofa und schaut fokussiert auf ihr Smartphone
Essstörung: Betroffen sind vor allem Mädchen und junge Frauen. Sie finden Begleitung in sozialen Medien, die gefährlich werden kann (Symbolfoto).

Soziale Medien wirken bei Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie wie Brandbeschleuniger. Eine Expertin erklärt, warum die Flucht in virtuelle Welten oft dort beginnt, wo das Selbstwertgefühl im echten Leben Risse bekommt.

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Zusammenfassung

  • Social-Media-Foren wie „Ana“ und „Mia“ verklären schwere Essstörungen junger Frauen als Lifestyle und verstärken gefährliche Verhaltensmuster.
  • Expertin Josephine Bengs betont, dass Essstörungen durch viele individuelle Faktoren entstehen und eine schnelle, multiprofessionelle Hilfe nötig ist.
  • Eltern und Schulen sollen für Signale wie Rückzug, körperliche Warnzeichen und Body Shaming sensibilisiert werden, da Online-Communities den Krankheitsdruck weiter erhöhen.

Diese Infobox wurde mithilfe von KI generiert und von der Redaktion geprüft.

„Dünn sein ist wichtiger als gesund sein“ – dieser Satz steht neben weiteren erschreckenden Aussagen in den zehn Ana-Geboten: einem Leitfaden für Betroffene von Anorexia nervosa, der Magersucht. Die Abkürzung Ana steht für eine virtuelle Personifizierung eines Forums, das in sozialen Medien vor allem Mädchen und junge Frauen um sich sammelt.

Ähnlich ist es bei der Bulimie, der Ess-Brech-Sucht. Als Ankerpunkt im Netz nutzen Betroffene hier „Mia“. Beide fiktiven Identitäten stellen als „beste Freundinnen“ ernsthafte Erkrankungen als Lifestyle dar. Nicht nur das vom Bundesfamilienministerium geförderte Portal www.jugendschutz.net warnt vor diesem Einfluss.

Josephine Bengs, Sozialarbeiterin bei der Kieler Frauenberatungsstelle „Eß-o-Eß“, nennt diese Welt in sozialen Medien eine „zweite Realität“, in der Betroffene leben.

Essstörung entsteht durch viele Faktoren

Diese Entwicklung habe seit Corona zugenommen, bestätigt sie den Bericht des Kieler Gesundheitsministeriums. Aber: „Soziale Medien machen nicht die Essstörung.“ Vielmehr spielten hier viele individuelle und persönliche Faktoren hinein. Daher fordert sie, müsse Hilfe „multiprofessionell“ und schnell erfolgen: „Aber die Frauen warten lange auf einen Platz in der Klinik.“

Nicht jedes Signal sollte für sich isoliert betrachtet werden, so die Empfehlung der Sozialpädagogin. Ebenso sei ein zeitlich begrenztes Problem im Umgang mit Essen nicht gleich eine Erkrankung. „Wir alle kennen das im Kleinen“, erläutert sie. „Durch eine Herausforderung im Job ist die Kehle wie zugeschnürt.“ Oder unter Stress ausgefallene Mahlzeiten würden mit einem Zuviel am Abend ausgeglichen – über das Sattsein hinaus. Doch eine Grenze, so Bengs, werde überschritten, „wenn alle Gefühle beantwortet werden mit: Essen oder nicht essen“.

Wenn der Anspruch an sich selbst zu hoch ist

Junge Frauen stünden in Beruf und Gesellschaft oft in mehrfacher Hinsicht unter Belastung, sagt Bengs, und stellten dabei zu hohe Ansprüche an sich selbst, um diese Anforderungen zu erfüllen. Sie plädiert daher für Selbstfürsorge und „mehr Selbstmitgefühl“ – gegen den aktuellen Trend zur Selbstoptimierung.

Die Bundespsychotherapeutenkammer erklärt, Gründe für ein höheres Risiko bei Frauen seien:

  • genetische Faktoren
  • Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt
  • gesundheitliche Probleme in der Kindheit
  • eine früh einsetzende Reifung

(Quelle: BtPK)

Magersüchtige litten als Säuglinge und Kleinkinder häufiger an Magen- und Darmbeschwerden. Auch sexueller Missbrauch und Vernachlässigung „sowie psychische Krankheitsanfälligkeit und geringer Selbstwert in der Jugend“ seien Risikofaktoren.

Auch Jugendlichen mangele es in der Pubertät oft an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, sagt Josephine Bengs von der Kieler Beratungsstelle. „Kommt eine Umbruchsituation hinzu wie ein Schulwechsel, ein Umzug oder eine Trennung, entsteht Unsicherheit.“ Dann sei es „sicherer, nach eigenen Regeln zu leben“.

Diät als Einstieg in den Kontrollverlust

Einstieg in die Essstörung kann eine Diät sein, „um sich besser zu fühlen“. Das Problem: Hier werden schnell messbare Erfolge erzielt. Und das kostenlos, unabhängig vom eigenen Einkommen oder dem der Eltern – wenn etwa teure Markenkleidung ein Maßstab in der sozialen Umgebung ist. Das Abnehmen „als Bewältigungsstrategie für tiefer liegende Probleme“ müsse nicht automatisch zu einer psychischen Erkrankung führen, sagt Bengs. Doch das Risiko sei hoch.

Denn in sozialen Medien finden die Betroffenen Unterstützung und Bestätigung. Immerhin, macht die Expertin klar, gebe die Gesellschaft als Orientierung das Bild von attraktiven, sportlichen und schlanken Körpern vor – mit der Botschaft, das führe zu Beliebtheit und Erfolg. Zurzeit beobachtet die Sozialpädagogin „eine Renaissance der 2000er-Jahre“. Die Zeit war verbunden mit einem Bild extremer Schlankheit, der „Size-Zero“-Kultur.

Mehr Sensibilisierung für Mobbing durch Body Shaming

Eltern sollten mit Kindern und Jugendlichen stets im Gespräch bleiben, rät Bengs – auch, um zu erfahren, was sie gerade beschäftigt und „was sie sich im Internet anschauen“.

Signale für eine Essstörung könnten unter anderem sein: Schwindel, Frieren, Erschöpfung, eine ausbleibende Regelblutung. Und Änderungen im Sozialverhalten, so Bengs: „Zieht sich das Kind viel zurück? Wertet es sich selbst ab?“

Sie wünscht sich auch an Schulen mehr Sensibilisierung für die Folgen des Body Shaming – das Herabwürdigen und Diskriminieren einer Person aufgrund ihres körperlichen Erscheinungsbildes. Bengs, die Präventions-Workshops in Schulen anbietet, stellt klar: „Das ist eine Form von Mobbing“, und somit alles andere als harmlos.

Auch, weil Menschen mit Essstörungen im Internet garantiert auf Resonanz treffen. Wie gefährlich der Einfluss aus dem Netz ist, zeigt das siebte Ana-Gebot. Es entzieht Betroffene, die sich danach ausrichten, konsequent dem Einfluss der eigenen Umgebung außerhalb von sozialen Medien: „Die Anzeige der Waage ist wichtiger als alles andere.“