Familiengeschichte und Politik

EU-Experte aus Norderseiersleff im Schackenborg-Dialog

Siegfried Matlok (l.) war Moderator während der Veranstaltung mit Hans Berend Feddersen, dessen Vorfahren eng mit der einstigen Grafschaft Schackenborg verbunden waren.

Der langjährige Chefökonom der EU-Kommission in Brüssel, Hans Berend Feddersen, nahm sein Publikum in Schackenborg mit auf eine Reise durch die eigene Familiengeschichte: Ein Hoyeraner Bäckersohn trat als 13-jähriger Schreiber in die Dienste des Grafen Schack und stieg nach Jura-Studium in Kopenhagen zum Gutsinspektor und königlichen Justizrat auf. In den folgenden Generationen entstand eine Familie mit Zweigen deutscher und dänischer Identität.

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Zusammenfassung

  • Hans Berend Feddersen erläuterte im Schackenborg-Dialog, wie seine Familie seit dem 19. Jahrhundert deutsche und dänische Identitäten vereint.
  • Er zeigte, dass nationale Zugehörigkeiten in Nordschleswig historisch stark von Bildung, Sprache und politischem Umfeld geprägt wurden.
  • Mit Blick auf die Gegenwart betonte Feddersen, dass äußerer Druck, etwa durch Trump, die EU zusammenschweißt und eine stärkere europäische Identität fördern kann.

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Vom langjährigen Spitzenbeamten der EU-Kommission in Brüssel, Hans Berend Feddersen, hat am Dienstag im Rahmen der Reihe Schackenborg-Dialog das Publikum in Mögeltondern (Møgeltønder) fundierte Informationen über aktuelle Fragen der Europäischen Union erhalten. 

Anhand der eigenen Familiengeschichte des Referenten gab es Einblicke, wie sich im Westen Nordschleswigs im 19. Jahrhundert nebeneinander deutsche und dänische Identitäten selbst innerhalb einer Geschwisterschar entwickeln konnten. Mehr als 60 Interessierte konnten der Direktor der Schackenborg-Stiftung, Allan Nielsen, und Moderator Siegfried Matlok im großen Festsaal des Schlosses begrüßen.

Hoyer nach Europa – von Bismarck zu Schack(enborg)

Hans Berend Feddersen eröffnete seine Ausführungen mit Hinweisen auf die enge Verbundenheit mit seiner nordschleswigschen Heimat im Raum Hoyer (Højer) und seinem Hof Südergaarde in Norderseiersleff (Nr. Sejerslev). Der 1953 geborene Feddersen, der in dem Vortrag über seine Kindheit und den schulischen Werdegang innerhalb der deutschen Minderheit berichtete, lud die Zuhörerschaft unter der Überschrift von „Hoyer nach Europa – von Bismarck zu Schack(enborg)“ vor seinen aktuellen EU-Ausführungen zu einer familiengeschichtlichen Zeitreise ein, mit Mögeltondern und der Grafschaft Schackenborg als entscheidende Stationen.

Über 60 Interessierte füllten den historischen Saal von Schloss Schackenborg während des Vortrags von Hans Berend Feddersen.

Der Wirtschaftsfachman, der in Aarhus und Florenz studiert hat, erwähnte auch seine Beschäftigung mit dem Leben des vorletzten Grafen in Mögeltondern, Otto Diderik Schack (1884-1949). Dessen Erlebnisse und politisches Vermächtnis wurden in eigenen Aufzeichnungen unter dem Titel „Grænsesind” 1970 veröffentlicht und zeigen, wie der einstige Spitzenvertreter der dänischen Nordschleswiger durch eigene Wurzeln in deutscher und dänischer Kultur seiner Zeit voraus für eine deutsch-dänische Verständigung nach Jahrzehnten nationaler Auseinandersetzungen eingetreten ist. 

Das Nationalgefühl gab Halt, aber wurde auch politisch instrumentalisiert, mit nachfolgenden Spannungen und Sprachenstreit.

Hans Berend Feddersen

Feddersen wies darauf hin, dass einschneidende soziale Veränderungen eine große Rolle bei der Ausbildung der Nationen und der Sprache als neue gemeinschaftsstiftende Elemente im Europa des 19. Jahrhunderts spielten. 

Diese Epoche war bereits von zunehmender Mobilität und auch Entwurzelung der Menschen geprägt, während im 18. Jahrhundert die meisten Einwohnerinnen und Einwohner kaum ihre Heimatregionen verlassen hatten.

 „Das Nationalgefühl gab Halt, aber wurde auch politisch instrumentalisiert, mit nachfolgenden Spannungen und Sprachenstreit“, so Feddersen. Anhand seines eigenen Vorfahren Berend Feddersen (1767-1846) und dessen Kindern erklärte der Referent, wie in diesen Zeiten selbst innerhalb einer Geschwisterschar sehr unterschiedliche nationale Identitäten ausgebildet wurden. 

Erst Schreiber der Birgvogtei, dann Gutsverwalter

Der Hoyeraner Bäckersohn Berend Feddersen war als 13-Jähriger als Schreiber in die Dienste der Birkvogtei der königlichen Enklave Mögeltondern getreten, wo er, vom Grafen Schack zum Jurastudium nach Kopenhagen entsandt, nach der Rückkehr 20 Jahre als tüchtiger Gutsinspektor den Betrieb durch die Krisen der Napoleonischen Kriege und den Staatsbankrott lotste. 

Als Oberhaupt des sich vom System im Herzogtum Schleswig unterscheidenden Rechtswesens der Ballum und sogar die Insel Amrum umfassenden Enklaven brachte es Berend Feddersen bis zum Königlichen Justizrat, dessen Arbeitssprache Dänisch war. 

Hans Berend Feddersen hat den Komplex Südergaarde, er ist seit 1977 der Eigentümer, vorbildlich restauriert. Die 200 Hektar umfassende Landwirtschaft ist heute auf Pflanzenbau ausgerichtet (Archivfoto).

Hans Berend Feddersen stellte vier Söhne des Justizrates vor, von denen Hans Verwalter des Gutes Stift bei Kiel des Grafen Schack wurde, während Sohn Boy den Hof Roi (Røj) bei Mögeltondern erwarb, und nach dem frühen Tod seiner Frau, der Erbin des Hofes Südergaarde, auch Besitzer des Betriebs in Norderseiersleff wurde.

 „Beide Brüder waren schleswig-holsteinisch orientiert“, so Berend Feddersen, der Sohn Nummer drei, Christian, wiederum als sehr dänisches Familienmitglied vorstellte. Ausschlaggebend war dabei dessen Ausbildung in Kopenhagen, bevor er wie sein Vater Gutsinspektor der Grafen Schack wurde, die in dessen 40-jähriger Dienstzeit nicht auf dem Schloss in Mögeltondern lebten. 

Dänisch war bei Christian Schack auch deshalb Familiensprache, weil er eine Kopenhagenerin heiratete. Der vierte Sohn Berend erwarb 1833 vom Bruder Boy, der auf Südergaarde lebte, den Hof Roi. Auch dieser gehörte in den folgenden Jahrzehnten zu den deutsch orientierten Anhängern eines unabhängigen Schleswig-Holsteins, dabei spielte auch dessen Ehe mit einer holsteinischen Pastorentochter eine Rolle. 

Hans Berend Feddersen erwähnte dabei, dass Berend Feddersen nach der Niederlage der schleswig-holsteinischen Aufrührer 1850, als die siegreichen Dänen die deutsche Sprache aus den Schulen des Herzogtums Schleswig verbannten, in der Nähe seines Hofes Roi eine deutsche Privatschule einrichtete, denn dort auf Territorium der königlichen Enklave galten die Verbote des Herzogtums nicht. 

Theodor Feddersen (1839-1915) war während der Zugehörigkeit Nordschleswigs zum deutschen Kaiserreich von 1893 bis 1898 Mitglied des Reichstags in Berlin für den Bereich Tondern bis Eiderstedt.

Hans Berend Feddersen stellte anschließend den Fortgang der Familiengeschichte in Südergaarde vor. „Mein Urgroßvater Theodor Feddersen kam als Zwölfjähriger zu seinem Onkel Boy nach Südergaarde“, so der Referent und berichtete, dass Theodor (1839-1915) als Sohn des Verwalters des Gutes Stift Hans Feddersen bei Kiel geboren und aufgewachsen war. 

Urgroßvater wurde Anhänger von Reichskanzler Bismarck 

Er wurde später Pächter des ebenfalls dem Onkel gehörenden Hofes „Koxbüll Ladegaard“ und Erbe des sehr wohlhabenden Onkels Boy, dessen einzige Tochter früh verstorben war. Der „schleswig-holsteinische“ Theodor, seit 1882 Besitzer von Südergaarde, wurde laut Hans Berend Feddersen nach der Eroberung und Einverleibung des Herzogtums Schleswig zum Anhänger Reichskanzler Bismarcks, politisch engagiert für die Nationalliberalen im neuen Deutschen Kaiserreich, die Bismarck, obwohl dieser ein „Stockkonservativer“ und „Royalist“ war, im Reichstag unterstützten. 

Höhepunkt seiner politischen Karriere war die Mitgliedschaft im Reichstag in Berlin, in den er für die Nationalliberale Partei für den Wahlkreis Tondern, Husum, Eiderstedt 1893 für sechs Jahre gewählt wurde. 

Deutsche Identität wurde weitervererbt

„Die deutsche Identität ist in der Familie weitervererbt worden“, so Hans Berend Feddersen, und er erzählte vom Besuch seines Urgroßvaters mit einer Delegation beim 1890 als Kanzler entlassenen Bismarck anlässlich dessen 80. Geburtstags. Ein Bismarck-Bild, das Theodor Feddersen damals erwarb, befinde sich bis heute auf Südergaarde. 

„Die Bismarck-Fanartikel wurden bei Besuchen der meist dänisch gesinnten Nachbarn etwas weggeräumt“, berichtete Hans Berend Feddersen, dessen Großvater Hans (1878-1918) im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Sein Vater Christian Feddersen (1908-1977) war nach 1920 aktiv in den Reihen der deutschen Minderheit, beispielsweise im Landwirtschaftsverein oder im Vorstand des „Nordschleswigers“.

Wohl auch auf Druck aus der Minderheit sei sein Vater, der lange dem NS-System reserviert gegenübergestanden habe, gegen Kriegsende „Zeitfreiwilliger“ geworden, was ihm einen Aufenthalt im Faarhuslager bescherte. 

Deutsch-dänische Verständigung

Hans Berend Feddersen verwies darauf, dass er selbst in den Genuss der deutsch-dänischen Verständigung und Entspannung seit den 1950er-Jahren und heutigen Freundschaft gekommen sei. Das sei auch spürbar innerhalb der Feddersen-Familiengemeinschaft, die aus der heute 1.000-köpfigen Nachkommenschaft des 1767 geborenen Gutsinspektors und Justizrates Berend Feddersen hervorgegangen ist. 

Hans Berend Feddersen – EU-Chefökonom und Besitzer des Hofes Südergaarde bei Norderseiersleff

Bei den dortigen Zusammenkünften gehe es freundschaftlich unter den deutschen und dänischen Mitgliedern zu, die sich alle zehn Jahre treffen. Er selbst, so Hans Berend Feddersen, habe sich schon früh für die europäische Verständigung engagiert. 

Vielleicht erweist sich Trump noch als Europas bester Feind.

Hans Berend Feddersen

„Obwohl es in meiner Studienzeit an der Universität in Aarhus nicht populär war, für die damalige EWG einzutreten“, so der langjährige EU-Spitzenbeamte, der zum Ende seines Vortrags auf heiße Eisen und neue Herausforderungen in der EU von heute einging. 

EU ist mehr als Bürokratie

Für viele Menschen sei die EU gleichbedeutend mit viel Bürokratie. Allerdings gehe es auch um die Tatsache, dass die EU eine Gemeinschaft darstelle, die 23 Länder vereint, die als Einzelstaaten weltweit nur als EU Einfluss nehmen könnten. Das habe sich bei der Grönlandkrise gezeigt, so Hans Berend Feddersen und meinte: „Vielleicht erweist sich Trump noch als Europas bester Feind.“ 

Dieser habe die Solidarität der Europäer enorm gesteigert. Der EU-Fachmann erinnerte an die Entstehung der USA vor rund 250 Jahren, wo die Unabhängigkeit nur durch die Bildung der Vereinigten Staaten behauptet werden konnte. 

Während der lebhaften Diskussion nach dem Vortrag unter Leitung Siegfried Matloks wurden Fragen wie eine europäische Identität, Ängste der dänischen Bevölkerung vor der EU und aktuelle Probleme der EU-Staaten im Wettbewerb mit China und den USA diskutiert. 

Hans Berend Federsen vor dem Berlaymont-Gebäude, dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel

Hans Berend Feddersen wies Darstellungen zurück, Europa schädige per Handelsüberschuss die US-Wirtschaft. Er verwies darauf, dass die hohen Gewinne der USA bei den Lieferungen von IT-Dienstleistungen über den Atlantik für einen Ausgleich sorgten. Im internationalen Wettbewerb müsse sich die EU selbst stärken, indem sie den europäischen Binnenmarkt weiter ausbaue. 

Gemeinsame Kultur und Geschichte

Er befürworte mehr europäische Identität, was allerdings nicht zulasten der nationalen Identität oder des Heimatbewusstseins gehen müsse. Wichtig sei es, immer auch die über 1.000-jährige gemeinsame europäische Kultur und Geschichte nachzudenken, anstatt das Trennende zu sehen. Marie Stamp, Vorsitzende des „Tønder Amt Grænseforening”, Mitveranstalter des Schackenborg-Dialogs, bedankte sich unter Beifall der Zuhörerschaft für die Ausführungen.