Politik

Hans Christian Schmidt nimmt Abschied vom Folketing: „Der Ton ist härter geworden“

Hans Christian Schmidt besuchte die Minderheit beim Deutschen Tag 2024 (Archivfoto)

Der Venstre-Politiker aus Woyens wurde 1994 erstmalig ins Parlament gewählt. Bei der baldigen Wahl tritt er nicht erneut an. Im „Nordschleswiger“-Interview wirft er einen Blick zurück auf seine lange politische Laufbahn.

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Zusammenfassung

  • Hans Christian Schmidt aus Woyens tritt nach mehr als 31 Jahren nicht erneut für das Folketing an.
  • Er betont die Bedeutung von Netzwerken und kritisiert den heute härteren Ton und machtorientierte Politik.
  • Als einen wichtigten Erfolg sieht er den neuen Ausschuss für die deutsche Minderheit und plant nun mehr Zeit für Bildung, Reisen und Familie.

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Neunmal hat Hans Christian Schmidt aus Woyens (Vojens) erfolgreich für sein Mandat auf Christiansborg gestritten. Bei diesem Wahlkampf wird er zum ersten Mal seit 1994 von der Seitenlinie aus zuschauen.

„Damit fühle ich mich wohl. Ich finde, es ist der richtige Zeitpunkt, dass andere Kräfte übernehmen“, sagt er.

Man nimmt es ihm ab; in seiner Stimme schwingt keine Wehmut mit. Er blickt auf ein politisches Leben zurück, wo er alles in allem zufrieden ist. Zufrieden damit, was er für Woyens und Nordschleswig erreicht hat.

„Ich war von Anfang an der Meinung, dass das Wichtigste an der Arbeit im Folketing ist, sich für die Anliegen der Menschen einzusetzen“, so Schmidt. 

Aufschwung für Venstre

Und dieser Anfang liegt mehr als 31 Jahre zurück. Es war lediglich eineinhalb Jahre her, dass der Konservative Poul Schlüter aufgrund der Tamilen-Affäre* (Tamilsagen) als Staatsminister zurücktreten musste. Der Sozialdemokrat Poul Nyrup Rasmussen übernahm das Regierungsamt und schrieb zum 21. September 1994 Neuwahlen aus.

Ich hatte einen Kloß im Hals, denn davon hatte ich seit Langem geträumt. Ich war gespannt, was mich erwarten würde.

Hans Christian Schmidt

Venstre koalierte zwar mit den Konservativen, war aber von der Tamilen-Affäre unberührt. Und so konnte die rechtsliberale Partei 13 Mandate hinzugewinnen. Und eines dieser Mandate ging an den damals 41-jährigen Hans Christian Schmidt aus Nustrup bei Woyens. 

*Die Tamilen-Affäre

  • Der konservative Justizminister Erik Ninn Hansen stoppte wiederrechtlich von 1987 bis 1989 den Familiennachzug für tamilische Geflüchtete aus Sri Lanka.
  • Ein Untersuchungsausschuss kam 1993 zu dem Ergebnis, Ninn Hansen habe illegal gehandelt und sei sich dessen bewusst gewesen.
  • Noch am selben Tag gab Staatsminister Poul Schlüter den Rücktritt der Regierung bekannt. 
  • 1995 wurde Ninn Hansen wegen des Verstoßes gegen das Gesetz zur Verantwortlichkeit der Minister verurteilt.

Der erste Tag auf „Borgen“

Trotz des zeitlichen Abstands erinnert er sich genau an den Tag, als er als frisch gewählter Abgeordneter das erste Mal die Treppe von Christiansborg hinauf schreitet. Es ist der 4. Oktober 1994.

„Ich hatte einen Kloß im Hals, denn davon hatte ich seit Langem geträumt. Ich war gespannt, was mich erwarten würde.“

Zwar ist er bereits kurz zuvor zu einer Einführungssitzung in der Fraktion auf „Borgen“ gewesen, doch nun ist es der Tag der Eröffnung des Parlaments. Ab diesem Tag kann Schmidt offiziell das Kürzel MF – Medlem af Folketinget (Mitglied des Folketings) hinter seinem Namen schreiben.

„Das ist ja die große Eröffnungszeremonie, und ich betrat das Gebäude mit großer Ehrfurcht.“

Die Bedeutung von Netzwerken

Auch ist er gespannt, wie alles funktioniert. Wie sind die Abläufe? Wir arbeiten die Ausschüsse?

„Ich fragte einige der damals älteren Abgeordneten, wie ich die Dinge angehen soll, und die meinten: ‚Das bekommst du schon noch mit, Hans‘.“

Das tat er auch nach und nach. Vor allem eines stellte sich als wichtig heraus: „Auf Christiansborg brauchst du ein gutes Netzwerk.“

Der fast Dienstälteste im Folketing

Denn es drängte den neugewählten MFer etwas zu bewegen, und dafür benötigte er gute Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen quer durch die Parteien. 

Mittlerweile zählt er zu den Erfahrensten im Parlament. Nur Pia Kjærsgaard von der Dänischen Volkspartei ist länger als der Woyenser im Folketing. 

Vergleicht er die parlamentarische Arbeit heute mit der von damals, fällt ihm vor allem eines auf: „Der Ton ist härter geworden.“

Als Anders Fogh auf einen billigen Sieg verzichtete

Um zu erläutern, was er damit meint, beschreibt er eine Situation mit dem damaligen Venstre-Vorsitzenden und Oppositionsführer Anders Fogh Rasmussen. Schmidt hatte einen Antrag ausgearbeitet, für den es eine Mehrheit gegen die Regierung gab.

„Fogh sagte: ‚Schön und gut, aber was haben wir davon?‘. Ich antwortete: ‚Wir können der Regierung eine Abstimmungsniederlage bescheren‘.“

Doch die Antwort reichte seinem Parteichef nicht aus. Er wollte wissen, was Venstre rein politisch dadurch erreichen würde. Heute gehe es mehr darum, wer Siegender, wer Verlierender ist – häufig ohne erkennbare politische Wirkung.

Ein politischer Erfolg zugunsten der Minderheit

Der Pragmatismus liegt dem erfahrenen Parlamentarier offensichtlich mehr als die parteipolitischen Machtspielchen. Was mit seinem Anspruch zusammenhängen mag, Ergebnisse zugunsten der Menschen zu erzielen – vor allem der Menschen in Woyens, Hadersleben (Haderslev) und Nordschleswig. 

Wenn er auf seine vielen Jahre im Folketing zurückblickt, fallen ihm so einige Beispiele ein: von Menschen, denen er bei konkreten Anliegen helfen konnte, bis hin zu Autobahnen, die in seiner Zeit als Verkehrsminister beschlossen wurden. 

„Doch am präsentesten sind natürlich die Dinge, die ich in den letzten Jahren bewegen konnte. Und da freut es mich besonders, dass wir den Ausschuss für die Deutsche Minderheit gründen konnten.“

Der „alte“ Kontaktausschuss für die Minderheit war beim Kulturministerium angesiedelt. Doch dort hatte die Arbeit geringe Priorität und die Treffen waren mehr als unregelmäßig. 

Hans Christian Schmidt

  • Geboren am 25. August 1953 in Nustrup bei Woyens
  • 1977: Lehrerausbildung am Haderslev Seminarium
  • 1982-2001: Stadtratsmitglied in Woyens
  • 1994: Wahl zum Folketing
  • 2001-2004: Umweltminister
  • 2004-2007: Nahrungsmittelminister
  • 2010-2011 und 2015-2016: Transportminister

Auch hier waren Hans Christian Schmidts Netzwerke von Bedeutung. Gemeinsam mit Abgeordneten anderer Fraktionen setzte er sich für einen Ausschuss beim Folketing ein. Im Herbst 2024 wurde er dann gegründet. 

„Es war schön zu erleben, dass er verwirklicht wurde. Und ich bin froh, dass Jesper Petersen (Soz.) den Vorsitz übernommen hat, denn er ist ein guter Vorsitzender“, lobt er den Kollegen von der politischen Konkurrenz. 

Schmidt war selbst aufgefordert worden, den Posten zu übernehmen. Doch mit Blick auf das baldige Ende seiner politischen Laufbahn lehnte er ab. 

„Du musst an dich selbst glauben“

Den Abgeordneten, die nach der Wahl ins Folketing einziehen werden, gibt er einen Rat mit auf den Weg: „Du musst an dich selbst und das, was du tust, glauben. Dann wird es schon laufen.“

Sollte etwas mehr Zeit für Freunde und Familie übrig bleiben, wäre das auch sehr schön.

Hans Christian Schmidt

Selbst hat der 72-Jährige bereits Pläne für die Zeit nach dem Folketing geschmiedet. Er möchte eine Heimvolkshochschule (Højskole) besuchen, ein langgehegter Traum.

„Ich bin regelmäßig als Vortragshalter an einer gewesen, um zu unterhalten, Geschichten und Anekdoten zu erzählen. Jetzt freue ich mich darauf, selbst einen Kurs zu belegen.“

Gemeinsam mit seiner Frau möchte er noch weitere Hauptstädte besuchen, als sie es bislang geschafft haben. 

„Und sollte etwas mehr Zeit für Freunde und Familie übrig bleiben, wäre das auch sehr schön.“