Vor 100 und vor 50 Jahren

Chronik April: Kleiderordnung und ein neuer Pastor 

Am Rathausplatz in Kopenhagen residiert bis heute eine der größten Buchhandlungen Kopenhagens. Vor 100 Jahren gab es dort eine große deutsche Buchausstellung, die Aufmerksamkeit auf sich zog. Man beachte den Eintrag vom 23. April 1926

Die Schlagzeilen in diesem April unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Veröffentlicht

Zusammenfassung

  • Königin Maria von England versucht 1926 mit strengen Längenregeln für Abendroben den Siegeszug der kurzen Röcke bei Hofe zu bremsen.
  • Zwischen Rocksaum und Boden sollen nur noch zwölf Zentimeter Abstand erlaubt sein, deutlich weniger als die bisher üblichen 45 Zentimeter in der Londoner Gesellschaft.
  • Schneiderinnen und Schneider suchen vergeblich nach einem Kompromiss, doch die Königin bleibt hart und sieht die Mode ohnehin schon als zu freizügig an.

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Dienstag, 6. April 1926

 Die erste Strafe für den kurzen Rock

 Die erste Strafe für den kurzen Rock ist in Athen am Anfang letzter Woche verhängt worden. Der griechische Diktator Panagalos hat bekanntlich verfügt, dass die Röcke nicht höher als 35 cm über dem Erdboden abschließen dürfen. Wegen Verstoßes gegen diese Verfügung wurde ein zwanzigjähriges Mädchen von einem Polizeioffizier auf einer der Hauptstraßen Athens verhaftet und sofort dem Polizeigericht zugeführt. Dort wurde sie zu einer Gefängnisstrafe von 24 Stunden verurteilt und sofort abgeführt. Der Gerichtshof füllte sich im Nu mit neugierigen Zuschauern, die das Urteil mit Lachen aufnahmen.

Der griechische General Theodoros Panaglos (1878-1952) war ein Hasardeur, dem es einfach gemacht worden war, in die wechselvolle griechische Geschichte der damaligen Zeit einzugreifen. Er hatte mit anderen 1922 König Konstantin I. (1868-1923), der aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg stammte, abgesetzt und ihn mit seiner Gemahlin Sophie von Preußen (1870-1932), einer Schwester Kaiser Wilhelms II., aus Griechenland vertrieben. Im April 1926 hatte er, kaum abermals an die Macht gelangt, den Rock-Ukas ausgesprochen. Er hatte wohl an der klassischen Kleidung des Altertums Maß genommen, da der weibliche Peplos, das übliche Übergewand, knöchellang war. Panagalos wurde einige Monate nach der Verhaftung des obigen Mädchens schon wieder abgesetzt. Nach einer Gefängnisstrafe wird er aber wiederum durch weitere Putschversuche auffällig werden. Der Kampf gegen den kurzen Rock fand europaweit statt. Man vergleiche die Meldung unter dem 17. April. - Übrigens: Wer unsere obige Zeitungsmeldung genau liest, muss annehmen, die Polizei habe nicht das Mädchen verhaftet, sondern die Athener Straße, was ja wohl nicht angehen kann.

 

Dienstag, 6. April 1926

Der zur Reederei M. Jebsen gehörende Dampfer „Clara Jebsen“ ist auf der Fahrt von Bangkok nach Swatow auf die Brittobank, 60 Seemeilen von Saigon aufgelaufen gewesen, jedoch mit eigener Hilfe losgekommen. Das Schiff hatte 2.000 Tonnen Reis und 463 Kulis an Bord. Es hat Saigon erreicht und muss dort wegen Lecks die Ladung löschen.

 Die „Clara Jebsen“ war 1922 in Kiel gebaut worden und wurde im Ostasienhandel der Reederei eingesetzt, der bekanntlich das Rückgrat der Reederei bildete und bildet.

Das Schiff wurde 1936 nach Norwegen verkauft. Die „Clara Jebsen“ bediente damals die Route Bangkok in Thailand und Shantou (Swantow) im Südosten Chinas (gegenüber der Südspitze Taiwans).

 

Donnerstag, 15. April 1926

Warum nehmen wir beim Gruß den Hut ab?

Es ist sehr wenigen Leuten klar, warum man heute den Hut abnimmt, wenn man jemanden begrüßt oder in ein Haus tritt. In dieser Sitte steckt noch eine mittelalterliche Überlieferung, denn der Ritter pflegte seinen Helm, den wichtigsten Teil seiner Rüstung, abzunehmen, wenn er andeuten wollte, dass sein Besuch friedlich war. Ebenso führte er die Hand, wenn er einen Freund traf, an den Helm, um zu zeigen, dass er bereit war, ihn abzunehmen. Auch der Brauch, bei der Begrüßung die rechte Hand auszustrecken, hat seinen Ursprung im Mittelalter, wo der Ritter bei friedlichen Begegnungen seine unbewaffnete Hand entgegenstreckte, um zu zeigen, dass sie ohne Waffe und er Freund und nicht Feind war.

Wir dürfen einiges hinzufügen und konkretisieren. Denn der Hut war im Mittelalter und als Kleidungsstück des Mannes (die Frauen trugen Hauben) Ausweis des freien Individuums. Der Schweizer Volkskundler Robert Wildhaber bestimmt es in seinem Buch „Kopfbedeckungen aus Europa“ von 1963 so: „Weil der Hut das Zeichen der Herrschaft, der Machtfülle, des investierten Amtes ist, muss ihm Ehre erwiesen werden. Das Hutabnehmen gilt denn auch nach alter Auffassung als Zeichen der Lehnshuldigung.“ Aus diesem Zusammenhang erklärt sich das spätere Hutabnehmen zum Grüßen als Ehrerbietung durch das Entblößen des Kopfes. Noch heute lässt diese Bedeutung in zahlreichen Redewendungen auf die eine oder andere Art wiederfinden: „Hut ab“, „“den Hut an den Nagel hängen“, „seinen Hut nehmen“, „alles unter einen Hut bringen“. In unseren Tagen steht das Ehrerbieten beim Hut- oder Mützenabnehmen wohl nicht mehr so im Vordergrund. Es ist anders geworden. Und wer kennt nicht den Ohrwurm „Jeg sætter min hat som jeg vil ...“ von Daimi nach dem Gedicht von Klaus Rifbjerg, das ganz andere Dimensionen eröffnete – ist allerdings auch schon fast 60 Jahre her.

 

Alte Zeitungsanzeige von Hans Jürgensen zum Weihnachtsverkauf mit Kindergrafik und Preisliste.
Zu Weihnachten 1925 gab es in Sonderburg (und wohl andernorts auch) moderne Herren-Artikel, darunter „Herren-Hüte in Woll-Haarfilz, die neuesten Formen“ zu verschiedenen Preisen bei Jürgensen in der Jernbanegade.)

 

Sonnabend, 17. April 1926

Die Königin von England gegen die kurzen Röcke

Nachdem sich erst vor Kurzem die Königin von Spanien als Modemoralistin betätigt hat, ist nunmehr auch die Königin von England diesem Beispiel gefolgt und hat sich für ihre Frühjahrsempfänge den Besuch von Damen mit kurzen Röcken verbeten. Um keine Missverständnisse über diesen dehnbaren Begriff aufkommen zu lassen, hat sie verfügt, dass zwischen Rocksaum und Boden nur ein Abstand von zwölf Zentimetern bestehen dürfe, während es bisher in der Gesellschaft üblich war, diesen auf 45 Zentimeter auszudehnen. Die Londoner Damenschneider haben sich die größte Mühe gegeben, einen Kompromiss zu erzielen, indem sie zehn Zentimeter geschenkt haben wollten. Aber die Königin hat sich nicht erweichen lassen; sie ist der Ansicht, dass man der Mode schon genug Zugeständnisse gemacht hat.

Die Meldung erfährt auch deswegen eine besondere Note, weil vier Tage nach unserer Meldung, am 21. April 1926, die nachmalige englische Königin Elisabeth II. geboren wird. Auch sie hat offenbar nie ein Foto autorisiert und für die Öffentlichkeit freigegeben, dass sie mit einem kniefreiem Kleid zeigt. Ihre Großmutter Maria, die 1926 auf strengerer Hofetikette beharrte, ohnehin nicht. Aber Achtung: Unter dem 23. April findet sich eine Meldung aus Londoner Hofkreisen, die zeigt, dass die Königin nicht so reaktionär war, wie es zunächst scheinen mag. Der kurze Rock ließ sich aber gleichwohl nicht aufhalten. Man lese dann unter dem Tag zuvor, unter dem 22. April.

 

Donnerstag, 22. April 1926

Damenstrümpfe mit Spitzen sind die allerneueste amerikanische Mode für das kommende Frühjahr. Da der kurze Rock modern bleibt, und also die Strümpfe ebenfalls eine Rolle in der sichtbaren Mode spielen, so wird man künftig die Strümpfe gleicherweise recht kurz halten, ein wenig bis unter die Knie. Dort, wo das Fleischliche beginnt, verziert man nun in der Art von Stulpen die Strümpfe mit eleganten Spitzen. „Sieht sehr schön aus“, sagen die Amerikaner.

Freizügigkeit war ja eines der Gesetze der damaligen Zeit. Aber nur in den Metropolen, also hierorts nicht. Gleichwohl waren die Zwanzigerjahre auch Jahre einer Damen-Strumpf-Revolution, die bis heute (Feinstrumpfhosen) Auswirkungen hat. Die Professorin für Modegeschichte Ingrid Loschek hat das einmal so beschrieben: „Ab den 1920er Jahren verdrängte der Kunstseiden-Strumpf den Reinseiden-Strumpf und den Flor-Strumpf (Baumwolle). Mit dem Kunstseiden-Strumpf erhielt die flachwirkende Cotton-Maschine großen Aufschwung, da ein rundgewirkter Kunstseiden-Strumpf eine schlechte Passform hatte. Mit dem Kunstseiden-Strumpf konnten sich Frauen einen feinen, seidenähnlichen Strumpf leisten, der die Verkürzung des Saums unterstützte. Jede Musterung des Strumpfs fiel nun weg, nur Feinheit, Schmiegsamkeit und Farbe bestimmten die Eleganz.“

 

Freitag, 23. April 1926

Deutsche Buchausstellung in Kopenhagen

In Kopenhagen ist dieser Tage eine deutsche Buchausstellung eröffnet worden. 25 große deutsche Verleger haben sich an dieser Ausstellung beteiligt.

Diese knappe Meldung unserer Zeitung gibt keine Vorstellung von der großen Bedeutung der Schau für die intellektuelle Welt der dänischen Hauptstadt und die deutsch-dänischen Beziehungen der damaligen Zeit. Eröffnet wurde die Ausstellung am Abend des 19. April in Anwesenheit des deutschen Gesandten Freiherr von Mutius, von dem wir in unserer Chronik-Spalte schon öfter hörten, des schwedischen Botschafters wie des sowjetischen Geschäftsträgers. Wir lassen hier ungekürzt die dänische Besprechung aus „Politiken“ folgen, um einen Eindruck von der deutsch-dänischen Begegnung zu geben: „Die Boghallen Alfred G. Hassing, die mit ihren früheren französischen und englischen Buchausstellungen und kürzlich erst mit der außerordentlich schönen schwedischen so großen Eindruck gemacht haben, eröffnen heute Abend eine Ausstellung deutscher Buchkunst. Diese Ausstellung ist umfangreicher als sämtliche bisherigen, denn nicht weniger als fünfundzwanzig große Verlage aus allen möglichen deutschen Orten nehmen daran teil. Auch die Deutschen verstehen es, schöne Bücher herzustellen! Namentlich das billige populäre Buch zeichnet sich in Deutschland durch seine geschmackvolle Ausstattung aus, wovon wir manches lernen können. Unter anderem sind die Leinen- und Pappeinbände in der Regel außerordentlich hübsch. Wer hat z. B. nicht schon seit Jahren die schönen Pappeinbände bewundert, in denen der S. Fischer Verlag, Berlin, Hauptmanns und Schnitzlers Werke herausbringt? In Boghallens deutscher Ausstellung hat jeder Verlag seine kleine Sonderschau mit seinen Spezialitäten. Da ist Albert Langen, München, mit skandinavischer Literatur, Gulbranssons Zeicnungen und Eduard Fuchs´ Karikaturwerken; J. J. Bergmann, München, mit wissenschaftlicher Literatur; S. Fischer, Berlin, mit den modernen Autoren Haupmann, Sudermann, Wassermann, Hesse usw. und mit Übersetzungen dänischer Literatur (Peter Nansen und Johannes V. Jensen); Georg Westermann, Braunschweig, zeigt Reiseliteratur; Ferdinand Enke, Stuttgart, technische Literatur; E. A. Seemann, Leipzig, Kunstliteratur und die bekannte Reihe: Berühmte Kunststätten; Otto Rerichl, Darmstadt, Philosophie, darunter die Bücher des Gesandten v. Mutius; Amalthea-Verlag, Wien, Theaterliteratur und kostbare Ausgaben; Ernst Wasmuth, Berlin, Kunst; Insel-Verlag, Leipzig, Klassiker-Ausgeben; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, die sehr bekannte Reihe „Klassiker der Kunst“; Hesse & Becker, Leipzig, Romane der Weltliteratur; F. A. Brockhaus, Leipzig, das berühmte Lexikon und Reisewerke; Julius Groos, Heidelberg, Sprachbücher; Eugen Diederichs, Jena, Märchensammlungen aus vielen Ländern, H. C. Andersens werke und viele andere; Georg Thieme, Leipzig, wissenschaftliche Literatur und das große Werk „Der Kolonialismus“ usw.; Schöne und kostbare Eionbände haben Hübel & Denck, Leipzig, ausgestellt. Hier sieht man den Faksimiledruck von Beethovens 9. Symphonie (Verlag Kistner & Siegel, Leipzig) in einem wunderbaren Einband; das Werk kostet in diesem Gewande nicht weniger als 320 Kronen.

Die deutsche Ausstellung ist wie die früheren wert, zahlreich besucht zu werden. Solche Übersichten über die Buchproduktion der europäischen Kulturländer sind nicht nur für den Buchliebhaber und Büchersammler interessant, sondern auch für jeden, der sich in irgendeiner Weise mit der Herstellung von Büchern beschäftigt. Wir sind hierzulande noch nicht so weit, dass wir von fremder Technik und von fremden Geschmack nicht lernen können“ Der Buchhändler Alfred G. Hassing (1890-1939) hatte die Buchhandlung im Sommer 1915 gegründet. Es gibt sie noch heute. Der Buchfreund, der Kopenhagen besucht, kennt sie: Politikens Boghal, Rådhuspladsen 37.

  

Freitag, 23. April 1926

Der Bubikopf hoffähig

Die englischen Hoffestlichkeiten in der diesjährigen Saison beginnen in den nächsten Tagen. Einem alten Brauche gemäß hat der Oberzeremonienmeister vier Modelle anfertigen lassen, die zeigen, welche Kleider bei Hofe zugelassen sind. Die Schleppen sollen nicht länger als 1 ¾ Meter sein. Interessant ist, dass zwei Modelle den Bubikopf tragen, sodass diese Haartracht zum ersten Male offiziell vom Hofe zugelassen wird.

Über den Kampf um den Bubikopf haben wir in unserer Chronik bereits öfter berichtet. Denn er war nach 1920 zehn Jahre Mode und umstritten. Wir geben hier einmal einen Auszug aus einer Erzählung von Vicky Baum wieder, die 1888 in Wien geboren wurde und 1988 im Exil in Hollywood starb. Sie gehörte damals als Gesellschaftsautorin mit ihren Romanen (z. B. „Menschen im Hotel“) zu den meistgelesenen Autoren der Welt! In der „Dame. Illustrierte Mode-Zeitschrift“, die von 1912 bis 1943 erschien und in den Zwanziger Jahren Heft für Heft eine buchkünstlerische Kostbarkeit darstellte, und in der (fast) alle namhaften deutschen Autoren publizierten, heißt es in der Erzählung Vicki Baums mit dem Titel „Leute von heute“ in dieser Zeit von 1926 u. a.: „An jenem großen Tag, da Ypsi, die kleine sehr moderne Frau, sich bleich vor Erregung das Haar schneiden ließ, an dem gleichen Tag ließen sämtlich Ypsis das gleiche tun. Aus einer Kühnheit war eine Mode geworden, die mehr oder minder gut zu Gesicht stand, die aber auf jeden Fall mitgemacht werden musste. Oh, diese flüsternden Beratungen in der duftenden Box des Schönheitssalons, um aus der Uniform des gebobbten Haares etwas Originales zu schaffen. Schneiden, noch kürzer schneiden, ganz ratzekahl schneiden, aus der Stirn legen, in die Stirne legen, glätten, hochstellen, hinunterziehen, vor das Ohr, hinter das Ohr – alles originell, aber ach, alles modern und bei Hunderttausenden in Gebrauch“.

 

Dienstag, 27. April 1926

Ellen Key gestorben

Die schwedische Frauenrechtlerin Ellen Key ist in der Nacht auf Sonntag um 12.20 verstorben. Ellen Key ist weit über die Grenzen ihres schwedischen Vaterlandes bekannt geworden. Ihre Gedanken, die sie in Essays und Büchern, aber auch in Vorträgen verbreitete, haben auch in Deutschland anregend gewirkt. Sie haben teils begeisterte Aufnahme, teils auch Widerspruch gefunden, und dadurch lebhafte Diskussionen hervorgerufen.

So beginnt auf der ersten Seite unserer Zeitung ein ausführlicher Nachruf auf die verstorbene Autorin. Zum 100. Todestag wird man andernorts ausführliche und leicht zugängliche Würdigungen vorfinden.

 

 

Dienstag, 6. April 1976

Amtseinführung von Pastor Lorenz Wree

Der neue deutsche Pastor für Tondern und Uberg, Lorenz Peter Wree wurde am vergangenen Sonntag von Propst I. Algreen-Petersen, Bredebro, in sein Amt eingeführt. Propst Hans-Egon Petersen, Sonderburg, hielt die Eingangsliturgie des Gottesdienstes, der ausnehmend gut besucht war, bevor J: Algreen-Petersen die eigentliche Zeremonie der Amtseinführung vornahm. Pastor Wree hielt dann die Predigt über ein Wort aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kap. 4, 9-13, in dem es heißt, die Gemeinde erwarte vom Apostel, dass er stark sei in seinem Auftreten. Pastor Wree setzte diesen Text in Parallele zu den Erwartungen und Wünschen der heutigen Gemeinde, die ähnlich seien. Es entspreche jedoch nicht der Nachfolge Jesu auf dem Leidenswege, so Paulus in genannter Textstelle, wenn man ausschließlich Stärke demonstriere. Wree stellte fest, es gebe in diesem Amt auch Schweres und Leiden, daher könne nicht immer auf Anhieb das Richtige getan werden. Zudem gründe sich der Glaube nicht auf flammende Reden, wie es die Gemeinde zu Paulus Zeiten erwartete, sondern sei in der Kreuzesnachfolge Christi begründet. Sowohl Pastor als auch Gemeinde seien dazu aufgefordert, sich gegenseitig auf den Kreuzesweg zurückzurufen.

Die Amtseinführung am 3. April war, wie der Bericht ausweist, ein großes Ereignis in Tondern, wo Wree dann dreißig Jahre die Pastorenstelle innehatte. Lorenz Peter Wree wählte für seine Predigt ein wohl stets aktuelles, aber gleichwohl ungemütliches Wort aus dem Korintherbrief. Paulus behandelt die Überheblichkeit und Selbstüberhebung des Menschen am Beispiel seiner Mitbürger in Korinth. Die fünfzigjährige Wiederkehr der Tonderaner Einsetzung erlebte Lorenz Peter Wree nicht mehr. Er ist, wie die Leser wissen, im vergangenen Spätsommer verstorben.

 

Pastor Lorenz Peter Wree erläuterte noch vor einem Jahr während einer Exkursion die Eigenheiten der Kirche von Gelting in Angeln. Fast 45 Jahre war Wree Vorstandsmitglied in der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig, fast 20 Jahre deren Vorsitzender. Während dieser Zeit und danach hat er ungezählte Exkursionen vorbereitet und geleitet. Das Füllhorn seiner Kenntnisse zur Geschichte Nordschleswigs war unausschöpflich, und er wusste mit seinen unaufdringlichen Mitteilungen uns Exkursions-Teilnehmern die Eigenheiten der Zielorte stets nahezubringen. Kaum in den Exkursionsbus eingestiegen, begann er mit seinen Erläuterungen. Viele Leser werden sich seiner dankbar erinnern.