ZUSCHRIFT

Europa zwischen Fortschritt und Verlust

Peter Asmussen

Der Soziologe Andreas Reckwitz hinterfragt den Glauben an ständigen Fortschritt. Peter Asmussen sieht darin einen wichtigen Denkansatz.

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Zuschriften

Dieses ist eine Zuschrift. Leserinnen und Leser können sich auf diese Weise auf die Berichterstattung des „Nordschleswigers” beziehen und ihre Sicht der Dinge schildern. Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen geben nicht unbedingt die Haltung der Redaktion wieder.

Wer hat uns eigentlich versprochen, dass es immer weiter aufwärtsgeht?

Diese Frage stellt der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz in einem Interview, das am 21. Februar 2026 in der dänischen Tageszeitung Politiken erschienen ist. Und sie trifft einen Nerv. Denn vieles von dem, was wir derzeit als Krise empfinden, ist nicht nur eine Abfolge konkreter Probleme – es ist eine Erschütterung unseres tief verankerten Glaubens an den Fortschritt.

Seit Jahrzehnten leben wir in Europa mit der stillschweigenden Erwartung, dass es wirtschaftlich, sozial und politisch stetig besser wird. Unsere Eltern und Großeltern haben nach 1945 einen historischen Aufstieg erlebt: wachsenden Wohlstand, stabile Demokratien, die europäische Einigung. Die „30 goldenen Jahre“ waren mehr als eine wirtschaftliche Boomphase – sie wurden zu einer mentalen Grundprägung.

Fortschritt erschien nicht mehr als Möglichkeit, sondern als Normalzustand.

Reckwitz nennt dies den „Fortschrittsimperativ“: die unausgesprochene Annahme, dass sich die Geschichte linear verbessert. Und genau hier liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit. Nicht darin, dass es Verluste gibt – die hat es immer gegeben –, sondern darin, dass wir verlernt haben, mit ihnen zu rechnen.

Für uns in Nordschleswig ist diese Perspektive nicht fremd. Unsere Region kennt politische Brüche, Grenzverschiebungen, Identitätsfragen. Die deutsche Minderheit in Dänemark hat gelernt, mit historischen Einschnitten zu leben – und zugleich loyaler Teil des dänischen Gemeinwesens zu sein. Fortschritt bedeutete hier nie nur Wachstum, sondern oft Bewahrung: der Sprache, der Kultur, des gegenseitigen Respekts.

Wir erleben heute eine unsichere europäische Sicherheitslage, eine ökologische Krise, zunehmende soziale Ungleichheit und Zweifel daran, ob unsere Kinder es einmal besser haben werden.

Das sind reale Herausforderungen. Aber sie treffen uns besonders hart, weil sie das Grundversprechen der Moderne erschüttern: dass es stets vorwärtsgeht.

Wird dieses Versprechen unsicher, geraten Institutionen unter Druck. Autoritäre Versuchungen gewinnen an Boden. Einfache Antworten wirken plötzlich verführerisch.

Reckwitz schlägt vor, Fortschritt neu zu denken: nicht als ständige Steigerung, sondern als Errungenschaft, die bewahrt werden muss. Europa verdankt seinen größten Fortschritt nicht allein wirtschaftlicher Expansion, sondern dem Frieden zwischen ehemaligen Feinden, der Rechtsstaatlichkeit, dem Schutz von Minderheiten und der Offenheit der Grenzen.

Das sind keine Selbstverständlichkeiten. Das sind historische Leistungen.

Ein weiterer Gedanke aus dem heutigen Interview in Politiken ist zentral: Wenn Verluste sich auf bestimmte Gruppen konzentrieren, entsteht gesellschaftliche Sprengkraft. Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern darf nicht dauerhaft wachsen.

Vielleicht braucht Europa weniger Pathos – und mehr Nüchternheit. Nicht Pessimismus, aber auch nicht die automatische Erwartung, dass alles besser wird.

Verlust gehört zum menschlichen Leben. Gesellschaften müssen lernen, ihn zu integrieren, statt ihn zu verdrängen.

Fortschritt ist kein Naturgesetz. Er ist eine Aufgabe.

Peter Asmussen
Apenrade