Kultur

«Alter, du wirst jetzt 75» - Wolfgang Niedecken verlängert die Zugabe

Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölner Rockgruppe BAP, wird 75.

Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken erlebt mit seiner Band BAP derzeit einen zweiten Frühling. Zum 75. Geburtstag geht er nochmal die Straße ab, die sein Leben geprägt hat.

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Zusammenfassung

  • Wolfgang Niedecken blickt zu seinem 75. Geburtstag auf seine Kindheit in der Kölner Severinstraße zurück.
  • Die Straße, sein Elternhaus und der Vater als „Bap“ prägten seine Biografie und den späteren Bandnamen.
  • Trotz Schlaganfall 2011 erlebt er mit BAP eine späte Erfolgsphase mit Jubiläum, Tourneen und Nummer-eins-Album.

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Die Severinstraße ist Wolfgang Niedeckens Penny Lane. So wie die Liverpooler Straße ein zentraler Treffpunkt in der Jugend von John Lennon und Paul McCartney gewesen ist, so drehte sich bei dem späteren BAP-Sänger alles um die zentrale Ader der Kölner Südstadt. 

Wenn man jetzt mit ihm hier hergeht, dann sieht er immer auch eine untergegangene Welt, die in der Realität nicht mehr existiert, aber in seinem Kopf noch sehr präsent ist. Und in diesen Tagen gibt es einen aktuellen Anlass für einen Blick in den Rückspiegel: Am Montag (30. März) wird Wolfgang Niedecken 75 Jahre alt.

Hier war früher das und das, hier wohnte der und der, sagt er in einem fort. Er hat sogar noch die Gerüche von damals in der Nase. Zum Beispiel den merkwürdigen Mix, der aus der süß-herben Maische der Reissdorf-Brauerei und dem bitteren Rohkakao der Schokoladenfabrik Stollwerck entstand.

Seine Kindheit spielte sich in zwei bis drei Häuserblöcken ab. Er zeigt auf eine Bäckerei: «Da arbeitete meine Mutter, bevor sie meinem Vater übern Weg lief.»

Frage an die Eltern: Seid ihr wahnsinnig geworden?

Gleich im allerersten Haus der Straße ist er aufgewachsen. Die Fassade des Gründerzeithauses ist – typisch für Köln – bis zum ersten Stock verkachelt. «1973 bin ich in der Türkei gewesen, ziemlich lang, und da haben meine Eltern die Gelegenheit genutzt und unten den erhaltenen Stuck abgeschlagen», erzählt er der Deutschen Presse-Agentur. «Sobald ich wieder da war, hab' ich natürlich gesagt: Hört mal, seid ihr wahnsinnig geworden?» Doch seine Eltern hielten ihm auf Kölsch entgegen: «Ja, du muss jo och nit dofür sorjen, datt dä Jievel sauber blieht.» (Du bist ja auch nicht derjenige, der dafür sorgen muss, dass der Giebel sauber bleibt.)

In dem Ladenlokal ist heute ein Reisebüro. Doch wenn Niedecken hineinschaut, sieht er etwas anderes: zwei im rechten Winkel zueinander stehende Tiefkühltruhen. Eine rote Wurstschneidemaschine. Eine elektrische Kaffeemühle. Keksdosen, Zuckersäcke, Sauerkraut-Fässer. Und dazwischen ein kleiner Mann im grauen Kittel: Josef Niedecken, Inhaber des gleichnamigen Lebensmittel- und Feinkostgeschäfts. Sein Vater.

Wenn er nicht zur Schule musste, fuhr er morgens mit ihm in die Markthalle. Das Größte aber war, ihn zum Hafen zu begleiten. Das war die ganz große Welt. «Mein Reisefieber überkam mich damals schon.» Wer ihm heute auf Instagram folgt, bekommt den Eindruck, dass er fast jeden Tag in einer anderen Stadt ist.

In Köln auf den Zug aufspringen, in Indien wach werden

Der Rhein war für ihn das Symbol der Ferne. Die Poller Wiesen auf der anderen Seite, die Schiffe. Stundenlang stand er mit seinen Freunden auf der Südbrücke und schaute den tuckernden Frachtern nach. In die eine Richtung fuhren sie auf die Berge zu, in die andere zum Meer. Wenn die Züge über die Brücke rollten, träumte er davon, auf die Bremserhäuschen aufzuspringen und irgendwo in China oder Indien wieder wach zu werden.

An heißen Sommerwochenenden übernachtete er mit seinen Eltern oft auf einem Campingplatz am Rheinufer. Er weiß noch, wie er abends in dem leer geräumten VW-Bus lag und vor dem Einschlafen auf das Stimmen-Gemurmel der Erwachsenen und das Rauschen der Wellen lauschte.

Unter der Woche spielte er in den noch allgegenwärtigen Kriegsruinen mit Cowboyfiguren und Matchbox-Autos und grub auf Trümmergrundstücken Kaffeelöffel aus. «Für uns war das der perfekte Abenteuerspielplatz.» Überhaupt: Es war eine schöne Zeit zum Aufwachsen, findet er. «Dieser Dorfzustand. Meine Mutter wusste eigentlich immer, wo ich war, weil alle Nachbarn mit auf mich aufgepasst haben.»

«Ich war der Inbegriff eines Papa-Kinds»

In dem Haus in der Severinstraße 1 wohnte die Familie zunächst in der zweiten Etage. «Ich hatte hinten das letzte Zimmer.» Er blickte direkt auf die Severinstorburg, eines der alten Stadttore von Köln, das mit seinen Zinnen und dem hochgezogenen Fallgitter aussieht wie eine Ritterburg. Wie oft hat er da nicht im Fenster gelegen und die Burg gezeichnet. Er konnte sie hinterher auswendig, wusste genau, wie viele Fenster sie hatte, wie viele Zinnen, wie viele Steine.

Seine Eltern hatten ihr Schlafzimmer am anderen Ende der Wohnung. «Das heißt, ich musste, wenn ich nachts wach wurde und Angst hatte, zwei Treppenhaus-Türen auf- und zuschließen, um zu meinen Eltern zu kommen.» Seine Mutter war meist nicht gerade begeistert, wenn er mal wieder an der Bettkante stand, aber sein Vater ließ ihn jedes Mal unter die Decke. «Ich war der Inbegriff eines Papa-Kinds.» 

Sogar der Bandname BAP geht auf den Vater zurück: Weil Niedecken seine Musikerkollegen immer wieder mit Geschichten über die ausgeprägte Sparsamkeit seines Vaters unterhielt, begannen sie ihn mit der Zeit selbst den «Bap», den Papa, zu nennen. «Als dann irgendwann ein Name aufs Plakat musste, hieß es kurz entschlossen: "Schreib da "BAPP" drauf." Aber lass das zweite "p" weg, das sieht Scheiße aus.»

Erste Fremdsprache: Hochdeutsch 

Nächster Stopp ist ein rotes Backsteingebäude. «Volksschule Zwirnerstraße. Auf dem Schulhof gab's einen weißen Strich: Auf der einen Seite durften die Jungen sein, auf der anderen die Mädchen. Das war eine ganze eigene Welt.» Hier habe er seine erste Fremdsprache gelernt, sagt er schmunzelnd: Hochdeutsch. Als er 2011 einen Schlaganfall erlitt, musste er die deutschen Wörter erst mühsam wieder lernen. Kölsch dagegen sprach er, als wäre nichts gewesen. 

Ein paar Ecken weiter schaut er an der schlanken Severinskirche empor. Er kann sich daran erinnern, wie dem Turm 1961 die im Krieg abgeschossene Spitze von einem Hubschrauber wieder aufgesetzt wurde. In dieser Kirche ist er getauft worden, zur Beichte und zur Kommunion gegangen, Messdiener gewesen. Im Pfarrsaal trat er in den 1960er Jahren mit seiner ersten Schülerband «The Convikts» auf.

Die Anfänge von BAP sind mit dem Namen «Chlodwig-Eck» verbunden. Früher lag es am Chlodwigplatz, daher der Name, doch als 1979 die Miete zu hoch wurde, wich man in die Annostraße aus. Im «Chlodwig-Eck» schrieb Niedecken seine Texte, hier gaben sie die ersten Konzerte, hier feierten sie später ihre Plattenerfolge. Anfang der 80er Jahre war das. Ost-West-Konflikt. Nato-Doppelbeschluss, Friedensbewegung, Hofgarten-Demo.

Wenn er 2011 abgetreten wäre, hätte er so einiges verpasst

An diesem Tag ist es noch zu früh, um ins «Chlodwig-Eck» zu gehen, stattdessen steuert Niedecken ein Café an. «Ich bin im Grunde traumwandelnd durch mein Leben gesurft», bilanziert er bei einem schwarzen Tee mit Milch. «Ich hatte immer unglaubliches Glück.» 

Wenn er jetzt in den Spiegel schaut, denkt er: «Ja, Alter, du wirst jetzt jeden Moment 75, und das ist schon eine Marke.» Er ist sich bewusst, dass er schon lange bei der Zugabe ist. Genauer gesagt seit 15 Jahren. Seit dem Schlaganfall. Vielleicht hat er nur deshalb überlebt, weil seine Frau Tina im entscheidenden Moment alles richtig gemacht hat. Sie rief sofort den Notarzt. Wenn er damals abgetreten wäre… er hätte so einiges verpasst. An erster Stelle drei Enkelkinder.

Heute fühlt er sich so gut wie schon lange nicht mehr. Was BAP betrifft, so hat die Band in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, eine bemerkenswerte späte Hochphase. Mit dem Live-Album «Zeitreise» erreichte sie zum 13. Mal Platz 1 der deutschen Album-Charts und zog an Stars wie Taylor Swift vorbei. Die «Zeitreise»-Tournee wurde mehrfach verlängert. Dieses Jahr feiert die Band ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Auftritt im Kölner Rheinenergie-Stadion. Ende November dann eine neue Tournee durch Arenen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Titel: «Zielgerade».

Rückweg über die Severinstraße. Wenn der Mann mit Hut, Bart und Silberlocken durch sein Revier läuft, dauert es nie lange, bis jemand stehen bleibt und ihn anspricht. «Danke» und «mach weiter» ist an diesem Tag dabei. Mittlerweile wohnt er ein Stück weiter südlich, in einem Haus mit Garten und Rheinblick. Aber die Severinstraße, klar, die bleibt sein Nabel der Welt.