Kommentar

Hans Christian Schmidt: Ein Abschiedsblick hinter die Kulissen

Hans Christian Schmidt (rechts) und Siegfried Matlok bei einem TV-Interview auf Christiansborg.

Der Venstre-Politiker Hans Christian Schmidt war fast 50 Jahre im Dienste der dänischen Demokratie unterwegs.  Der erste Leiter des deutschen Sekretariats Kopenhagen, Ex-Chefredakteur Siegfried Matlok, lüftet in seinem Kommentar einige Geheimnisse von Schmidt – und verleiht ihm einen ganz besonderen Titel.

Veröffentlicht Geändert

Kommentar

Dieses ist ein Kommentar aus der Redaktion des „Nordschleswigers“. Bei Kommentaren handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Viele mehr oder wenige bekannte Folketingspolitikerinnen und -politiker verlassen mit dem Wahltag am 24. März das Parlament – darunter sind auch einige, die sich im Folketing um Land, Volk und auch um die Volksgruppe verdient gemacht haben. 

„Der Nordschleswiger“ hat kürzlich durch den Kopenhagener Kollegen Walter Turnowsky ein Abschiedsinterview mit dem langjährigen nordschleswigschen Venstre-Abgeordneten Hans Chr. Schmidt aus Woyens (Vojens) geführt, der im Alter von 72 Jahren nach 32 Jahren Folketingsmitgliedschaft freiwillig ausscheidet. 

In der Zeit der SVM-Regierung – ob nun sein Leibgericht oder nicht – hat er loyal als Vorsitzender im Kulturausschuss des Folketings manche Strippen gezogen und sich gerade in dieser Periode große Verdienste im Verhältnis zwischen dem dänischen Königreich und der deutschen Volksgruppe erworben.

Aber dieser so erfreuliche historische Wandel hat ja auch seine Vorgeschichte, die – auch mit persönlichen Erfahrungen – in der Abschiedsstunde Erwähnung verdienen; beachtliche sogar. 

Schmidt wurde 1994 erstmalig für Venstre im Wahlkreis Hadersleben (Haderslev) in das Folketing gewählt, anfangs teilte er auf Christiansborg sogar sein Abgeordnetenbüro – mit Lars Løkke Rasmussen, der gleichzeitig sein Debüt gab und der deshalb nach der 2026-Wahl sogar als „Alterspräsident“ das neue Folketing eröffnen wird.

Am Haderslebener Seminar wurde H. C. Schmidt – von Freunden ja nur Hans genannt – als Lehrer ausgebildet, zunächst tätig an der Volksschule Nustrup. Seit 1990 politisch aktiv für Venstre im Stadtrat von Woyens, wo er eine enge und sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem damaligen Venstre-Bürgermeister Nis Mikkelsen pflegte. 

Mikkelsen zeigte Schmidt sein Bürgermeister-Büro und wollte ihn sogar als seinen Nachfolger gewinnen, doch – obwohl 1. Vize-Bürgermeister seit 1998 – winkte Schmidt dankend ab. Es hatte ihn bereits 1994 – also schon lange vor der Kommunalreform mit der Großkommune Hadersleben  2006/2007 – ins Folketing gezogen, wo er wahrlich große Karriere machte.

Die wichtigsten Stationen: Umweltminister (miljøminister) von 2001–2004 in der Regierung Fogh Rasmussen, von 2004–2007 Lebensmittelminister und danach bis 2010 einflussreicher Fraktionsvorsitzender von Venstre, bis er 2010 – nun von Staatsminister Lars Løkke – zum Transportminister berufen wurde. 

Im Oktober 2011 musste die Regierung Løkke zwar zurücktreten, aber 2015–2016 kehrte Schmidt – erneut unter Chef Løkke – wieder ins Transportministerium zurück, wo er auch für die Zukunft des Landes Spuren hinterließ, nicht zuletzt in Verbindung mit der Fehmarn-Belt-Querung.

Dass sich heute so manche ihrer deutsch-dänischen Verdienste rühmen, sei ihnen gegönnt, aber es gab andere Zeiten, wo wichtige Akteure oft mit kleinen Schritten erste Löcher in die damals durchaus noch vorhandene „Brandmauer“ bohrten. 

Dazu – und dies sollte nicht in Vergessenheit geraten – gehörte eben H. C. Schmidt. 

Es begann 1994 eine Zusammenarbeit mit dem 1983 eröffneten deutschen Sekretariat Kopenhagen, wo es sich als Glücksfall erwies, dass Schmidt in den Anfangsjahren neben seiner Folketingsmitgliedschaft auch noch Sozialausschuss-Vorsitzender der Kommune Woyens war. 

Die Minderheit vor Ort kämpfte um das Überleben des Deutschen Kindergartens Sommerstedt, weil die Kommune fast gar nichts an Zuschuss leisten wollte. Bei manchen Flügen von Kopenhagen nach Skrydstrup fand ich Gelegenheit, diese Frage mit Schmidt in aller Freundlichkeit hoch über den Wolken zu diskutieren. 

Schmidt sprach daraufhin mit Bürgermeister Mikkelsen und forderte nun selbst nachdrücklich Gleichberechtigung für den deutschen Kindergarten, dessen kommunale Zuschüsse daraufhin sprunghaft und vor allem deutlich angehoben wurden.

Ein anderes Beispiel: Als Schmidt in seiner Eigenschaft als Umweltminister einen Sonderausschuss für die Tonderner Marsch einsetzen sollte, bat ich ihn darum, dabei auch den Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig (LHN) zu berücksichtigen. Dies führte dann dazu, dass Schmidt den damaligen LHN-Vorsitzenden Fedder Hindrichsen aus Hoyer in den Ausschuss berief, der die natur-und landwirtschaftlichen Interessen in der Marsch wahrnahm.

Neues Beispiel: als dem Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) durch einen politischen Vergleich des damaligen Unterrichtsministers Bertel Haarder harte Kürzungen drohten, gelang es mit Hilfe des damaligen Dansk-Folkeparti-Abgeordneten Søren Krarup und des damaligen DSSV-Schulrats Claus Diedrichsen in einer Telefonschalte nachträglich eine zufriedenstellende Lösung mit Bertel Haarder zu erreichen. Gleichzeitig half aber auch Minister Schmidt, um in der Venstre-Fraktion bei der Haarder-Nachfolgerin Tina Nedergaard um Unterstützung für diesen Kompromiss zu suchen. Und halten Sie sich bitte fest: Schmidt versprach ihr – sozusagen als Gegenleistung – eine höhere Fischereiquote für ihre Wähler in Nordjütland, so wird eben manchmal hinter den Kulissen Politik gemacht.

Aber Schmidt war für das deutsche Sekretariat Kopenhagen und für die deutsche Minderheit auch ein Gewinn aus Gründen, die oft in der Politik unterschätzt werden: er war nämlich menschlich ein Gewinn, als Stimmungskanone – als alter Musiklehrer in der „Vojens Musikskole“ immer beim Gemeinschaftsgesang den Ton angebend.

Ein zwischenmenschlicher Gewinn, vor allem beim Neujahrsempfang des Sekretariats in den engen Räumen in der Peder Skramsgade 11 für alle nordschleswigschen Folketingsabgeordneten gemeinsam mit besonderen Gästen aus der Volksgruppe. Hier wurde bei einer „Bombenstimmung“ wertvolle Kontakte geknüpft, und auch die gemeinsame Entscheidung getroffen, dass künftig jährlich eine oder ein nordschleswigscher Folketingsabgeordneter ein Grußwort des Folketings beim Deutschen Tag in Tingleff sprechen sollte – nicht nur ein atmosphärischer Durchbruch.

Noch heute bin ich Schmidt dafür dankbar, dass er mich auch in seiner Zeit als Minister manchmal zur Hilfe aufforderte, vor allem als Transportminister in Sachen Fehmarn-Belt-Querung, wo ich ihm besonders wichtige deutsche Gesprächspartner vermitteln konnte. Das hat – jedenfalls hoffentlich ein wenig – für seinen innenpolitisch historischen Erfolg gesorgt, das zu dem Zeitpunkt in Deutschland auf wackeligen Beinen stehende Fehmarn-Projekt im März 2016 durch einen sieben Folketings-Parteien umfassenden Vergleich zu retten.

Hans Schmidt hat – kommunal und landespolitisch – in den insgesamt 47 Jahren seiner Tätigkeit gewiss auch schwere Stunden erlebt, aber die größte Freude war für ihn, dass er, der stets die Nähe zum Volk suchte, bei allen Wahlen mit hohen persönlichen Stimmenzahlen wiedergewählt wurde. Einen größeren Vertrauensbeweis kann es für einen Politiker, für einen Diener der Demokratie nicht geben.

Deshalb möchte ich dem guten Hans das Märchen der Gebrüder Grimm ans Herz legen, in dem die Hauptperson Glück und Zufriedenheit findet mit dem, was man (geleistet) hat. Und ihm dankbar diesen deutsch-dänischen Ehrentitel verleihen: Hans im Glück – Lykkehans!