Kultur

Deutsch in Tondern – zwei Lebensgeschichten im Dialog

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Die Brandschutzbehörden gestatten nur 40 Zuhörende. Ansonsten hätte die Tonderner Bibliothek weit mehr Plätze für die Veranstaltung mit Dirk Andresen (Mitte) und Michael Longerich (r.) verkaufen können.

Dirk Andresen und Michael Longerich berichteten in der dänischen Bücherei in Tondern sehr persönlich über ihre Lebenswege – zwischen deutscher Minderheit, dänischer Mehrheit und dem ganz normalen (Zusammen-)Leben im Grenzland. Der Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe „Die Fremden“, die die Bibliotheken auf beiden Seiten der Grenze anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs ausrichtet.

Volles Haus in der dänischen Bibliothek Tondern: Die Atmosphäre war erwartungsvoll, als sich 40 Gäste dort kürzlich versammelten, um an einem Vortragsabend in der Reihe „Die Fremden“ teilzunehmen, den die Veranstalter selbst als „eine Begegnung über nationale Identitätsgrenzen hinweg“ ankündigten. Und genau das wurde geboten: Persönliche Geschichten voller Wärme, Ironie – und feiner kulturhistorischer Zwischentöne. Dirk Andresen und Michael Longerich gewährten dem Publikum tiefe Einblicke in zwei ganz unterschiedliche Biografien, die sich im deutsch-dänischen Grenzland doch auf bemerkenswerte Weise kreuzen.

Wer sich im Vorfeld keines der 40 Tickets gesichert hatte und auf gut Glück in die Bibliothek in der Richtsensgade gekommen war, konnte entweder gleich wieder umdrehen oder sich wie Jane Johannsen und Christa Specht hoffnungsvoll auf die Wartebank setzen.

Die Fremden – De fremmede

Anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs richten die Bibliotheken des deutsch-dänischen Grenzlandes den Fokus darauf, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen im deutsch-dänischen Grenzgebiet einander wahrnahmen und miteinander und getrennt in der Nachkriegszeit lebten.

Im Rahmen dieser Reihe gab es bereits Berichte von Geflüchteten, Rückblicke von denen, die in dem Spannungsfeld zwischen deutscher und dänischer Kultur nach dem Krieg aufwuchsen, Erzählungen über Freundschaften, die über Grenzen hinweg geknüpft wurden, und darüber, welche Spuren das Misstrauen gegenüber „den Fremden“ im Grenzland und bei seinen Bewohnern hinterlassen hat.

Das Projekt „Die Fremden“ wird gefördert von dem Bürgerprojektefonds, Interreg Deutschland-Danmark und der Europäischen Union.

„Manchmal bestellen Leute Tickets und kommen dann doch nicht“, lautete die Mitteilung des freundlichen Bibliotheksmitarbeiters, und tatsächlich: Jane Johannsen – selbst vor vielen Jahrzehnten aus den USA in Tondern eingewandert – und Christa Specht, aus einer typischen nordschleswigschen Minderheitenfamilie stammend, wurden wenige Sekunden vor Beginn des Vortrags doch in den Saal gelassen. – Sie waren gespannt auf den Verlauf des Abends und wurden nicht enttäuscht.

„Tondern ist meine Heimat“

Dirk Andresen ist in Tondern geboren und aufgewachsen – in einer Familie der deutschen Minderheit. Sein Urgroßvater kam 1885 von Sylt (Sild) nach Tondern, um eine Lehre als Eisenwarenhändler zu absolvieren. Vier Generationen lang prangte der Schriftzug „Nic. Andresen“ über dem Geschäft in der Stadt – ein fester Bestandteil des örtlichen Lebens.

„Bei uns zu Hause wurde selbstverständlich Deutsch gesprochen – auch nach 1920“, erzählte Dirk Andresen. Seine Familie sei in beiden Weltkriegen auf deutscher Seite involviert gewesen. Er selbst hat beim dänischen Militär seinen Wehrdienst versehen.

Sein Vater wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Faarhus-Lager interniert und kam anschließend nach Maribo, wo er sich in eine junge Dänin verliebte. Damit kam zum ersten Mal „dänisches Blut“ in die Familie, wie Dirk Andresen es augenzwinkernd formulierte.

Er selbst besuchte den deutschen Kindergarten und die Ludwig-Andresen-Schule. Wirkliche Anfeindungen wegen seiner Herkunft habe er nie erlebt. „Es gab gelegentlich mal kleinere Neckereien, würde ich sagen. Ich war aber nie in eine Prügelei verwickelt. Wenn allerdings die SG West gegen Tønder SF Handball spielte, dann kam schon so etwas wie Länderspielstimmung auf“, erinnert er sich mit einem Lächeln. Dass es da auch andere Erzählungen gibt, weiß auch er.

Dirk Andresen (l.) und Michael Longerich (r.) schilderten ihr Leben als „Deutsche“ in Tondern – der eine ist in der Wiedaustadt aufgewachsen, der andere kam erst als Erwachsener aus Südbaden dorthin.

Heute lebt Dirk Andresen mit seiner Frau Lene, einer Dänin aus Scherrebek, in Tondern. Dass das Zusammenleben von deutscher und dänischer Kultur im Alltag auch Verhandlungsgeschick erfordert, zeigte eine Anekdote zur Hochzeit: Die Familie der Braut schenkte dem Paar in bester Absicht einen Fahnenmast mit Dannebrog. „Das geht nicht, Lene“, musste Dirk Andresen damals seiner Braut vorsichtig erklären. Die dänische Nationalflagge im Garten hätte damals ganz gewiss Probleme mit seiner Familie heraufbeschworen. Seine Frau lenkte ein und – stattdessen wurde ein kleines Tischfähnchen zur gemeinsamen Lösung. Sie schmückt seitdem den Esstisch der Familie bei feierlichen Anlässen.

Die drei Söhne des Paares besuchten alle den deutschen Kindergarten und die deutsche Schule – leben heute jedoch außerhalb Nordschleswigs und der Minderheit. Die Haussprache ist Dänisch, nicht zuletzt wegen der Schwiegertöchter. Eines bleibt für Dirk jedoch nicht verhandelbar: „Meine Enkel sollen mich Opa nennen.“

Vom Einwanderer zum „Opa“

Michael Longerichs Weg nach Tondern war ganz anders – aber nicht weniger prägend. Der aus Südbaden stammende Lehrer kam 1989 nach Dänemark, der Liebe wegen. Seine spätere Frau Ella hatte er rund sechs Jahre zuvor in Freiburg kennengelernt. Sie war eine dänische Austauschstudentin. Als sie ihr Studium beendet hatte, wurde ihr eine Stelle am Gymnasium in Tondern angeboten. Erst lehnte sie ab, weil ihr ein anderes Angebot aus Aarhus besser gefiel – dann aber erkannte Michael das Potenzial der grenznahen Lage: „Von Tondern aus hätte ich ja auch in Deutschland arbeiten können.“

Das Paar zog nach Tondern – für fünf Jahre, so der Plan. Daraus sind inzwischen mehr als drei Jahrzehnte geworden. Michael Longerich fand ebenfalls eine Anstellung am Gymnasium und blieb. „Ich bin toll aufgenommen worden“, sagte er. Sprachbarrieren gab es zwar, aber eher wegen des lokalen „Synnejysk“ seines Nachbarn als wegen Deutsch-Dänisch.
Ein Umzug ist auch nach der Pensionierung nicht geplant. Es zieht sie weder nach Seeland in die Nähe der Enkelkinder, noch nach Freiburg.

Auch er hat drei Söhne, die alle den deutschen Kindergarten in der Popsensgade besuchten. „Das war für mich ideal – die Sprache war mir vertraut.“ Die Kinder kamen anschließend in die dänische Schule. Mit seinen Söhnen spricht Michael Longerich aber weiterhin Deutsch. Obwohl er sich nicht als Teil der deutschen Minderheit sieht, nutzt er gerne die deutsche Bücherei und fühlt sich der Kultur verbunden.

Michael Longerich überraschte Dirk Andresen (Foto) mit einem Geschenk. Auf dem Dachboden des Tonderner Gymnasiums hatte der pensionierte Lehrer ein Werbeheft des Haushaltswarenladens Nic. Andresen gefunden. Es stammt vermutlich aus den 1980er-Jahren.

Seine Integration war weitreichend – selbst eine Konversion zur dänischen Volkskirche nahm er auf sich. „Ich bin durch und durch Demokrat. Ich konnte nicht in einer so undemokratisch aufgebauten Kirche wie der katholischen bleiben“, erklärte er.

Trotz aller Integration sieht sich Michael bis heute als „Einwanderer“ – obwohl er gut integriert ist, wie er selbst findet. Als er sich selbst auf Dänisch fluchen hörte, wusste er für sich, dass er es geschafft hat.

Als er die dänische Staatsbürgerschaft beantragte, wurde zunächst verlangt, dass er den Einbürgerungstest ablegt – obwohl er seit Jahren Geschichte und Gesellschaftskunde auf Dänisch unterrichtete. Den Test verweigerte er deshalb – aus Prinzip. Erst nach einem zweiten Anlauf und mit Unterstützung seiner Schule wurde ihm die Staatsbürgerschaft doch noch verliehen.

Zwischen den Kulturen – mit beiden Füßen im Leben

Ob Dirk Andresen oder Michael Longerich: Beide Männer erzählten mit viel Humor, aber auch mit Tiefgang, wie sich Lebenswege im Grenzland entwickeln – geprägt von persönlichen Entscheidungen, historischen Rahmenbedingungen und kulturellem Feingefühl.

Anfeindungen? „Kaum“, lauteten die Antworten beider – auch wenn Michael Longerich ein paar Anekdoten zu erzählen wusste: Etwa von einer Klassenfahrt, auf der dänische Lehrer aus Kopenhagen meinten, man höre sofort, dass er „aus Sønderjylland“ komme. Und dass sein Unterricht nie überprüft wurde, sei wohl einem verbreiteten Klischee zu verdanken: Ordnung muss sein! „Deshalb schaute man bei mir nicht so genau hin. Das wird wohl in Ordnung sein; er ist ja Deutscher“, vermutet er.

Was bleibt von diesem Abend? Zwei bewegende Geschichten, viele Gemeinsamkeiten – und die Erkenntnis, dass „fremd“ zu sein nicht nur eine Frage von Herkunft ist, sondern oft eine Frage der Perspektive.

Der nächste Vortrag in der Reihe „Die Fremden“ findet erneut in der Tonderner Bibliothek statt. Carsten Lund, Apenrade (Aabenraa), wuchs in Tondern auf. Der fast 95-Jährige wird am Dienstag, 30. September, von 16 bis 17.30 Uhr über seine Kindheit und Jugend in den 1930er- und 1940er-Jahren in der Wiedaustadt erzählen. Der Titel seines Gesprächs mit Tue Søvsø lautet: Handgranaten, Hitlerjugend und Humanitäre Hilfe. Es ist ratsam, Tickets im Vorfeld zu kaufen.