ZUSCHRIFT

Ein europäischer Moment der Nachdenklichkeit

Peter Asmussen

Peter Asmussen aus Apenrade schildert in diesem Beitrag seine Eindrücke von den „Historiske Dage“ in Kopenhagen.

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Zuschriften

Dieses ist eine Zuschrift. Leserinnen und Leser können sich auf diese Weise auf die Berichterstattung des „Nordschleswigers” beziehen und ihre Sicht der Dinge schildern. Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen geben nicht unbedingt die Haltung der Redaktion wieder.

Am vergangenen Wochenende hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, das Geschichtsfestival „Historiske Dage“ in Kopenhagen zu besuchen. Die Veranstaltung brachte Historiker, Politologen und ein breites Publikum zusammen, um über Geschichte und ihre Bedeutung für die Gegenwart zu diskutieren. Gerade in einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen wurde deutlich, wie wichtig historische Perspektiven für das Verständnis aktueller politischer Entwicklungen sind.

Besonders eindrucksvoll war ein Plenumsinterview mit dem deutschen Sicherheitsexperten und Politikwissenschaftler Carlo Masala, das von Niels Bo Poulsen vom Institut for Forsvarsstudier in Oslo moderiert wurde. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand die Frage, wie historische Analogien in der heutigen Sicherheitspolitik verwendet werden können.

Dabei ging es unter anderem um das Beispiel der Remilitarisierung des Rheinlandes im Jahr 1936, als Hitler gegen die Bestimmungen des Versailler Systems verstieß und die europäischen Mächte zögerten zu reagieren. Solche historischen Situationen werden heute wieder diskutiert, wenn es um mögliche Szenarien in Osteuropa geht – etwa die Frage, ob Russland versuchen könnte, in Zukunft einen begrenzten militärischen Vorstoß gegen die estnische Grenzregion Narva zu unternehmen, um die Reaktionsfähigkeit der NATO zu testen.

Diese Überlegungen knüpfen unmittelbar an ein Interview an, das der internationale Kommentator Michael Jarlner vor einigen Wochen in der Zeitung Politiken mit Carlo Masala geführt hat. Darin beschreibt Masala den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Teil eines größeren Konflikts um die zukünftige internationale Ordnung. Es gehe letztlich um die Frage, ob das liberale internationale System, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, bestehen bleibt – oder ob es durch eine neue Machtordnung ersetzt wird.

Masala gehört zu den profiliertesten sicherheitspolitischen Analysten Europas. Als Leiter des Center for Intelligence and Security Studies an der Universität der Bundeswehr in München beschäftigt er sich seit Jahren mit Fragen der NATO, der europäischen Verteidigung und der geopolitischen Verschiebungen unserer Zeit. Sein jüngst auch auf Dänisch erschienenes Buch „Hvis Rusland vinder“ hat diese Debatte in Nordeuropa zusätzlich angestoßen.

Seine zentrale These ist ebenso provokant wie nachdenklich stimmend: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei weit mehr als ein regionaler Konflikt. Er sei Teil eines globalen Ringens um eine neue internationale Ordnung – eine Art „postmoderne Weltkriegs-Situation“, die sich allerdings grundlegend von den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts unterscheide.

Gerade für Europa ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung. Denn Europa steht heute vor einer strategischen Herausforderung, die lange Zeit unterschätzt wurde: die eigene sicherheitspolitische Verantwortung. Masala weist darauf hin, dass zahlreiche Atommächte indirekt oder direkt in den Konflikt um die Ukraine involviert sind. Dennoch hält er eine direkte militärische Konfrontation zwischen den großen Atommächten für unwahrscheinlich, da die nukleare Abschreckung weiterhin wirkt.

Gefährlicher sei vielmehr eine schleichende Verschiebung der internationalen Machtverhältnisse, während Europa politisch und strategisch zu zögerlich agiere. Die größte Gefahr bestehe darin, dass europäische Gesellschaften kriegsmüde werden und dabei vergessen, dass die Sicherheit der Ukraine letztlich auch eine Frage der Sicherheit Europas selbst ist.

Zum Abschluss der Veranstaltung hatte ich noch die Gelegenheit, Professor Carlo Masala persönlich kurz zu begegnen, als er Exemplare seines neuesten Buches signierte. Ich hatte die Ehre, einige Worte mit ihm zu wechseln, während er mein Exemplar mit einer persönlichen Widmung versah.

Dabei sprach ich ihn auf ein Thema an, das für uns in Nordschleswig eine besondere historische Bedeutung hat: die Situation von Minderheiten in Grenzregionen. Ich erwähnte, dass Nordschleswig während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg zwar unter militärischer Kontrolle stand, es jedoch trotz der Präsenz der Wehrmacht nie zu einem Anschluss an Deutschland kam.

Professor Masala erwiderte, dass ihm diese historische Besonderheit durchaus bewusst sei und dass gerade Grenzregionen mit nationalen Minderheiten oft ein sensibles, aber zugleich stabilisierendes Element in Europa darstellen können.

Diese kurze Begegnung rundete für mich eine beeindruckende Veranstaltung ab. Die „Historiske Dage“ haben einmal mehr gezeigt, wie wichtig der Blick in die Geschichte ist, um die politischen Herausforderungen unserer Gegenwart zu verstehen. Geschichte ist nicht nur Vergangenheit – sie hilft uns auch, die Gegenwart klarer zu sehen und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten.

Peter Asmussen,
Apenrade