LEITARTIKEL

Hauptvorsitz: Claudia Knauers Kandidatur tut der Minderheit gut

Claudia Knauer und Stephan Kleinschmidt beim ersten direkten, gemütlichen Aufeinandertreffen im Kampf um den BDN-Hauptvorsitz

Wer wird das Gesicht der deutschen Minderheit in Nordschleswig? Wo Schlüsselpositionen sonst selten umkämpft sind, fordert Claudia Knauer den als Favoriten gehandelten Stephan Kleinschmidt heraus. Im Leitartikel würdigt Marle Liebelt den demokratischen Wert dieser neuen Wahlkampf-Dynamik.

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Leitartikel

Dieses ist ein Leitartikel aus der Redaktion des „Nordschleswigers”. Bei Leitartikeln handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Hinrich Jürgensen hört als Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) – oder als „Bürgermeister der Minderheit“, wie er selbst den Posten umschreibt – auf. 

Und lange schien die Sache klar: Stephan Kleinschmidt wird sein Nachfolger. Erfahrung, Netzwerk, kommunalpolitische Routine, ein sauber ausgearbeiteter Fünf-Punkte-Plan – es sprach vieles dafür, dass die Delegiertenversammlung im Juni vor allem eines tun würde: bestätigen, was der Flurfunk längst prophezeit hatte.

Aber dann kam Claudia Knauer und hat im Dezember ihren Hut in den Ring geworfen. „Eine Wahl muss eine Wahl sein“, hat sie im Interview mit „Nordschleswiger“-Chefredakteur Gwyn Nissen gesagt

Und das trifft den Nagel auf den Kopf. 

Inzwischen liegt etwas in der Luft, das man innerhalb der Minderheit nicht allzu oft so deutlich spürt: echter Wahlkampf. 

Claudia Knauer hat mit ihrer Kandidatur nicht nur einen zweiten Namen auf den Stimmzettel gesetzt. Sie hat eine Dynamik ausgelöst. Aktuell zeigen beide sich bei sämtlichen Verbands- und Vereinsversammlungen. Beide schreiben engagiert Zuschriften (ehem. Leserbriefe) im „Nordschleswiger“. Und: Sie machen auch sichtbar, in welchen Punkten sie sich voneinander abgrenzen. 

Kleinschmidt betont Gleichstellung als Struktur- und Kulturfrage, warnt vor einer Verengung auf Personalentscheidungen und wirbt für verbindliche Prozesse. Knauer kontert: Ohne konkrete Parität bleibe Gleichstellung folgenlos. Sie fordert sichtbare Machtteilung – nicht nur Aktionspläne.

Kleinschmidt schreibt über Beteiligung, Dialogoffensiven, Integration von Zugezogenen und neue Leitplanken für die Minderheit. Knauer setzt eigene Akzente: mehr kulturelle Profilierung, stärkere europäische Haltung, konkrete Alltagsfragen wie eine grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung.

Das ist politischer Diskurs.

Im Dezember war Knauers Kandidatur eine Bewerbung um eine Personalie. Heute ist Wahlkampf, und beide nehmen ihn ernst.

Schlüsselpositionen – eine Familienangelegenheit?

Wer neu in die Minderheit kommt, kennt schnell gewisse Nachnamen und wundert sich wenig, diese in Schlüsselpositionen zu lesen oder zu hören. Das macht den Grat zwischen Vetternwirtschaft und folgerichtigen Personalentscheidungen in einer kleinen Volksgruppe wie der deutschen Minderheit in Nordschleswig schmal.

Die Zahl derjenigen, die für Spitzenämter infrage kommen, ist naturgemäß begrenzt: Neben fachlicher Kompetenz sind hier auch Zweisprachigkeit und Minderheitenkenntnisse entscheidend – die Anforderungen machen das Feld überschaubar.

Das gilt bei hauptamtlichen wie bei ehrenamtlichen Posten.

Gerade deshalb ist es ein demokratischer Mehrwert, wenn es mehr als eine Option gibt und eine Nachfolge in der Minderheit nicht als selbstverständlich genommen wird.

Seit Claudia Knauers Kandidatur ist die Wahl der oder des BDN-Hauptvorsitzenden Gesprächsthema auf den Fluren, in den Pausenräumen und den Vereinshäusern.

Wer sich fragt, warum sie überhaupt kandidiert – schließlich sei doch ohnehin schon klar, dass es Kleinschmidt wird – sollte sich erinnern: Claudia Knauer und Stephan Kleinschmidt kandidieren für dich, damit du eine Wahl hast.

Und so offen und unvoreingenommen die beiden Kandidierenden sich um die Stimmen der Delegierten bemühen, so offen und unvoreingenommen sollte die Minderheit ihnen zuhören – um ihnen Respekt zu zollen, aber vor allem, um die Demokratie wertzuschätzen.