Folketingswahl

Reportage: Jubel bei DF, versteinerte Mienen bei der Sozialdemokratie und Venstre

Peter Kofod jubelt gemeinsam mit DF-Chef Morten Messerschmidt (l.) und Folketingskandidat Anders Vistisen, als „DR“ die erste Prognose veröffentlicht.

Bei der Dänische Volkspartei wurde die Wahlfeier immer ausgelassener. Die Regierungsparteien Venstre und Sozialdemokratie trösteten sich damit, dass die Wahl nicht so schlimm ausgegangen ist wie befürchtet. Walter Turnowsky war dabei, als die Emotionen Achterbahn fuhren. 

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Zusammenfassung

  • Die Sozialdemokratie und Venstre erleben am Wahlabend historische Verluste und gedrückte Stimmung, auch wenn sich die Prognosen im Verlauf leicht verbessern.
  • Die Dänische Volkspartei feiert einen deutlichen Stimmenzuwachs und spricht von „Wahnsinn“, während die erhoffte klare blaue Mehrheit ausbleibt.
  • Die Moderaten werden zum Zünglein an der Waage. Es stehen komplizierte Regierungsverhandlungen über eine neue Mitte-Regierung bevor.

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Bereits kurz nach 19 Uhr haben sich im „Landstingsaal“ auf Christiansborg Parteimitglieder von Venstre eingefunden. Unter ihnen auch der langjährige Abgeordnete Hans Christian Schmidt aus Woyens (Vojens). Er sieht gelassen aus; für ihn persönlich steht nichts auf dem Spiel: Er ist bei der Wahl nicht angetreten. 

„Ich darf heute noch einmal dabei sein“, sagt er mit einem Lächeln.

Die Dänische Volkspartei (DF) hat im Hof von Christiansborg ein Zelt aufgeschlagen. Der Fraktionsvorsitzende Peter Kofod aus Hadersleben (Haderslev) begrüßt von der Bühne aus die Mitglieder der rechten Partei. 

„Wir haben wirklich geschuftet“, sagt er, nachdem er von der Bühne heruntergestiegen ist. 

Peter Kofod begrüßt die Parteimitglieder

Auch im „Fællessaal“, wo die Sozialdemokratie feiert, haben sich allmählich Menschen eingefunden. Es sind viele Mitglieder der Jugendorganisation unter ihnen. Steuerministerin Ane Halsboe-Jørgensen dankt ihnen für ihren Einsatz. Der Saal jubelt.

Ungefähr 15 Minuten später erscheint auch der Abgeordnete Benny Engelbrecht aus Südalsen (Sydals). Die Umfragen prognostizieren der Sozialdemokratie eine Wahlniederlage. Jetzt sind es nur wenige Minuten, bis die erste Nachwahlbefragung veröffentlicht wird.

„Ich glaube, ich bin der ruhigste Mann auf ganz Christiansborg. Es ist jetzt meine sechste Wahl und ich warte ab, wie sich der Abend entwickelt“, sagt er. 

Chock für Sozialdemokratie und Venstre

Zwei Minuten später: versteinerte Gesichter im ganzen Saal. Die Nachwahlbefragung prognostiziert der Sozialdemokratie ein Ergebnis von weniger als 19,2 Prozent. Das wäre das schlechteste Ergebnis seit mehr als hundert Jahren. Auch das Gesicht des ruhigsten Mannes auf Christiansborg sieht besorgt aus.

Enttäuschte Gesichter bei der Sozialdemokratie, als der erste Exit Poll veröffentlicht wird.

Noch gedrückter ist die Stimmung im Raum von Venstre. Der Exit Poll sagt für die bürgerlich-liberale Partei das schlechteste Ergebnis in der Parteigeschichte vorher.

„9,3 Prozent, das ist eine harte Nummer. Hoffentlich bessert sich das noch im Laufe des Abends“, sagt Hans Christian Schmidt. Er und Anni Matthiesen aus Billund versuchen, sich gegenseitig aufzumuntern. 

Hans Christian Schmidt verlässt das Folketing.

Bei der Dänischen Volkspartei herrscht dagegen Feierlaune. Der Exit Poll sagt für die rechte Partei dreimal so viele Stimmen vorher, wie vor drei Jahren. 

„Ich habe mich nicht getraut, den guten Umfragen zu trauen. Und das hier ist weiterhin nur eine Befragung. Wir träumen davon, dass es so wird und wir hoffen es“, so Peter Kofod.

Moderate freuen sich über Schlüsselrolle

Die Moderaten feiern drei regennasse Kilometer von Christiansborg in einem ehemaligen Speicher am Hafen. Das Fest ist in ein Licht in der Parteifarbe Lila getaucht. Es ist das Symbol dafür, dass sie Parteien des roten und des blauen Blocks vereinen wollen. 

Die Stimmung ist gut, obwohl die Befragung auch ihnen, wie den beiden anderen Regierungsparteien, einen Rückgang vorhersagt. Doch der ist geringfügig. Und noch wichtiger: Es zeichnet sich ab, dass sie das Zünglein an der Waage werden. 

„Ich finde, es sind fantastische Zahlen, sollten sie sich bewahrheiten. Denn in dem Fall würden wir die entscheidenden Stimmen bekommen. Unser Ziel ist ja eine breite Regierung über die Mitte hinweg“, sagt Seniorenminister Henrik Frandsen aus Tondern. 

Kurze Zeit später blickt er gespannt auf einen der großen Bildschirme im Raum. „DR“ veröffentlicht die erste eigentliche Prognose, nachdem ungefähr ein Viertel der Stimmen ausgezählt ist. Jubel im Saal als das Ergebnis der Moderaten, weiterhin nur einen leichten Rückgang vorhersagt.

Die Farbe Lila: Henrik Frandsen freut sich über eine Prognose, die keinem der Blöcke eine Mehrheit gibt.

Doch der Jubel wird deutlich lauter, als die Mandatsverteilung für die beiden Seiten des Folketings bekannt gegeben wird. Weder der rote noch der blaue Block bekommen eine Mehrheit.

„Jetzt glaube ich schon mehr daran, dass wir das Zünglein an der Waage werden. Aber wir sahen ja bei der vorigen Wahl, dass es im Laufe des Abends umschlagen kann“, so Frandsen. 

Vor dreieinhalb Jahren sah es bis in den späten Abend hinein so aus, als würden die Moderaten die entscheidenden Stimmen bekommen. Doch am Ende gab es dann doch eine rote Mehrheit. 

Sollte das erneut der Fall sein, befürchtet Frandsen, dass Staatsministerin Mette Frederiksen sich diesmal auf die stützen würde. Damit wäre sein Traum von der breiten Regierung über die Mitte hinweg ausgeträumt. 

Venstre feiert trotz Niederlage

Wieder auf Christiansborg ist die Stimmung bei Venstre umgeschlagen. Die Mitglieder der Jugendorganisation feiern lautstark die Prognosen. Die sagen zwar immer noch das schlechteste Ergebnis jemals vorher, aber es ist nicht mehr ganz so schlimm wie zwei Stunden früher.

„Es sieht jetzt eigentlich recht gut aus. Wir kommen über die 10 Prozent und werden die größte Partei des blauen Blocks“, sagt Anni Matthiesen. 

Anni Matthiesen unterhält sich mit einem jungen Parteimitglied.

Ihr Vorsitzender Troels Lund Poulsen wird Ähnliches sagen, wenn er zwei Stunden bei der Wahlparty erscheint. Die liberale Partei hat mit dem Rückgang gerechnet.

Dasselbe gilt für die Partei von Staatsministerin Mette Frederiksen. Auch hier sieht es ein wenig besser aus als am Anfang des Abends. 

„Ich bin dankbar dafür, dass die Sozialdemokratie im Wahlkreis Sonderburg (Sønderborg) größte Partei wird. Wenn die Wählerinnen und Wähler einem dieses Mandat geben“, sagt Benny Engelbrecht. 

Benny Engelbrecht beobachtet die Prognosen.

Die Arbeiterpartei hat in ganz Nordschleswig und Südjütland deutlich an Stimmen verloren. Der Landestrend hat sich auch hier durchgesetzt. Engelbrecht hätte sich gewünscht, dass regionale Themen wie die Als-Fünen-Verbindung eine größere Rolle gespielt hätten.

„Das gilt auch für die Frage der Grenzkontrollen. Du warst der einzige Journalist, der während des Wahlkampfes danach gefragt hat“, sagt er an den Autoren dieser Zeilen gerichtet.

„Wahnsinn“

Im DF-Zelt ist Peter Kofod ein wenig heißer. Er gönnt sich ein Bier - und erbettelt auch eine Zigarette, obwohl er eigentlich mit dem Rauchen aufgehört hat.

„Das ist Wahnsinn“, sagt er mehrfach. Die rechte Partei konnte sich von 2,6 Prozent auf 9,1 Prozent steigern. Das ist noch einmal deutlich mehr als in der Befragung um 20 Uhr. 

„Es war fantastisch, dass die Zahlen im Laufe des Abends immer besser geworden sind“, sagt er. Die Tatsache, dass die von der Dänischen Volkspartei angestrebte blaue Regierung in weite Ferne gerückt ist, spielt in diesem Moment keine Rolle.

Schwierige Regierungsverhandlungen 

Für Frandsen und die Moderaten verwirklicht sich der Wunsch von den entscheidenden Mandaten. Es sind drei weniger als bisher, doch dafür sind sie wertvoller. Die Partei wird versuchen, eine Regierung über die Mitte hinweg zu erzwingen.

Es werden jedoch weitere Parteien für das Projekt gewonnen werden müssen. Denn für eine neue SMV-Koalition reicht es vorn und hinten nicht. 

„Die Regierungsverhandlungen werden kompliziert“, sagt Benny Engelbrecht. 

Seine Parteivorsitzende Mette Frederiksen hofft darauf, die Verhandlungen leiten zu können. Am Wahlabend bleibt ungewiss, welche Parteien sie als Verhandlungsleiterin unterstützen werden.