Wort zum Sonntag

Von der Kunst der Vergebung

Ein schlichtes Holzkreuz ragt vor einem strahlend blauen Himmel mit lockeren Wolkenformationen in die Höhe.
„Der Nordschleswiger“ veröffentlicht jedes Wochenende ein Wort zum Sonntag.

Gelingt es, zu vergeben, kann das einen Neuanfang bedeuten, schreibt Jonathan von der Hardt in seinem Wort zum Sonntag.

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Wort zum Sonntag

Mit dem Wort zum Sonntag richten sich im Wechsel die Pastorinnen und Pastoren der Nordschleswigschen Gemeinde der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, der deutschsprachigen Gemeindeteile der dänischen Volkskirche und der deutschsprachigen Gemeinde in Kopenhagen an die Leserinnen und Leser des „Nordschleswigers“. Es stellt keine Stellungnahme der Redaktion dar.

„Ich bin so sauer! Das verzeihe ich dir nie!“ Wer kennt solche Gefühle nicht? „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, beten wir aber im Vaterunser. Sind wir uns eigentlich bewusst, was wir da beten? Gott hat die Vollmacht, uns unsere Schuld zu vergeben. Und zwar unabhängig von der Schwere der Schuld. 

Es ist beim besten Willen nicht zu vermeiden, dass wir im Alltag schuldig an anderen Menschen werden und andere Menschen an uns. Oft sind das keine großen Geschichten, aber es kann sich störend zwischen uns und andere Menschen schieben. Wie gut, dass Gott uns vergibt! Wie gut, dass er uns einen Neuanfang mit anderen Menschen ermöglicht. 

Können wir das nicht gut, fast zu selbstverständlich, annehmen? Da müsste es uns doch eigentlich leichtfallen, anderen Menschen auch zu vergeben. Aber das ist in der Praxis oft sehr schwer. In unserem Satz aus dem Vaterunser hört es sich so an, als sei das ein Automatismus. 

Gott vergibt uns, und wir vergeben anderen Menschen. Das ist keineswegs einfach, sondern erfordert eine Willensentscheidung, nicht an Groll und Zorn festzuhalten. Es gibt Verletzungen, die so schlimm sind, dass Vergeben überhaupt nur mit Gottes Hilfe möglich ist. Aber gerade in solchen Fällen kann Vergebung helfen, neu leben zu lernen. 

Das heißt nicht, dass die Wunde nicht weiterhin schmerzt. Doch ich höre auf, den Schmerz und meinen Groll immer wieder zu reaktivieren. Der Täter und das Opfer müssen ja nicht Freunde werden, zum Glück nicht. 

Aber das Opfer kann die Entscheidung treffen, ob es sich gedanklich ständig mit dem Täter und der Sehnsucht nach Rache beschäftigen will. Vergebung steht für Neuanfang. Neuanfang, da, wo ich schuldig wurde, aber auch da, wo mir andere Menschen Unrecht getan haben. 

Euer Pastor Jonathan von der Hardt aus Süderwilstrup