Inselleben

Nach der Weltkarriere: Wie Opernsängerin Dagmar Schellenberger auf Kekenis neu begann

Die deutsche Kammersängerin Dagmar Schellenberger in ihrem Arbeitszimmer auf Kekenis. Sie kam 1958 in Sachsen zur Welt und war während ihrer Karriere eine gefeierte Sopranistin mit einem breiten Repertoire von Bach bis Wagner, die unter anderem an der Mailänder Scala debütierte und von 2013 bis 2017 als Intendantin die Seefestspiele Mörbisch leitete.

Nach dem Applaus in der Scala genießt sie die Ruhe am Strand: Die deutsche Opernsängerin Dagmar Schellenberger hat auf der kleinen Halbinsel Kekenis in Nordschleswig ihr neues Zuhause gefunden – gemeinsam mit Tochter und Enkelkindern, die ohne Dänischkenntnisse in der Dorfschule starteten. Heute pendelt sie zwischen Familienalltag und Malatelier – und lädt zur Osterausstellung in die Galleri Lillekobbel auf Kekenis ein.

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Zusammenfassung

  • Opernsängerin Dagmar Schellenberger hat nach ihrer internationalen Karriere auf der Halbinsel Kekenis ein neues Zuhause gefunden.
  • Ihre Familie, inklusive drei Enkelkindern, ist nachgezogen und hat sich trotz anfänglicher Sprachhürden gut in Schule und Alltag integriert.
  • Schellenberger konzentriert sich heute auf Familie, Malerei und Coaching für Sängerinnen und Sänger und engagiert sich aktiv in der lokalen dänischen Gemeinschaft.

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Hinter ihr an der Wand hängen Dutzende Momentaufnahmen ihrer Weltkarriere: Dagmar Schellenberger auf der Bühne der Scala in Mailand oder im eng geschnürten Korsett in der Komischen Oper Berlin. Eine Welt, weit entfernt vom beschaulichen Leben auf der Inselspitze Kekenis, wo Dagmar Schellenberger nach einer Karriere auf den großen Bühnen seit 2020 zuhause ist.

„Es ist stimmig zu all dem, was wir gesucht haben, was wir brauchen, was uns glücklich macht“, sagt die deutsche Opernsängerin über ihr Leben am Meer auf Südalsen (Sydals).

Schon vor dem Umzug nach Dänemark suchte die Familie einen Ort, an dem mehrere Generationen zusammenleben konnten. „Ich habe nach einem Haus im Verbund gesucht, zwei Familien unter einem Dach“, erzählt sie. 

Ursprünglich dachte die Familie über eine Auswanderung in die USA nach, mit Anlaufpunkt in Arizona. Dann kam Corona. Flüge fielen weg, die Pläne zerschlugen sich – und die Ostseeküste rückte in den Fokus.

Das ist das größte Geschenk: diese Ruhe, die mich ganz neu inspiriert hat.

Dagmar Schellenberger

Die frühere Wahlheimat Fehmarn prägte ihren Wunsch nach Insel und Meer. „Ich habe viele Jahre auf Fehmarn gelebt. Insel und Ostsee, das war neben Berlin mein Punkt“, sagt sie. 

Über eine deutschsprachige Maklerin in Rothenkrug (Rødekro) ließ sie sich in Jütland zahlreiche Häuser zeigen, doch keines passte. Erst bei eigener Recherche stieß sie auf das Haus im Süden der Insel Alsen (Als). Fast direkt am Wasser, großes Grundstück, viel Platz. Seit August 2020 führt ihr Weg durch den eigenen Garten direkt zum Strand.

Ein Bühnenfoto aus einer Opernproduktion im Arbeitszimmer der Sängerin, das an die internationale Karriere erinnert.

Zunächst zog Dagmar Schellenberger allein in das Gästehaus und renovierte das jahrhundertealte Haupthaus monatelang. Ihr Mann blieb noch fast ein Jahr in Deutschland, löste die Wohnung auf, ihre Tochter und die drei Enkelkinder kamen früher nach. Die Tochter fand ein weiteres Haus auf der Insel, die Familie lebt heute nah beieinander. 

„Nachdem ich während meiner Karriere eher die war, die selten zu Hause war, bin ich heute der Fels in der Brandung“, sagt Schellenberger. „Das bedeutet mir viel.“ Jeden Mittwoch kommt die ganze Familie zum Oma-Abendessen, und wenn ein Taxi gebraucht wird, steht die Großmutter bereit.

Die drei Enkelkinder gehen in die Dorfschule nebenan

Ein besonderer Schritt für die Integration betraf die drei Enkelkinder. Sie zogen aus Berlin nach Kekenis und kamen ohne Dänischkenntnisse in die örtliche Schule. „Sie waren die ersten Deutschen, die keine dänischen Vorkenntnisse hatten“, sagt sie. Eigentlich, berichtet sie, nehme die Schule nur Kinder, die bereits im Kindergarten waren oder einen Elternteil mit dänischem Hintergrund haben.

Ich bin so dankbar, dass die dänische Bevölkerung uns so offen aufgenommen hat.

Dagmar Schellenberger

Die Familie bereitete den Schulstart gezielt vor. Eine dänische Sängerin aus Kopenhagen half mit Online-Unterricht, damit die Kinder einfache Sätze wie „Ich heiße …“ oder „Ich bin zehn Jahre alt“ sagen konnten. In einer Videokonferenz trafen sich danach Schulleitung, Lehrkräfte, die Kinder in Berlin und Dagmar Schellenberger. „Bis dahin nahm die Schule keine Kinder ohne dänische Vorkenntnisse“, erzählt sie. Doch nach der Online-Konferenz traf die Schule die Entscheidung: und nahm alle drei auf.

Die frühere Opernsängerin hat auf Kekenis ein ruhigeres Leben am Meer gefunden und widmet sich nun Familie und Malerei.

Die Entwicklung verlief schnell. „Nach einem Vierteljahr sagte man vor allem über die Kleine: Die spricht, als wäre sie hier geboren“, berichtet sie. Heute sprechen die Geschwister auf dem Schulhof Dänisch und zu Hause Deutsch. Viele Freundschaften verbinden sie mit dänischen Mitschülerinnen und Mitschülern, die Familien treffen sich bei Freizeitaktivitäten oder Fahrten nach Aarhus.

Mit der Übersiedlung nach Kekenis änderte Dagmar Schellenberger auch ihr eigenes berufliches Leben. In der Pandemie beendete sie ihre laufenden Verträge. „Ich habe mir gesagt, es reicht, ich habe genug erlebt in der Welt“, erzählt sie.

Kammersängerin mit 29

Sie blickt auf eine Laufbahn zurück, die sie von der Ausbildung in Dresden schnell an die Komische Oper in Berlin führte, wo sie mit 29 Jahren Kammersängerin wurde. Sie sang an allen drei Berliner Opernhäusern, gastierte in Hamburg, München, Rom, Palermo, Brüssel, Amsterdam, Stockholm und Kopenhagen, arbeitete mit Dirigenten wie Riccardo Muti und Zubin Mehta und stand vielfach in Japan, Buenos Aires, Chile oder Brasilien auf der Bühne. Parallel dazu leitete sie mehrere Jahre als Intendantin die Mörbische Seebühne am Neusiedler See.

Die „Schweinchen“-Serie von Dagmar Schellenberger ist aktuell zusammen mit anderen Werken in der Galleri Lillekobbel zu sehen (siehe Infokasten unten).

Auf Kekenis begann ein völlig neues Kapitel. Raus aus Berlin verlagerte sie ihren Schwerpunkt auf Familie und künstlerische Arbeit – und zwar im eigenen Tempo. „Das ist das größte Geschenk: diese Ruhe, die mich ganz neu inspiriert hat“, sagt sie.

Mit dem ruhigeren Alltag kehrte auch eine frühere Leidenschaft zurück: die Malerei. Schon während des Studiums nahm sie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden Unterricht. „Das hat mich immer interessiert, aber dann ging es mit dem Singen los“, sagt sie. 

Malerei als Gegenpol zur Oper

Auf Kekenis richtete sie sich unterm Dach ein Atelier ein. Ein Weihnachtswunsch nach einer Staffelei markierte den Neubeginn. Sie begann mit Acryl, probierte abstrakte Motive und Strandlandschaften vor der Haustür und entwickelte thematische Serien.

Besonders am Herzen liegen ihr eine Reihe von Schweinebildern, angeregt durch den Geburtstag des Bauern, bei dem ihr Mann arbeitet. „Ich male dir ein Schweinchen“, versprach sie und machte daraus eine ganze Serie, die sie mit der Theatertradition der Glücksschweine verbindet. Viele der Arbeiten verkauften sich rasch, andere hängen in Häusern neu zugezogener Deutscher auf der Insel.

Die Malerei beschreibt sie als Gegenpol zur Oper. „Operngesang ist sehr diszipliniert, mit Probenplänen und Theaterbetrieb. Beim Malen setze ich mich abends um zehn hin, verliere das Zeitgefühl und wenn es mir nicht gefällt, male ich einfach darüber“, erzählt sie. Die Bilder blieben – anders als der flüchtige Eindruck eines Opernabends.

Auch im Gartenpavillion hängen Bilder der Künstlerin.

Gleichzeitig gibt sie ihre Erfahrung als Sängerin weiter, arbeitet als Beraterin und Coach für professionelle Sängerinnen und Sänger und begleitet ausgewählte Projekte, etwa Beratungen in Berlin. „Wir Sängerinnen und Sänger sind furchtbar allein auf der Bühne, und ich bin heute so etwas wie ein Coach“, beschreibt sie ihre Aufgabe.

Engagiert in der Dorfgemeinschaft

Auf Kekenis engagiert sich Dagmar Schellenberger in der dänischen Gemeinschaft. Sie besuchte Sprachkurse in Sonderburg (Sønderborg), übt im Alltag weiter und lacht über Verständigungsgrenzen mit dem Nachbarn im jütländischen Dialekt. „Du musst langsam sprechen, rufe ich meinem Nachbarn über die Hecke hinweg zu, wenn er schnell und im Dialekt spricht.“

Osterausstellung in der Galleri Lillekobbel

  • Dagmar Schellenberger stellt in der Osterausstellung in der Galleri Lillekobbel 10 auf Kekenis aus.
  • Geöffnet: Gründonnerstag bis Ostermontag, 11 bis 17 Uhr
  • Weitere beteiligte Künstlerinnen: Akrylmalerin Galleristin Eliane Karecki, Kirsten Birkedal Wagner und Simone Vogel.

In der Schule ihrer Enkel kocht sie regelmäßig mit anderen Eltern und Großeltern, organisiert einen „Open Garden“ für mehrere Vereine und lädt etwa den lokalen Hausfrauenverein zum Gartenfest ein. Ihr Mann engagiert sich im lokalen Brückenverein für den Kontakt zu den deutschen Zugezogenen. „Wir sind so ein bisschen die Mittler“, sagt sie.

Ein Bühnenfoto der Opernsängerin im Kostüm

Die deutsche Gemeinschaft auf der Insel ist gewachsen. Nach ihrer Einschätzung leben heute rund 25 bis 30 deutsche Familien unter den etwa 550 Einwohnerinnen und Einwohnern. An der Schule machen deutsche Kinder inzwischen einen spürbaren Anteil aus. 

Zugleich erlebt sie die Offenheit der dänischen Mehrheitsbevölkerung deutlich. „Ich bin so dankbar, dass die dänische Bevölkerung uns so offen aufgenommen hat“, sagt sie. Wer sich einbringe, spüre offene Arme – und helfe mit, dass Leben und Schule auf Kekenis lebendig bleiben.

Die in Bildern festgehaltene Welt auf den Momentaufnahmen über dem Flügel von Dagmar Schellenberger gehören der Vergangenheit an. Im Inselleben von Dagmar Schellenberger spielen die Erinnerungen an ihre Hauptrollen heute nur noch eine Nebenrolle.