Deutsche Minderheit

Vortrag: Ilse Friis enthüllt bislang unerzählte Geschichten von Frauen der Minderheit

Für Ilse Friis’ neuen Vortrag sind viele extra zur Generalversammlung der HAG gekommen.

Mehr als anderthalb Jahre hat die Historikerin Ilse Friis Geschichten über die Töchter der Minderheit recherchiert. Am Wochenende präsentierte sie diese Geschichten über persönliche Schicksale und kollektive Traumata in einem Vortrag zum ersten Mal – mit einem Überraschungsgast.

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Anmerkung der Redaktion: Über das Thema sprechen wir auch in unserem Podcast „Mojn Nordschleswig“ am kommenden Freitag.

Zusammenfassung

  • Historikerin Ilse Friis hielt in Tingleff erstmals ihren Vortrag „Die Töchter der Minderheit“ über Frauen der deutschen Minderheit in der Nachkriegszeit.
  • Sie schildert einerseits eine weitgehend sorglose Kindheit, andererseits traumatische Erfahrungen wie die Verhaftung vieler Väter und das lange Schweigen darüber.
  • Die 88-jährige Lisa Kaad war auch mit dabei - als eine von 40 Frauen, deren Lebensgeschichten Ilse Friis recherchiert hat.

Diese Infobox wurde mithilfe von KI generiert und von der Redaktion geprüft.

Der großzügige Raum in der Deutschen Nachschule Tingleff (Tinglev) ist bis auf den allerletzten Platz besetzt. 

„Die sind alle wegen Ilse hier“, sagt einer. Er hat zwei Stühle in der Hand für die, die etwas später zur Generalversammlung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig (HAG) gekommen waren – am Ende wird Ilse Friis zum ersten Mal ihren neuen Vortrag halten. Der Mann wird später noch mehr Stühle anschleppen.

 „Die Töchter der Minderheit“ ist das Thema von Ilse Friis und zugleich der Name ihres neuen Vortrags. Darin erzählt sie die Geschichte von Frauen aus der Minderheit, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind. Viele von ihnen haben erst gegenüber Ilse Friis ihr Schweigen gebrochen – zwei ausführliche Artikel des „Nordschleswigers“ dazu finden sich am Ende dieses Textes. 

Ilse Friis hat bei ihrem Vortrag die volle Aufmerksamkeit des Publikums.

Aufgeregt ist Ilse Friis nicht, nach mehr als anderthalb Jahren die Ergebnisse ihrer Arbeit zu präsentieren. „Das ist das Lehrer-Gen“, sagt die ehemalige Rektorin am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig und grinst. 

Vermutlich ist es auch deshalb ganz still im Publikum, als sie zu sprechen beginnt. Nur ein Räuspern ist ab und an zu hören. 

Es gab viel Leid in Europa. Doch als Kind hatten die Frauen das nur am Rand erlebt.

Ilse Friis

So erfahren die Gäste im Saal, wie der Alltag der jungen Mädchen und Frauen in den letzten Kriegsjahren und der Nachkriegszeit aussah. Sie erfahren vom Flechten großer Schuhe aus Binsen für die Soldaten an der Ostfront. Vom Sport, den die Töchter der Minderheit liebten. 

Sport spielte für die Frauen damals eine große Rolle.

Dass das Landessporttreffen in Hadersleben (Haderslev) und das Knivsbergfest für alle das Highlight des Jahres war, dass etliche der Frauen ihre Männer beim Faustball kennenlernten. Und: Dass die Frauen übereinstimmend von einer sorglosen Kindheit und Jugend erzählten.

„Auch in der Besatzungszeit hatten sie keine Not gelitten. Es gab viel Leid in Europa, doch als Kind hatten die Frauen das nur am Rande erlebt.“ Obwohl Nordschleswig vom 9. April 1940 bis zum 5. Mai 1945 von Nazi-Deutschland besetzt war. 

Kollektives Trauma in der Minderheit 

Im Vortrag erfährt das Publikum aber auch von schweren Einschnitten im Leben der Frauen. Als nach dem Krieg die Männer – ihre Väter – von zu Hause weggeholt und ins Fårhus-Lager gebracht wurden. Weil sie Zeitfreiwillige oder Nazi-Kollaborateure waren oder als Landesverräter angesehen wurden. 

„In einer Familie wurde der Vater am siebten Geburtstag der Tochter abgeholt.“

Das siebenjährige Mädchen ist heute 88 Jahre alt. Und: Sie sitzt mit im Publikum, wie sich am Rande der Veranstaltung herausstellt.

Lisa Kaad (links) ist eine der 40 Frauen, die Ilse Friis in den vergangenen anderthalb Jahren ihre Geschichte erzählt haben.

Lisa Kaad lebt heute in Gravenstein (Gråsten). „Als mein Vater damals abgeholt wurde, das war natürlich erschreckend. Aber sonst war es für mich eher eine spannende, eine aufregende Zeit. Es passierte viel“, erzählt sie und fügt hinzu: „Wir wurden ein Jahr lang von Wanderlehrern unterrichtet und kamen dann auf die dänische Schule.“

Nur wenige Frauen durften in ihrem Traumberuf arbeiten

Lisa Kaad wurde Krankenschwester, arbeitete in Kopenhagen – und war damit eine der wenigen Frauen, die damals ihren Traumberuf ergreifen konnten. Auch ein Thema, das Ilse Friis in ihrem Vortrag anspricht: das Trauma der Frauen, die zu Hause auf dem Hof arbeiten mussten, statt eine Ausbildung zu absolvieren oder zu studieren.

„Diese Frauen sind gewöhnliche Frauen, doch sie haben außergewöhnliche Geschichten zu erzählen. Ich hoffe, ihr findet das auch“, beendet Ilse Friis ihren Vortrag. Es gibt langen Applaus. 

Reaktionen und Fragen aus dem Publikum

Eine Frau aus dem Publikum möchte wissen, ob die Frauen den Schmuck getragen hätten, den ihre Väter im Lager gebastelt hätten: Sie hatten dort aus Tierknochen Anhänger und Figuren für ihre Töchter zu Hause geschnitzt. 

Ein Mann will wissen, ob es zu den Gefangenen aus der Minderheit gesammelte Informationen gibt. Auf beides hat Ilse Friis ad hoc keine Antwort parat. „Das mit dem Schmuck müsste man recherchieren. Die Informationen über die Gefangenen: Das wäre eine Idee fürs Museum oder das Archiv, eine Anleitung zu geben, wie sie an die Unterlagen ihrer Väter und Großväter rankommen können.“

Dieses Schild fasst die Devise der Väter damals zusammen, sagt Ilse Friis. Das Schild hing früher bei einer Familie in Tondern und ist heute Exponat im Museum.

Im Publikum sitzen auch Christa und Gösta Toft, die Schwester beziehungsweise der Schwager von Ilse Friis. Gösta Toft kennt das große Schweigen, von dem im Vortrag die Rede war, aus seiner Familie nicht. Sein Vater und Onkel seien aber auch nicht im Krieg gewesen. 

„Einige dieser Geschichten hat man gehört, aber weniger von den Frauen. Deswegen finde ich das interessant, das hier auch mitzukriegen“, sagt Gösta Toft.

Seine Frau Christa hatte schon zuvor am Abendbrottisch viel von den Geschichten gehört, die ihre Schwester von den Terminen mit den Frauen zurückgebracht hatte. „Das ist wirklich spannend“, findet sie. 

Ilse Friis’ Recherche indes geht weiter. Schon bald hat sie wieder einen Termin mit einer weiteren Tochter aus der Minderheit. Um diese Frau und deren Geschichte(n) geht es in Kürze hier im „Nordschleswiger“.