Todesfall

Schlüter und die Minderheit

Schlüter und die Minderheit

Schlüter und die Minderheit

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Nordschleswig/Kopenhagen
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Poul Schlüter (Kons.) empfängt Sekretariatsleiter Siegfried Matlok im Staatsministerium. Foto: Harry Nielsen

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Die deutsche Minderheit hat dem Staatsminister Poul Schlüter viel zu verdanken. So hat er schon früh Verständnis für die Anliegen der Minderheit gezeigt, und auch die Errichtung des deutschen Sekretariats in Kopenhagen hat Schlüter unterstützt.

Poul Schlüter war ein dänischer Sønderjyde. Darauf hat er bis zuletzt großen Wert gelegt und dabei auch seine nordschleswigsche Herkunft und Identität nie geleugnet. Zur Familiengeschichte des in Tondern 1929 geborenen Poul Schlüter gehört, dass sein Opa als Maurer aus Holstein nach Dänemark einwanderte, sich in Nordschleswig niederließ – verheiratet mit einer Dänin. Die Familie hatte aber auch ihre deutschen Glieder, und die nationalen Gegensätze, die sich in Tondern und in Nordschleswig nach 1933 zwischen der dänischen Mehrheit und der deutschen Minderheit entwickelten, nicht zuletzt nach der deutschen Besetzung Dänemarks 1940-45, sind gewiss nicht ohne Spannung in der eigenen Familie verlaufen.

Es ehrt aber den Menschen Poul Schlüter, dass er in einem Fernseh-Interview auf „DK4“, das ich im vergangenen Jahr mit ihm in seiner Kopenhagener Wohnung führen konnte, nicht den deutschen Teil seiner Familie einfach ignorierte, sondern darauf hinwies, dass man auch nach 1945 – nach der Rechtsabrechnung, die auch ein Mitglied der Familie Schlüter nach Faarhus brachte – den Kontakt zum deutschen Teil nie abgebrochen, sondern auch bei Familientreffen aufrechterhalten hat. Dies zur Geschichte der Grenzland-Familie Schlüter.

Früh Verständnis für Anliegen der deutschen Minderheit

Poul Schlüter war als Konservativer im politischen Wettbewerb ein Gegner der Schleswigschen Partei, aber schon als Fraktionsvorsitzender der Konservativen im Folketing zeigte er erstes Verständnis für die Anliegen der deutschen Minderheit, deren Partei nach 1964 ihr Folketingsmandat von Hans Schmidt-Oxbüll eingebüßt hatte und die nun in Kopenhagen Regierung und Parlament dringend um eine Übergangslösung bat.

Unterstützung bei Errichtung eines deutschen Sekretariats

Die Idee zu einem deutschen Sekretariat hatte sein sozialdemokratischer Vorgänger Anker Jørgensen entwickelt, aber als Schlüter im September 1982 die Regierung übernahm, hat er auch die Errichtung eines deutschen Sekretariats in Kopenhagen voll unterstützt. Als die Entscheidung gefallen war und entsprechende Räume gefunden werden sollten, hat er sich als Staatsminister sogar die Zeit genommen, um gemeinsam mit dem damaligen Hauptvorsitzenden Gerhard Schmidt und Generalsekretär Peter Iver Johannsen das Domizil in der Peder Skramsgade ausfindig zu machen.

Erster Eintrag ins Gästebuch

Schlüter trug sich als Erster in das Gästebuch des deutschen Sekretariats ein, und als er 1985 zu einem grenzüberschreitenden Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Tondern zusammentraf, da unterstrich Schlüter in einer offiziellen Rede, dass mit dem Kopenhagener Sekretariat „eine Landgewinnung“ erreicht worden sei.

Als Sekretariatsleiter hatte ich, der Schlüter ja schon in den Jahren zuvor als Journalist auf Christiansborg kennengelernt hatte, oft Gelegenheit zu Begegnungen mit dem Staatsminister, Moin, Moin!

Ich erinnere mich besonders an eine Einladung ins Staatsministerium zu einem „Frokost“ unter vier Augen mit sechsfachem Schnaps, wo er mich mit folgenden Worten begrüßte: „Matlok, gratuliere zu deinem neuen Anzug. Ist der von Aldi???“

Nicht nur gute Scherze, sondern auch gute Ergebnisse

Mit ihm konnte man aber nicht nur gut scherzen, sondern auch Ergebnisse erzielen. Die Erhöhung des staatlichen Zuschusses für die deutsche Bücherei erfolgte bei meinem Gespräch mit dem damaligen Kulturminister H. P. Clausen, der, als ich ihm die Wünsche der deutschen Minderheit vorgetragen hatte, kurzerhand seinen Chef Poul Schlüter anrief, und ich dessen lautstarke Antwort im Telefon hörte: „In Ordnung.“

Da sprang der jährliche Zuschuss von 150.000 auf 2 Millionen Kronen.

Ermunterung an die Minderheit

Ein anderes Beispiel: Vor Folketingswahlen habe ich es als Sekretariatsleiter zur Tradition gemacht, dass die deutsche Minderheit auch offiziell ein Gespräch mit dem jeweiligen Staatsminister führen konnte. In Erinnerung bleibt mir eine Unterredung in Hadersleben, wo Schlüter in der Frage der deutschen Schulen den Standpunkt vertrat, dass die deutschen Schulen nicht nur Minderheiten-Schulen sind, sondern auch die deutschen Schulen der öffentlichen Hand. Und – die BdN-Teilnehmer wären fast vom Stuhl gefallen – Schlüter ermunterte uns, ruhig kämpferisch für unsere Ziele einzutreten; ja, auch gerne streitbar in der dänischen Öffentlichkeit.

Hoch erfreut über das gute Verhältnis im Grenzland

Schlüter hat sich mehrfach hoch erfreut darüber geäußert, dass das Verhältnis im deutsch-dänischen Grenzland sich so entspannt habe und dass beide Minderheiten ihre Lebenskraft südlich und nördlich der Grenze nachdrücklich unter Beweis gestellt haben. Dass er an der Veranstaltung anlässlich des 100. Jahrestages der neuen Grenze im Frühjahr 2020 im Königlichen Kopenhagener Theater mit seiner Frau Anne Marie teilnehmen durfte, war für ihn eine historische Geschichtsstunde, die ihn mit besonderem Stolz erfüllte.

Die deutsche Minderheit hat dem Staatsminister Poul Schlüter viel zu verdanken – vor allem durch seine Politik auch auf dem Wege zur Gleichberechtigung und letztlich zur Gleichwertigkeit von Dänen und Deutschen im Grenzland.

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