Deutsche MInderheit

Aufgewachsen zwischen Staat und Kirche: Cornelia Simon über ihre DDR-Kindheit

Cornelia Simon an ihrem Wohn- und Arbeitsplatz, dem Pastorat in Gravenstein. Sie erlebt die Freiheit, ihren Glauben leben und teilen zu dürfen, als großes Geschenk.

Als Teenager erlebt Pastorin Cornelia Simon das Ende der DDR – zwischen Flüstern am Küchentisch, West-Radio und kirchlicher Nische. Heute arbeitet sie im Pfarrbezirk Gravenstein und spricht darüber, warum sie die Freiheit, offen reden zu dürfen, noch immer nicht für selbstverständlich hält.

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Zusammenfassung

  • Cornelia Simon wuchs in Warnemünde zwischen staatlicher Kontrolle und kirchlichem Freiraum auf.
  • Prägende Erfahrungen von Misstrauen, Mangel und Schweigen kontrastierten mit einer tragenden kirchlichen Gemeinschaft.
  • Heute arbeitet sie als Pastorin für die deutsche Minderheit in Gravenstein und erlebt Glaubens- und Meinungsfreiheit als tägliches Geschenk.

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Konfirmationsunterricht in Kooperation mit der Deutschen Schule Sonderburg (Sønderborg) und der Deutschen Privatschule Pattburg (Padborg): Das ist für Pastorin Cornelia Simon etwas Besonderes. Denn sie ist in einem Staat aufgewachsen, in dem Glaube und Religion nicht gerne gesehen waren. 

In ihrer Arbeit im Pfarrbezirk Gravenstein (Gråsten) der Nordschleswigschen Gemeinde erlebt sie Glaubensfreiheit auch heute noch als Geschenk. Cornelia Simon wächst in Warnemünde bei Rostock auf – mitten in der DDR. „Ich habe fast 13 Jahre in der DDR gelebt“, sagt sie, „ich war Teenager, als die Mauer fiel.“

Zwei Welten: Wohnzimmer und Staat

Wenn Simon von ihrer Kindheit erzählt, taucht immer wieder ein Bild auf: der Küchentisch, das Radio ihres Vaters – und das Gefühl, auf jedes Wort achten zu müssen. „Es gab zwei Welten, in denen wir uns bewegt haben“, sagt sie. „Das eine war das Zuhause und die Kirche, das andere war die Öffentlichkeit.“

Cornelia Simon (links) mit ihren Geschwistern. Mit Blick auf die ähnlichen Frisuren der Kinder sagt sie mit einem Lachen: „Meine Mutter hat uns allen dreien die Haare geschnitten.“

Zu Hause läuft ein Westsender nach dem anderen. „Mein Vater hat immer ‚RIAS‘ gehört“, erinnert sie sich an den legendären Sender aus West-Berlin. „Oder ‚NDR‘, ‚Deutschlandfunk‘ – er hat sich alles über Radio angeeignet.“ In der Schule und im staatlichen Umfeld gelten andere Wahrheiten. „Man musste wirklich aufpassen, dass man nichts Falsches sagt. Die erste Pflicht war: keine Namen nennen.“

Das prägt bis heute. „Wenn Freunde im Café ganz laut über andere reden, dann denke ich automatisch: Sag bloß keinen Namen“, sagt sie. „Das steckt einfach noch drin.“

Kirche als Freiraum – und Makel

In der DDR ist Kirche für Cornelia Simon beides: Rettungsanker und Stigma. „Die Kirche war Freiraum, Freizeit, seelische Heimat – auch für meine Eltern“, erzählt Simon. Ihre Familie ist über Generationen kirchlich verwurzelt, die Eltern arbeiteten in weltlichen Berufen. Die Mutter als Bauingenieurin, der Vater später im Wasserbau, wovon er nach der Wende beruflich profitiert.

„Ich sehe meine Mutter noch stehen und weinen. Wir dachten zuerst, es wäre etwas Schlimmes passiert.

Cornelia Simon

In der Schule ist Christsein etwas, das markiert wurde. „Einmal im Jahr mussten wir aufstehen, wenn gefragt wurde: Wer ist in der Kirche?“, erzählt sie. „Wir waren nur zwei in der Klasse.“ Im Unterricht lernen sie den Satz „Religion ist Opium fürs Volk“ – und die Haltung des Staates, Gläubige seien „noch nicht die fertigen sozialistischen Menschen“.

Simon hatte Glück: „Ich hatte keinen einzigen Klassenlehrer, der das ausgenutzt hat. Unsere Lehrerin hat eher genervt gesagt: ‚Ja, sind es immer noch Cornelia und Jenny? Gut, weiter geht’s.‘“

Schweigen lernen, Mangel erleben

Wie tief das Misstrauen reichte, zeigt eine Szene, die Simon nie vergessen hat: Wenn ihre Mutter den Vater im Westen besuchen durfte, war die Devise klar. „Ich durfte niemandem erzählen, wo sie war und was sie dort gemacht hat“, sagt sie. „Und ich durfte nie erzählen, was zu Hause gesagt wurde.“ Sie weiß nur: „Meine Eltern würden Ärger kriegen. Es hieß immer: ‚Nicht so laut sprechen.‘“

Gehungert hat die Familie nicht, aber satt sein heißt nicht, alles zu haben. „Die Alltagsversorgung war okay, aber es gab oft Dinge nicht“, sagt Simon. Fleisch war bestelltes Luxusgut, Obst wie Erdbeeren oder Birnen nur zeitweise und in begrenzter Menge verfügbar. „Wenn es irgendwo Erdbeeren gab, musste man das hören, dann hat sich die ganze Familie angestellt.“ Westpakete füllen Lücken, bringen Kaffee, selten Exotisches.

Cornelia (rechts) mit ihren Geschwistern am Strand von Warnemünde

Beim Wohnen hilft der Beruf der Mutter. „Wir haben in Warnemünde einem Haus gewohnt, in das es durchs Dach hineingeregnet hat“, erzählt sie. „Die Heizung war oft kaputt.“ Über Kontakte und Westgeld gelingt es, das Dach abdichten zu lassen. „Ich will gar nicht wissen, woher das Material kam. Aber irgendwann war das Dach dicht.“

Auf die Frage, ob es etwas „Gutes an der DDR“ gegeben habe, reagiert Simon spontan: „Nein.“ Dann schiebt sie nach: „Aber Gutes an meiner Kindheit – da gab es vieles.“ Sie spricht von Menschen, die gut zu ihr waren, vom Strand vor der Haustür, von einer starken kirchlichen Gemeinschaft. „Wenn man offen reden wollte, ist man am Strand spazierengegangen. Da wusste man: Da gab es keine Wanzen.“

„Die aufregendste Zeit meines Lebens“

Als die DDR ins Wanken gerät, ist Simon Teenager. „Das war für mich die aufregendste Zeit meines Lebens“, sagt sie. „Wir wussten ja nicht, dass das System wirklich zu Ende geht. Wir sahen nur: Leute gehen über Ungarn, Freunde sind weg, es gibt Demonstrationen.“

Zu den Montagsgebeten dürfen ihr Vater und die große Schwester, sie und der jüngere Bruder bleiben mit der Mutter zu Hause. „Meine Mutter hat gesagt: ‚Damit nicht am Ende alle weg sind, falls etwas passiert.‘ Ich habe natürlich gekämpft, dass ich mit darf. Keine Chance.“

Die Nachricht von der Grenzöffnung erlebt die Familie nicht live im Fernsehen – der Apparat ist längst abgeschafft. „Das Ostfernsehen war eine Katastrophe.“ Die Nachricht kommt am Telefon. „Ich sehe meine Mutter noch stehen und weinen. Wir dachten zuerst, es wäre etwas Schlimmes passiert.“ Erst dann wird klar: Die Grenze ist offen, Verwandte sind bereits nach Berlin aufgebrochen.

Die 49-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren für die Nordschleswigsche Gemeinde in Gravenstein.

Nach der Wende wird die Schule spürbar freier. „Plötzlich war es lockerer“, erinnert sich Simon. Zugleich erlebt sie die frühen 1990er-Jahre als gefährliche „Baseballschlägerjahre“ mit rechter Gewalt, etwa in Rostock. „In der S‑Bahn konnte es unangenehm werden“, sagt sie. „Mein Bruder hatte lange Haare, und da hat man sich nicht wohlgefühlt. Passiert ist uns Gott sei Dank nichts.“

Von Mecklenburg nach Gravenstein

Nach dem Studium in Rostock, Regensburg, Berlin, Wien und Heidelberg führt ihr Weg zunächst in mecklenburgische Gemeinden. „In Marlow habe ich mein Handwerk gelernt“, sagt Simon über ihre erste Pfarrstelle.

Zum 1. März 2014 wechselt sie nach Dänemark und übernimmt den Pfarrbezirk Gravenstein der Nordschleswigschen Gemeinde, einer deutschen Minderheitengemeinde mit mehreren Pfarrbezirken in Nordschleswig. „Mich hat das Nachbarland gereizt – und es war eine volle Stelle, sagt sie. In Gravenstein ist sie für mehrere hundert Gemeindeglieder sowie für drei deutsche Schulen und mehrere Kindergärten zuständig, in denen sie kirchliche Angebote macht.

Sie lebt im Pastorat in Gravenstein und gehört zum Konvent der Pastorinnen und Pastoren der Nordschleswigschen Gemeinde. „Es ist eine weitläufige Minderheitengemeinde, genau das mag ich“, sagt sie. „Man begegnet Menschen an ganz unterschiedlichen Orten – in der Kirche, in der Schule, im Kindergarten.“

Freiheit als tägliches Geschenk

Gerade vor dem Hintergrund ihrer DDR-Erfahrungen empfindet Simon ihre Arbeit in Dänemark als Geschenk. „In Nordschleswig fällt mir das ständig auf“, sagt sie. „Dass ich einfach in Schulen gehen darf, Unterricht machen, mit Kindern sprechen – das ist für mich fast ein Paradies.“

Sie verweist auf die besondere Stellung von Kirche und Minderheit im dänisch-deutschen Grenzland. „Meine Onkel, meine Tanten, mein Großvater – die hätten sich das nicht vorstellen können. Für sie wäre das völlig undenkbar gewesen.“

Die Erfahrung des Schweigens hat sie sensibel für Informationen gemacht. „In der DDR haben wir nie gelernt zu fragen: Wo kommt das her, was mir erzählt wird? Alles kam aus einer Quelle“, sagt sie. „Heute ist es umgekehrt: Es gibt unendlich viele Quellen, und wir müssen lernen, zu prüfen.“

Wichtig ist, zu fragen: Wo kommen meine Werte her? Wer gibt sie vor? Und traue ich mich, auch meine eigenen Werte immer wieder zu überprüfen?

Cornelia Simon

Für Simon ist eine gesunde Gesellschaft eine Frage der Werte. „Die Frage ist doch: Auf welcher Grundlage fußt ein Wert?“, sagt sie. „Bin ich dazu da, andere zu ermutigen – oder sie zu unterdrücken?“ 

Aufarbeitung der DDR-Geschichte hält sie dabei für unverzichtbar. „Wichtig ist, zu fragen: Wo kommen meine Werte her? Wer gibt sie vor? Und traue ich mich, auch meine eigenen Werte immer wieder zu überprüfen?“ Ihr Glaube war ihr dabei immer ein Anker in einem politischen System: „Sehe ich den Menschen als von Gott geschaffen oder als kleines Rädchen in einem ideologischen oder politischen Projekt? Das macht einen großen Unterschied.“