ZUSCHRIFT

30 Jahre Nordsee – und plötzlich eine andere Richtung

Apenrades „Gehstraße“ (Archivfoto)

Nordschleswig als neue Heimat? Leserin Sandra Rohmann aus Deutschland hat Apenrade für sich entdeckt und teilt ihre Gedanken dazu, ob für sie und ihre Familie der bisherige Urlaubsort bald zum Alltag werden könnte. 

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Zuschriften

Dieses ist eine Zuschrift. Leserinnen und Leser können sich auf diese Weise auf die Berichterstattung des „Nordschleswigers” beziehen und ihre Sicht der Dinge schildern. Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen geben nicht unbedingt die Haltung der Redaktion wieder.

30 Jahre lang war die Richtung klar: Nordsee.

Es war nie eine bewusste Entscheidung, eher eine Gewohnheit, die sich über die Jahre einfach richtig angefühlt hat. Der Blick aufs Wasser, der Wind, das Vertraute – all das gehörte dazu.

Im letzten Jahr sind wir zum ersten Mal davon abgewichen. Ostsee statt Nordsee. Keine große Sache eigentlich – und doch war es im Rückblick mehr als nur ein Ortswechsel. Vielleicht der erste kleine Schritt aus einer langen Routine heraus.

In diesem Jahr sind wir noch ein Stück weiter gegangen. Nordschleswig. Haderslev. Aabenraa.

Und zum ersten Mal fühlt sich diese Reise anders an.

Schon vor der Abfahrt war etwas verändert.

Wie immer liefen wir durch die Wohnung und sammelten zusammen, was sich über die Jahre bewährt hat: die Lichterkette für die Abende, Kaffee und Milch für das Ankommen, ein gutes Buch. Gummistiefel, natürlich. Und die Mütze – die darf in Dänemark nie fehlen.

Dieses Mal kam etwas Neues dazu: ein kleines Notizbuch.

Nicht für klassische Urlaubserinnerungen, sondern für Gedanken. Für Beobachtungen. Für Fragen.

Denn wir fahren nicht nur in den Urlaub.

Wir fahren mit einem anderen Blick.

Unser Ferienhaus in Haderslev ist klein, gemütlich, fast ein bisschen wie ein Kleingartenverein – die Häuser stehen dicht beieinander, alles wirkt nah und vertraut. Und doch hat es einen ganz eigenen Charme.

Haderslev gefällt uns.

Aber richtig erwischt hat es uns woanders.

Aabenraa.

Schon beim ersten Spaziergang war da dieses Gefühl: Hier könnte ich bleiben.

Die kleinen, bunten Häuser, die ruhige Einkaufsstraße, die freundlichen Menschen – alles wirkt warm, offen, irgendwie leicht.

Wir frühstücken im Café Agnes, kommen ins Gespräch, bleiben länger sitzen als geplant. Die Besitzerin erkennt uns am nächsten Tag wieder. Ein paar Worte auf Deutsch, mit diesem weichen dänischen Akzent. Sie lächelt so offen, dass ich für einen Moment denke: Sie wirkt, als wäre sie eine Freundin.

Ich merke, wie wohl ich mich fühle – ohne dass etwas Besonderes passieren müsste.

Ich denke: Hier könnte ich einfach sitzen, lesen und die Zeit vergessen.

Den Kindern zuliebe steigen wir in die kleine „Bimmelbahn“. Der Fahrer macht Scherze, lacht mit ihnen und strahlt aus, wie gern er Teil dieses einfachen, kostenlosen Angebots ist. Es sind solche kleinen Begegnungen, die bleiben.

Überall in der Stadt entdecken wir liebevolle Osterdetails – nichts Überladenes, eher still und mit Bedacht gestaltet.

Es sind Kleinigkeiten.

Und vielleicht gerade deshalb so besonders.

Das Wetter zeigt sich typisch dänisch.

Hagel, der plötzlich kommt. Wind, durch den man stapft. Dann wieder Sonne, die man mit geschlossenen Augen genießt. Und am Abend sitzen wir im Ferienhaus, hören den Regen auf dem Dach und haben das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.

Vielleicht ist es genau diese Mischung, die es ausmacht.

Es ist schwer zu erklären, aber mein Körper merkt es sofort.

Hier ist oft eine leise Anspannung – als müsste ich ständig wach sein.

Dort, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich, passiert etwas anderes: Ich atme auf. Ohne genau sagen zu können, warum.

Vielleicht liegt es nicht an einem einzelnen Punkt.

Sondern an einem Gefühl, das sich langsam eingeschlichen hat – und einem anderen, das mich jedes Mal wieder empfängt, sobald ich in Dänemark bin.

Ich bin 59 Jahre alt und stehe noch einmal an einem Punkt, an dem sich Dinge verändern.

Beruflich orientiere ich mich neu, habe mich im Bereich Online-Redaktion weitergebildet und merke, wie sehr mir das Schreiben liegt. Gleichzeitig arbeite ich mit älteren und dementen Menschen – eine Tätigkeit, die mich erdet und die ich mir auch in Zukunft gut vorstellen kann.

Meine große Baustelle wird vielleicht die Sprache sein.

Auch wenn ich mir vorstellen kann, von zu Hause aus zu schreiben oder online zu arbeiten, bleibt doch dieser Anspruch: die Sprache des Landes zu sprechen, in dem man lebt.

Noch ist das Dänische für mich fremd.

Und gleichzeitig gehört genau das vielleicht dazu – sich noch einmal auf etwas Neues einzulassen.

Auch in unserer Familie ist Bewegung.

Meine Tochter lebt mit ihrem Mann und zwei Grundschulkindern ihr eigenes Leben – und doch führen unsere Gedanken im Moment in eine ähnliche Richtung.

Sie könnte sich vorstellen, in einer deutschen Einrichtung für Kinder zu arbeiten. Ihr Mann als Handwerker hätte vermutlich ebenfalls Möglichkeiten.

Und ich? Vielleicht etwas mit Senioren. Vielleicht Schreiben von zu Hause aus.

Es sind noch keine Pläne.

Aber es sind auch keine losen Gedanken mehr.

Während dieser Reise schauen wir uns alles mit anderen Augen an.

Nicht nur: „Ist es schön hier?“

Sondern: „Könnte hier Alltag entstehen?“

Wir achten auf Dinge, die früher keine Rolle gespielt haben.

Wie weit ist der nächste Supermarkt? Wie kommt man ohne Auto von A nach B? Wie fühlt sich ein Ort an, wenn man nicht nur ein paar Tage bleibt?

Wir sprechen, überlegen, verwerfen Gedanken – und nehmen neue wieder auf.

Vielleicht hat sich gar nicht alles verändert.

Vielleicht hat sich vor allem meine Wahrnehmung verändert.

Und gleichzeitig ist da dieses andere Gefühl:

Ruhe. Klarheit. Ein anderes Tempo.

Vielleicht geht es gar nicht nur darum, wohin wir gehen –

sondern darum, wie wir leben wollen.

Jetzt, zurück im Alltag, fühlt sich vieles noch vertraut an.

Und doch ist etwas anders als vorher.

Der Gedanke ist geblieben.

Vielleicht sogar klarer geworden.

Noch ist nichts entschieden.

Noch ist es ein Dazwischen – zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte.

Aber eines ist sicher:

Diese Reise war mehr als nur Urlaub.

Und vielleicht ist sie erst der Anfang.

Sandra Rohmann