Deutsche Minderheit

Neue Aktenfunde zeigen: Nazi-Verbrecher wurden auf dem Knivsberg bewusst geehrt

Person sitzt an überladenem Schreibtisch und arbeitet an Lenovo-Laptop in Dachbüro.
Paul Krumrey konnte während seines Praktikums eine jahrzehntealte Frage der deutschen Minderheit beantworten.

Jahrzehntelang lagen die Antworten in alten Akten im Keller des Hauses Nordschleswig. Museumspraktikant Paul Krumrey hat sie nun entdeckt. Die Dokumente zeigen, dass mindestens zwei Kriegsverbrecher bewusst auf die Gedenktafel gesetzt wurden.

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Zusammenfassung

  • Neue Archivfunde belegen, dass mindestens zwei bekannte NS-Kriegsverbrecher bewusst auf der Gedenktafel im Ehrenhain auf dem Knivsberg genannt wurden.
  • Der Museumspraktikant Paul Krumrey fand in alten Akten der Kameradschaftshilfe Witwenanträge, in denen die Hinrichtungen der Gestapo-Männer Hans Julius und Niels Riis deutlich vermerkt sind.
  • Da die Anträge vom damaligen Sozialreferenten und Mitverantwortlichen für die Namenssammlung, Jürgen Berg, unterschrieben wurden, steht fest, dass er ihre Täterschaft kannte, was nun neue Fragen nach den Motiven aufwirft.

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Rund 680 Namen von Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege werden 1962 auf den zwölf großen Bronzetafeln im Ehrenhain (heute Gedenkstätte) auf dem Knivsberg eingraviert.

Rund 30 Jahre später, zu Beginn der 1990er Jahre, wird erstmals öffentlich bekannt, dass unter den Namen auch NS-Verbrecher sind, die nachweislich Kriegsverbrechen begangen haben. Die Namen Niels Riis, Hans Julis, Walter Heldtberg, Carl Friedrich Robert Heide und Gustav Alfred Jepsen werden aus diesem Grund im Laufe der Jahre nachträglich entfernt.

Die Namen sind zwar verschwunden, doch eine zentrale Frage bleibt seitdem bestehen: Wussten diejenigen, die 1962 die Namen auf die Gedenktafeln gesetzt haben, dass sich unter den Personen auch Kriegsverbrecher befanden?

Wichtige Akten blieben 30 Jahre unberührt

Wie sich nun herausgestellt hat, schlummerte die Antwort auf diese Frage seit nunmehr 30 Jahren im Keller des Hauses Nordschleswig. Gefunden hat sie Paul Krumrey, der ein zweimonatiges Praktikum bei Hauke Grella, dem Leiter des Deutschen Museums Nordschleswig, absolviert hat.

Person arbeitet am Laptop an einem vollgepackten Schreibtisch vor einer Pinnwand mit Notizen.
Paul Krumrey war Museumsleiter Hauke Grella eine große Hilfe.

„Als wir die Kisten mit den Akten das erste Mal gesehen haben, ahnten wir bereits, dass da wichtige neue Erkenntnisse drin schlummern könnten. Paul ist jetzt voll reingegangen und hat wirklich erstaunliches gefunden“, sagt der Museumsleiter.

Krumrey, der zum nächsten Semester sein Masterstudium in Geschichte an der CAU in Kiel beginnt, durchforstete die alten Akten der Kameradschaftshilfe auf die Namen der fünf bekannten Kriegsverbrecher von der Gedenktafel.

Dabei stieß er auf die Anträge auf Witwenrente der Witwen von Hans Julius und Niels Riis, die beide während des Krieges für die Gestapo (Geheime Staatspolizei) tätig waren. In diesen Anträgen ist als Todesursache eindeutig vermerkt, dass sie aufgrund einer Verurteilung eines dänischen Gerichts hingerichtet wurden.

Schlüsselfigur Jürgen Berg

Bearbeitet wurden die Anträge von Jürgen Berg. Dieser war selbst ehemaliger Frontfreiwilliger und NSDAP-Mitglied. Berg war nach dem Krieg nicht nur als Sozialreferent der Kameradschaftshilfe Nordschleswig tätig und hat Hinterbliebenen von Kriegsgefallenen und vermissten Nordschleswigern bei der Beantragung von Sozialleistungen geholfen, sondern Jürgen Berg war auch ein zentral Verantwortlicher für die Errichtung und die Namenssammlung des Ehrenhains auf dem Knivsberg.

„Die Anträge der beiden Witwen sind von Berg unterschrieben. Im Antrag der Witwe von Niels Riis ist Verurteilung und Hinrichtung als Todesursache sogar doppelt unterstrichen worden. Jürgen Berg hat also gewusst, dass die beiden Kriegsverbrecher sind, als er ihre Namen mit auf die Gedenktafel hat setzen lassen“, sagt Paul Krumrey.

Mann sitzt nachdenklich an einem unordentlichen Schreibtisch vor einem Monitor im Büro
Hauke Grella geht davon aus, dass in den Akten im Haus Nordschleswig noch viele wichtige Erkenntnisse schlummern.

Keine hundertprozentige Sicherheit bei Jepsen

Auch der Name Gustav Alfred Jepsen ist in den Akten aufgetaucht. „Es ist verzeichnet, dass Jepsen als Wächter im Konzentrationslager Neuengamme tätig war. Wir haben allerdings noch keinen Beweis dafür gefunden, dass Berg dies gesehen hat. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, aber es gibt bisher keine hundertprozentige Sicherheit“, sagt Paul Krumrey.

Hauke Grella ist sich sicher, dass in den vielen Kartons voller Akten, die im Haus Nordschleswig noch liegen, weitere wichtige Informationen und Erkenntnisse liegen, die für den neu entstehenden Lernort auf dem Knivsberg von großer Bedeutung sind.

Neue Frage

Sicher ist also, dass Jürgen Berg bei mindestens zwei Personen wusste, dass sie Kriegsverbrecher sind, als er ihre Namen mit auf die Gedenktafel setzte. Daraus ergibt sich eine weitere Frage, die Hauke Grella und wahrscheinlich auch viele andere in der deutschen Minderheit nun brennend interessiert: Warum wurden die Namen trotzdem eingraviert?