Gesundheitswesen

Dirk Jessen: „Es gibt noch immer Schubladendenken“

Der 49-Jährige studiert Pflege an der UC in Apenrade.

Geschlechterverteilung: Der Pflegeberuf bleibt weiblich dominiert. Nur wenige Männer wählen diesen Karriereweg. Kampagnen könnten das Image verbessern und mehr Männer anziehen, ist Dirk Jessen überzeugt.

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Zusammenfassung

  • Ein Pflegehelfer und Pflegestudent aus Apenrade berichtet von Rollenklischees und wenigen Männern in der Pflege.
  • Er sieht ein Imageproblem des Berufs und fordert Kampagnen, die die fachliche Vielfalt und Zukunftssicherheit betonen.
  • Gute Arbeitsbedingungen in Dänemark motivieren ihn, langfristig als leitender Krankenpfleger auf der Intensivstation zu arbeiten.

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„Wenn ich in meiner Arbeitskleidung in ein Patientenzimmer komme, kommt es schon vor, dass mich die Patienten für den Arzt halten“, sagt Dirk Jessen, der im Krankenhaus in Apenrade (Aabenraa) als Pflegehelfer arbeitet und parallel dazu an der UC Syd Krankenpflege studiert.

„Und eine junge Frau wird dann oftmals direkt für die Pflegekraft gehalten. Da gibt es ganz klar noch immer dieses Schubladendenken“, berichtet der 49-Jährige.

Eine Handvoll Männer

Er selbst hat bereits mehrere Karrierewege eingeschlagen: zunächst Versicherungskaufmann, dann Buchhalter. Auf der Suche nach etwas Neuem fand er schließlich den Weg in die Pflegeassistenz. Heute arbeitet er im Krankenhaus und ist zugleich im fünften Semester seiner Ausbildung zum Krankenpfleger.

„In meinem Bereich im Krankenhaus gibt es zwar fünf Krankenpfleger – was verhältnismäßig schon viel ist –, aber 90 bis 95 Prozent sind Frauen.“

Auch im Studium zeigt sich dieses Ungleichgewicht: Sein Semester startete mit 48 Studierenden, darunter nur etwa sechs Männer. „Heute bin ich der Einzige – aber der ganze Studiengang besteht auch nur noch aus rund 15 Leuten.“

Dass sich so wenige Männer für den Beruf interessieren, führt Jessen vor allem auf ein Imageproblem zurück.

Mehr als ‚Po abwischen‘ 

„Man sollte Kampagnen starten, die zeigen, wie breit das Aufgabenfeld eigentlich ist. Das könnte den Beruf auch für Männer attraktiver machen. Denn es ist längst nicht nur ‚Po abwischen‘ – der Beruf ist so viel mehr. Du kümmerst dich um medizinische Abläufe und arbeitest eng mit den Ärzten zusammen.“

Zugleich sei die Pflege ein Beruf mit Zukunft: Durch den demografischen Wandel werde viel Nachwuchs gebraucht – und auch die Gefahr, durch Digitalisierung ersetzt zu werden, sieht Jessen nicht. „Dafür spielt das Zwischenmenschliche eine zu große Rolle.“

Eine ausgewogene Mischung aus männlichen und weiblichen Pflegekräften hält er dennoch für wichtig: „Es gibt Situationen, in denen sich zum Beispiel ein älterer Mann im Krankenbett geniert, von einer jungen Frau im Intimbereich gewaschen zu werden. Das ist dann ein Balanceakt. Natürlich kann man sich nicht aussuchen, wer kommt – aber manchmal ist es einfacher, wenn das dann ein Mann übernimmt.“

Auch er selbst habe einmal eine ähnliche Situation erlebt: „Da habe ich deutlich gemerkt, dass die Patientin erleichtert war, als ich Feierabend hatte und ihr der Katheter von meiner Kollegin statt von mir gelegt werden sollte.“

Für solche Reaktionen hat er Verständnis: „Ich kann das nachvollziehen. Das ist ja auch eine Form von Grenzüberschreitung.“ In der Regel spiele das jedoch keine große Rolle im Alltag.

Mit gutem Beispiel voran

Dass er einmal in der Pflege arbeiten würde, hätte er sich vor 20 Jahren allerdings nicht vorstellen können. „Ich mag meine Arbeit – aber damals hätte ich dich ausgelacht.“

Heute sieht er das anders: Wenn sich nicht mehr Menschen für diesen Beruf entscheiden, werde es bald an Personal fehlen.

„In Deutschland wäre der Beruf für mich nichts gewesen. Hier sind die Voraussetzungen ganz anders: Die Bezahlung ist vernünftig, und auch die Hilfsmittel stimmen.“ Auch als bald 50-Jähriger fühle er sich auf dem Arbeitsmarkt wertgeschätzt. „Ich werde gefördert, auch in meinem Alter. Und dass ich schon viele unterschiedliche Dinge gemacht habe, wird hier eher als Erfahrung gesehen – nicht skeptisch beäugt wie in Deutschland.“

Langfristig möchte der gebürtige Norddeutsche seinen Pflege-Bachelor auch in Deutschland anerkennen lassen. „Man weiß ja nie.“ Arbeiten wird er jedoch weiterhin auf der Intensivstation im Krankenhaus in Apenrade.

Sein Ziel: In einigen Jahren den Patientinnen und Patienten als leitender Krankenpfleger gegenübertreten – vielleicht Seite an Seite mit einer jungen Ärztin.