Wort zum Sonntag

„Sieben Wochen ohne“ – oder „Sieben Wochen mit“?

Ein schlichtes Holzkreuz ragt vor einem strahlend blauen Himmel mit lockeren Wolkenformationen in die Höhe.
Das Wort zum Sonntag (Symbolfoto).

Verzicht: Die Fastenzeit bietet Raum für neue Erfahrungen. Viele Menschen nutzen diese Zeit, um Gewohnheiten zu überdenken. Pastorin Christiane Stahlmann beschreibt in ihrem Wort zum Sonntag, wie der Verzicht auf Schokolade zu neuen Einsichten führen kann.

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Wort zum Sonntag

Mit dem Wort zum Sonntag richten sich im Wechsel die Pastorinnen und Pastoren der Nordschleswigschen Gemeinde der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, der deutschsprachigen Gemeindeteile der dänischen Volkskirche und der deutschsprachigen Gemeinde in Kopenhagen an die Leserinnen und Leser des „Nordschleswigers“. Es stellt keine Stellungnahme der Redaktion dar.

„Schokolade löst keine Probleme? Aber das tut ein Apfel ja auch nicht!“ – dieser Postkartenspruch hing lange an meiner Küchentür. Ich finde nämlich durchaus, dass Schokolade Probleme löst. Also, nicht „löst“, aber manchmal ist sie eine wunderbar schnelle Belohnung, ein süßer Trost, der letzte kleine Energienachschub, den ich schnell brauche.

Wie sehr ich auf Schokolade als Alltagshelferin setze, wird mir immer dann bewusst, wenn ich eine Weile auf Schokolade verzichte. Zum Beispiel jetzt, in der Fastenzeit, die an Aschermittwoch begonnen hat. Vierzig Tage und sechs Sonntage lang, so kennt es die kirchliche Tradition, bereiten sich Christinnen und Christen zwischen Aschermittwoch und Karsamstag auf Ostern vor. Zeit, um an den Sonntagen im Gottesdienst den Weg von Jesus bis ans Kreuz zu begleiten und sich mit seinen Geschichten auch eigenen Lebensfragen zu stellen. Zeit, um im Alltag genauer hinzuschauen. Platz zu schaffen – und zwar dadurch, dass man etwas Liebgewordenes, Bequemes oder vielleicht auch Belastendes mal für vierzig Tage sein lässt. Das ist die ursprüngliche Idee des Fastens: Ich schaffe Raum und schärfe meine Sinne für das, was wirklich wichtig ist. Ich mache Platz in meinem Leben für Gott, für andere und für mich selbst.

Am Anfang der Fastenzeit merke ich davon meistens nichts – ich bin zu sehr damit beschäftigt, mir zu überlegen, was denn die Schokolade ersetzen könnte (und ein Apfel ist es definitiv nicht!). Aber je mehr Tage vergangen sind, desto leichter fällt es mir, zu spüren, was ich eigentlich brauche: Einen kurzen Spaziergang? Einmal kurz jemanden umarmen? Einer Freundin eine Nachricht schreiben? Oder auch nur einen langen Seufzer und den Blick zum Himmel. Das ist dann schon fast ein Gebet.

So nach und nach werden aus meinen sieben Wochen ohne Schokolade „Sieben Wochen mit…“ Mit neuen Gewohnheiten, mit mehr Pausen, mit Stoßseufzergebeten und Dankesnachrichten an Gott. Manchmal mit dem sehnsuchtsvollen Blick auf den Küchenschrank und manchmal mit dem ungewohnten Gefühl, gerade gar nichts Süßes zu brauchen.

Jedes Jahr hoffe ich wieder, dass es mir gelingt, diese guten Erfahrungen in die Zeit nach Ostern mitzunehmen. Auch wenn ich mich schon jetzt auf das erste Schoko-Ei am Ostermorgen freue…