Deutsche Minderheit

Ruth Candussi über Spaß an der Politik, zu hohes Tempo und warum sie gerade happy ist

Ruth Candussi ist seit zehn Jahren Parteisekretärin bei der Schleswigschen Partei.

Interview: Ruth Candussi ist aus dem politischen Geschehen der deutschen Minderheit in Nordschleswig gar nicht wegzudenken.

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Zusammenfassung

  • Ruth Candussi zieht nach zehn Jahren als Parteisekretärin der Schleswigschen Partei eine persönliche Bilanz.
  • Sie erlebt Politik heute als schneller, professioneller und härter, mit weniger Raum für gründliche inhaltliche Arbeit.
  • Trotz organisatorischer Herausforderungen freut sie sich über engagierte Mitglieder und ist zuversichtlich für den Neuanfang der Partei.

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Ruth Candussi (52) wechselte vor zehn Jahren den Job: Die Journalistin ging von der Apenrader Lokalredaktion des „Nordschleswigers“ zur Schleswigschen Partei ins Haus Nordschleswig. Seit 2016 ist sie Parteisekretärin der Partei der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

Anlass genug, um mit ihr über Politik und Partei zu reden.

Was hat sich in den zehn Jahren, in denen du Parteisekretärin bei der Schleswigschen Partei gewesen bist, in der Politik verändert?

 „Ich bin bei der SP auch schon vorher aktiv gewesen, ganz zurück bei der Gründung der JungenSpitzen. Vom Gefühl her wirkte das Ganze früher ein wenig gemütlicher. Viele Themen von heute waren auch schon damals relevant, zum Beispiel die Trinkwasserversorgung. 

Damit und mit anderen Themen haben wir uns schon früher auseinandergesetzt. Wir haben uns in die Themen vertieft und Papiere dazu geschrieben. Aber irgendwie ist heute alles schneller und professioneller geworden. Und härter – du musst schneller die Lösungen formulieren, und du musst sie schärfer formulieren. Vielleicht geht manchmal etwas an inhaltlicher Tiefe verloren.

Wir haben zwar immer noch Arbeitsgruppen, die sich mit Themen befassen, und wir verfassen politische Papiere dazu, aber es werden schnelle Antworten verlangt – und dann weiter zum nächsten Thema. Das Tempo ist einfacher höher geworden.“

Ruth Candussi mit „ihrem“ Vorsitzenden Rainer Naujeck

Was macht dir an der Politik am meisten Spaß?

„Die Politik an sich, und die Tatsache, dass man mitgestalten und mitwirken kann. Das hat mich schon immer interessiert. 

Ich kann meine Meinung äußern und Themen beeinflussen, die eine Bedeutung für den Alltag und das Leben der Menschen in unserer Region und in der deutschen Minderheit haben.

Also nicht nur machen lassen, sondern aktiv selbst mitmachen – mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Ich bin nicht selbst Politikerin, aber in einer politischen Organisation wie der Schleswigschen Partei setzen wir uns gemeinsam mit den Themen auseinander.“

Worüber ärgerst du dich am meisten in der Politik?

 „Wenn man Politikerinnen oder Politiker durchschauen kann. Wenn man genau weiß, das ist heiße Luft, da ist nichts dran, das ist Lug und Betrug. Dann denke ich nur, Stopp, rede nicht weiter. Man soll uns nicht für dumm verkaufen – dafür ist Politik viel zu wichtig. Ganz unparteiisch kann ich hier sagen: Unsere Politiker sind aus einem ganz anderen, soliden Holz geschnitzt.

Ich finde aber immer noch, dass Politik insgesamt ein seriöses Geschäft ist. Aber man merkt, was funktioniert und was nicht funktioniert. Und es ist leider nicht immer die Substanz, die funktioniert. Es sind oft die schnellen, smarten Antworten, die zählen oder das äußere Erscheinungsbild eines Politikers. Das ist nicht neu, aber es dominiert immer mehr.

Dabei sind die Wählerinnen und Wähler auch in der Pflicht bei Wahlen: Sie müssen sich in die Materie hineinversetzen. Das ist nicht zu viel verlangt. Du trägst auch als Wählerin oder Wähler eine Verantwortung.“ 

Der Vorstand und Mitgründerin und Mitgründer der JungenSpitzen auf dem Deutschen Tag 1999, Jasper Jessen, die Vorsitzende und heutige Parteisekretärin Ruth Candussi und Stephan Kleinschmidt

Worüber hast du dich in den zehn Jahren als SP-Parteisekretärin am meisten gefreut?

 „Da, wo ich mich immer am meisten freue, ist, wenn einfach mal alles klappt. Klar freut man sich über einen Wahlerfolg, aber manchmal sind es auch kleine Dinge unterwegs. Wenn eine Arbeitsgruppe unsere Nachhaltigkeitspolitik formuliert hat, oder wenn sie Leute zur Verfügung stellen, wie es jetzt der Fall ist für unseren Vorstand, oder wenn Leute kandidieren. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit, und wenn man merkt, dass es Leute gibt, die die Verantwortung übernehmen und Lust dazu haben – das sind diese kleinen Erfolge die ganze Zeit – und deswegen bin ich gerade sehr happy.

Und dann hast du auch Leute, die einfach da sind, wenn es brennt, auf die Verlass ist, wenn etwas schiefgeht und die da sind, wenn alle anderen weg sind. Solche Menschen sind für jede Organisation wichtig. Eine Zeitlang hatten wir niemanden bei der SP, um die Führung zu übernehmen. Dann ist es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass wir immer noch diese stabilen Kräfte unter unseren Leuten haben.“

Hauptsache in Nordschleswig – Ruth Candussi fühlt sich ihrer Heimat sehr verbunden.

Wo steht die Schleswigsche Partei heute?

„Positiv ist, dass wir intern Leute für vakante Posten haben, und ich bin sehr zuversichtlich, dass uns bei der SP ein Neuanfang gelingen wird. 

Nicht, weil das, was bis jetzt war, nicht gut war, aber weil wir ja auch weiter müssen. Wir müssen auch mit der Zeit gehen und die Weichen stellen. So abgedroschen es klingt, aber nach der Wahl ist vor der Wahl. 

Ruth Candussi

Ruth Candussi ist Jahrgang 1974. Sie ist Halbitalienerin, fühlt sich aber in Nordschleswig in der deutschen Minderheit zuhause. 

Sie ist in Hadersleben (Haderslev) und Nordalsen (Nordals) aufgewachsen und wohnt heute in Apenrade (Aabenraa).

Sie ist Mitgründerin der JungenSpitzen, die Jugendpartei der Schleswigschen Partei (SP).

Seit 2016 ist sie Parteisekretärin der SP. 

Davor war sie Lokaljournalistin beim „Nordschleswiger“.

 

Es ist der Wahnsinn, dass die SP zwölf Mandatsträgerinnen und -träger hat. Die Verteilung birgt aber auch eine organisatorische Herausforderung: Wie bedienen wir acht Stadtratsmitglieder in Tondern, und wie die beiden Ein-Mann- und Ein-Frau-Fraktionen in Sonderburg und Hadersleben. Die Arbeit wird dadurch nicht weniger.

Im Nachgang der Wahl im November analysieren wir weiterhin das Ergebnis. Der Rückgang in Sonderburg schockt uns nicht, Tondern war super, und Hadersleben hat ein wenig zugelegt.

Apenrade stellt eine Herausforderung dar, weil wir dort eigentlich gerne das dritte Mandat hätten, hier aber zurückgegangen sind. Wir schaffen und schaffen es einfach nicht. Dabei stimmt eigentlich vieles. Daher haben wir eine Arbeitsgruppe beschlossen, die den Sachen auf den Grund gehen soll. Da sind irgendwelche andere Mechanismen, die wir nicht verstehen oder nicht durchschauen können. Das wollen wir aufdecken, unter anderem mit einer systematischen Analyse, die wir gerade vorbereiten.“

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