LEITARTIKEL

Der „kære“ Volksheld Sepp

Schwarzweiß-Porträt von Sepp Piontek in Trainingskleidung mit ernstem Blick
Sepp Piontek wurde 85 Jahre alt.

Trauer um den Tod von Sepp Piontek – ganz besonders herzlich in Dänemark, wo der Deutsche als erfolgreicher Trainer der dänischen Fußball-Nationalelf identitätsstiftend sogar Nationalheld geworden ist. Aber auch aus deutscher Sicht, gerade aus Sicht der deutschen Minderheit in Dänemark, verdient es „Sepp“, dass sein Andenken in Ehren gehalten wird, meint Ex-Chefredakteur Siegfried Matlok, auch nach persönlichen Erlebnissen.

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Leitartikel

Dieses ist ein Leitartikel aus der Redaktion des „Nordschleswigers”. Bei Leitartikeln handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Mit Josef Emanuel Hubertus Piontek ist als Sepp Piontek ein dänischer Volksheld, ja aus meiner Sicht sogar ein deutsch-dänischer Volksheld, im Alter von 85 Jahren gestorben. Als ich vor vielen Jahren einmal von einem dänischen Publikum gefragt wurde, wer für die deutsch-dänischen Beziehungen eine Wende herbeigeführt habe, antwortete ich damals: Sepp Piontek und Angela Merkel.

Und dies gilt 2026 nach seinem Ableben umso mehr; heute würde ich sogar „Zeitenwende“ hinzufügen.

Es war ein Glücksfall, dass der im oberschlesischen Breslau am 5. März 1940 geborene Junge nach der Flucht ins ostfriesische Leer (die ihn bis zuletzt mit großer Dankbarkeit erfüllte) als Fußballer entdeckt wurde – sogar als ein besonders guter, der mit seinem Herzensklub Werder Bremen 1965 die deutsche Fußball-Meisterschaft an die Weser holte.

Dass er, der seine Laufbahn als Mittelstürmer begonnen hatte, als eisenharter Verteidiger („Klopper“ genannt) weder 1962 vom berühmten Sepp Herberger noch 1966 von dessen Nachfolger Helmut Schön ins endgültige deutsche WM-Aufgebot berufen wurde, war eine seiner größten Enttäuschungen in seinem Sportlerleben.

Als Trainer von Werder, Fortuna Düsseldorf und dem FC St. Pauli hatte er nicht die größten Bundesliga-Erfolge, doch dann zog er mit 39 Jahren das große Los, als der dänische Fußballverband („Dansk Boldspil-Union“, DBU) 1979 endlich die Konsequenzen zog und in der Nationalmannschaft voll auf den Profi-Fußball setzte.

Piontek bekam vom damaligen DFB-Präsidenten Neuberger die besten Empfehlungen, und dies gab in Kopenhagen den Ausschlag, obwohl Sponsor Carlsberg einen anderen deutschen Trainer (Weisweiler) bevorzugt hatte. Der später unter Piontek zum Weltstar sich entwickelnde dänische Mittelstürmer Preben Elkjær erinnerte sich daran, dass er bei der Wahl eines neuen Nationaltrainers nur einen Wunsch hatte: Bloß keinen Deutschen. Aber mit Piontek kamen Disziplin und Ordnung.

So änderte er schrittweise erfolgreich den dänischen Semi-Amateur-Fußball, löste vor allem das rot-weiße Hygge-Training von Auslandsprofis wie Elkjær ab, der trotz anfänglich saurer Miene ebenso wie seine Kameraden Arnesen und Lerby schnell die Früchte harter Piontekscher Trainingsarbeit erkannte – und reich erntete.

Und gleichzeitig erkannte Piontek, was er unserem damaligen Sportredakteur Gwyn Nissen in einem Interview am 31. Dezember 1983 im „Nordschleswiger“ verriet: „Ich kann aus den Dänen keine Deutschen machen“, so Piontek, der kurz zuvor bereits zum „besten Trainer der Welt“ gewählt worden war.

Piontek wurde berühmt und populär durch die sensationellen Siege der dänischen Nationalmannschaft, die wie ein Wunder als früherer Zwerg nun sogar die ganz Großen schlug: England, Brasilien und auch Deutschland bei der WM 1986 in Mexiko, wo er die favorisierte Mannschaft von „Kaiser“ Franz Beckenbauer mit 2:0 besiegte. Ja, Piontek war hiermit übrigens neben Georg Buschner (für die DDR bei der WM 1974) der einzige deutsche Trainer, der jemals mit einer Nationalmannschaft die bundesdeutsche Mannschaft in einem Pflichtspiel besiegte.

Aber es war nicht nur „Danish Dynamite“, das er erfolgreich nicht nur auf dem grünen Rasen abfackelte; es war auch seine persönliche Art und Weise, wie er deutsche Tugend mit dänischer Gelassenheit und spielerischer Genialität (wie z. B. Laudrup) paarte und wie er dadurch nicht nur die Herzen der fußballbegeisterten Dänen gewann.

Er war ein fantastischer Trainer, er war ein guter Mensch.

Allan Simonsen

Es war in Wirklichkeit identitätsstiftend für die dänische Nation. Seine Popularität wurde noch „folkelig“ gesteigert, als die Nationalmannschaft und Piontek mit der Pop-Musikerin Dodo Gad das Lied mit dem Titel „RE-SEPP-TEN“ und den legendären Zeilen „Vi er Røde, vi er Hvide“ sangen, die bis heute wie eine zweite Nationalhymne die selbstbewusste Erfolgsstory vom Aufstieg des hässlichen Entleins schildern.

Das macht „Sepp“ ebenso unvergessen wie seine Ehrung in der „Hall of Fame“ 2021, wo er von mehr als 40.000 Zuschauern im Kopenhagener Parken wie einst umjubelt wurde.

Gewiss, damit wurden in erster Linie seine sportlichen Erfolge für ewig geehrt – wie auch im DBU-Nachruf eindrucksvoll gewürdigt – aber es ist vor allem die Person, die Persönlichkeit des Sepp Piontek (der zuletzt sogar noch Grönlands Nationaltrainer war), die in Ehren gehalten wird. Einer der größten dänischen Fußballer aller Zeiten, der „kleine“ Allan Simonsen, der unter Piontek zur Weltklasse emporstieg, würdigte ihn mit den Worten: „Er war ein fantastischer Trainer, er war ein guter Mensch.“

N. B.: Als Sepp Piontek 2020 einmal gefragt wurde, ob er denn deutsch oder dänisch sei, welche Frage, aber er beantwortete sie wie folgt: „Bin heute 55 Prozent Däne und 45 Prozent Deutscher.“ In einem dänischen TV-Werbespot mit Piontek für eine bekannte deutsche Automarke wurde er wie folgt beschrieben: „Ein dänischer Volksheld, aber mit deutschen Wurzeln.“

Das Plakat von 1986

Ich hatte die Freude, ihn etwas näher kennenzulernen. Mir gelang es, den damaligen deutschen Botschafter in Dänemark, Rudolf Jestaedt, davon zu überzeugen, Piontek im Auftrag von Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1986 in der Kopenhagener Residenz zu verleihen.

Piontek, in Begleitung seiner Ehefrau, der Volksschullehrerin Gitte, dankte mit den Worten: „Ich werde den deutschen Orden mit Stolz tragen.“ Und drei Jahre später gelang es mir, Piontek auch in die Tingleffer Sporthalle einzuladen, im Rahmen des Staatsbesuchs von Bundespräsident von Weizsäcker, der – wie auf einem Bild in unserer Zeitung von 1989 zu sehen ist – mit Piontek fußballerisch fachsimpelte.

Piontek hat anschließend in einem Kommentar für den „Nordschleswiger“ den Besuch des Bundespräsidenten in Dänemark und Nordschleswig als einen deutsch-dänischen Verdienst der deutschen Minderheit gewürdigt.

Zu Hause halte ich in Ehren ein vom „Nordschleswiger“ am Vorabend des WM-Spiels Deutschland gegen Dänemark in Mexiko entworfenes Plakat mit den Bildern von Sepp Piontek und Franz Beckenbauer – mit dem natürlich ironisch gemeinten Titel „Der står en tysker nag enhver succes“.

Piontek und Beckenbauer wurden persönliche Freunde. Wir haben beiden viel Identität zu verdanken!