Traditonsunternehmen

Marcussen & Søn: Warum historische Orgelbaukunst jetzt Teil eines grenzüberschreitenden Projekts ist

Vorstandsvorsitzende Claudia Zachariassen zeigt Gegenstände aus längst vergangenen Zeiten: Sie sind Zeugen der jahrhundertealten Firmengeschichte des Orgelbauers Marcussen & Søn.

Bei Marcussen & Søn in Apenrade werden seit 220 Jahren Orgeln gebaut. Die Syddansk Universitet will jetzt Unternehmensgeschichten von Traditionsbetrieben wie diesen sichtbar machen: Das soll auch Touristinnen und Touristen anlocken.

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Zusammenfassung

  • Das Forschungsprojekt „Horizon“ der Syddansk Universitet will bei Traditionsbetrieben wie „Marcussen & Søn“ das kulturelle Firmenerbe sichtbar machen.
  • Beim Orgelbauer in Apenrade, der seit 220 Jahren Orgeln fertigt, könnte neben Führungen künftig auch ein Micromuseum regionale Geschichte und Handwerk erlebbar machen.
  • Die SDU empfiehlt, insbesondere Familien- und Unternehmensgeschichten zu erzählen, um nachhaltigen Tourismus in der Grenzregion zu fördern.

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Die alten Holzdielen knirschen bei jedem Schritt auf dem Weg in die so genannte Zeichenstube. Dort liegt, ausgebreitet auf einem großen Tisch, der Grundriss einer Orgel: Gezeichnet vor mehr als 130 Jahren auf dünnem Pergamentpapier.

Es sind Relikte wie diese, die von der inzwischen zwei Jahrhunderte umfassenden Tradition des Orgelbaus Marcussen & Søn in Apenrade (Aabenraa) zeugen. Kultur und Unternehmensgeschichte, die ein Projekt der Syddansk Universitetet (SDU) in Sonderburg (Sønderborg) in der „Region Sønderjylland-Schleswig“ sichtbar machen will: etwa in kleinen Unternehmensmuseen, so genannten Micromuseen, oder auch mit Unternehmensführungen.

Historische Skizzen sind Teil des kommerziellen Erbes und der Unternehmensgeschichte des Orgelbauers in Apenrade.

Das SDU-Projekt läuft im Rahmen von „Horizon“ und ist Teil der europäischen Forschungsarbeit „Verne“: Ziel ist, das kulturelle Erbe der Unternehmen in Grenzländern sichtbar zu machen und dies auch für einen nachhaltigen Tourismus zu nutzen.

Europa? Klingt theoretisch und weit weg. Doch durch deutsche und dänische Unternehmen, die viele in der Region kennen, wird das Projekt quasi vor der eigenen Haustür greifbar. Denn wie das Ganze aussehen kann, ist schon heute im Grenzland sichtbar: Etwa in den Unternehmensmuseen von „Braasch Rum“ in Flensburg und „Danfoss“ in Norburg (Nordborg).

Beide Unternehmen wollen sich weiterentwickeln und sollen als Vorbild für andere dienen, sagt die leitende Professorin des SDU-Projekts, Klarissa Lueg. Außerdem sind zum Beispiel das Regionskontor in Pattburg (Padborg) und das Logenhaus in Flensburg Teil des neuen Forschungsprojekts.

Professorin: „Das ist eine absolut beeindruckende Familiengeschichte“

Für Klarissa Lueg steht vor allem eines im Vordergrund: „Dass wir ein Bewusstsein schaffen für die Schätze, die wir in der eigenen Grenzregion haben.“ Damit habe man auch den Schlüssel für nachhaltiges Erleben. „Weil man weniger reist und eher schaut, was habe ich da, wo ich bin.“

Marcussen & Søn sieht die Wissenschaftlerin deshalb als Paradebeispiel für ihr Projekt: Die Firmengeschichte sei beeindruckend und das Produkt interessant. „Die Orgel ist ja Träger immaterieller, christlicher Werte. Hochzeiten, Beerdigungen, die Menschen verbinden Erinnerungen damit.“

SDU-Professorin Klarissa Lueg und ihr Team arbeiten jetzt an Empfehlungen für die Familienunternehmen, um ihre Geschichte bestmöglich zu präsentieren.

Über das Projekt :

  • Das Projekt „Unternehmens-Museen in Sønderjylland-Schleswig“ soll das kulturelle Firmenerbe der Region sichtbar machen.
  • Kernelemente: Aufbau einer digitalen Plattform und eines Netzwerks, das alle Beteiligten miteinander verknüpft
  • Übergeordnetes Ziel: nachhaltiger Tourismus, der Kulturinteressierte in die Region zieht 
  • Dauer: noch gut zwei Jahre 
  • Finanzierung: Ca. 3,2 Millionen Kronen aus EU-Mitteln

Orgelbau schon jetzt erlebbar 

Es sind offenbar solche Erinnerungen, die Interessierte schon jetzt in die Produktionshallen des historischen Gebäudes von Marcussen & Søn locken. Seit 220 Jahren werden hier Orgeln für Kunden auf der ganzen Welt gefertigt. Wie das geht, zeigen Vorstandsvorsitzende Claudia Zachariassen und ihr Team bei Führungen: Zum einen durch die Fertigungsbereiche, aber auch in enge Räume, in denen in blauen Regalen hunderte von Mappen mit Skizzen lagern. Damit ist Marcussen & Søn einen Schritt weiter als andere im Forschungsprojekt.

„Wir können ja in der Regel nicht das fertige Produkt zeigen. Aber wir können zeigen, wie wir arbeiten, unser Handwerk erklären und die Tradition vermitteln“, sagt Claudia Zachariassen, die das Familienunternehmen bereits in siebter Generation leitet.

Technik und Material haben sich verändert – die Art, wie Orgeln gebaut werden, nicht.

Die Eigner wissen oft gar nicht, was für einen Story-Telling-Schatz sie da haben.

Klarissa Lueg

Wie wurden die Skizzen damals gezeichnet, wie heute? Wie entstehen die Orgelpfeifen? Antworten auf diese Fragen gibt es bei den Unternehmensführungen ebenso wie auf die Frage, welche Holzsorten für den Orgelbau verwendet werden: Wie Palisander, Ebenholz und Eiche aussehen, weiß der eine oder die andere vermutlich. Doch wie riechen die Hölzer? Auch das erlebt man in den großzügigen Holzlagern der Firma, wo es duftet wie bei einem Waldspaziergang.

Micromuseum bereits vorhanden

Mit all dem sind die Köpfe der Gäste bei den Führungen eigentlich schon voll, erzählt die Firmenchefin lächelnd. Dabei hat sie zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal gezeigt, welche Schätze noch in dem historischen Firmengebäude schlummern. Claudia Zachariassen geht über den mit groben Steinen gepflasterten Innenhof. Dann schließt sie die Tür zu zwei weiteren Räumen auf.

Dort öffnet sie die Glastüren der deckenhohen Schränke, die entlang der gesamten Wandseite stehen. Die Schränke sind voll mit Relikten, die von der Geschichte des Orgelbauers erzählen.

Werkzeuge mit Patina, die die Öffentlichkeit bislang nicht zu Gesicht bekommt.

Historische Dokumente wie die offizielle Erlaubnis aus dem Jahr 1811, in den damaligen Herzogtümern Schleswig und Holstein Orgeln bauen zu dürfen. Alte Werkzeuge, die noch unsortiert in einer dunklen Holzkiste liegen. Ein altes Telefon. Schallplatten.

Zwar ist das alles nicht sortiert und geordnet, „aber ein Micromuseum haben wir damit im Grunde schon“, sagt Claudia Zachariassen.

Relikte aus der Vergangenheit

Eines, das sie momentan aber gar nicht zeigt – zumindest nicht bei den Führungen. Die Chefin befürchtet, das interessiere die Menschen nicht besonders. Eine Befürchtung, die Klarissa Lueg häufiger hört. „Dabei ist es doch gerade auch die Familien- und Mitarbeitergeschichte, die interessant ist. Die Eigner sind da oft zu bescheiden, wissen gar nicht, welchen Story-Telling-Schatz sie da in der Hand haben“, so die Professorin.

Familiengeschichte sichtbar machen

Für Marcussen & Søn könnte es dabei um folgende Fragen gehen: Wie hat das Produkt so lange überlebt? Spielt die Familie selbst Orgel? Wie ist ihr Verhältnis zum Produkt? Alles spannend, findet die Wissenschaftlerin. „Man muss natürlich sehen, wie viel die Eigner von der Familiengeschichte preisgeben wollen“, so Klarissa Lueg.

Sie und ihr Team werden jetzt Empfehlungen für die Unternehmen erarbeiten. Da will die Professorin nicht vorgreifen, verrät aber so viel: Bei „Marcussen & Søn“ könne man zum Beispiel in einem separaten Raum die Familiengeschichte sichtbar machen.

Im Rahmen des Projekts soll zum einen eine digitale Plattform entstehen, auf der in der Region man das kulturelle Firmenerbe erleben kann und in welcher Form. Zum anderen wollen Klarissa Lueg und ihr Team die Akteurinnen und Akteure untereinander vernetzen. Man kenne sich untereinander oft nicht, sagen sowohl die Wissenschaftlerin als auch Claudia Zachariassen.

Claudia Zachariassen ist stolz auf ihr Familienunternehmen.

Sie wird auch weiterhin Interessierte durch ihren Betrieb führen und ihre Leidenschaft für das Handwerk teilen: Das Zusammenspiel zwischen Architektur, Musik und Maschine, bei dem alles perfekt aufeinander abgestimmt sein muss, wie sie auf dem Weg zurück in ihr Büro unter dem Knirschen der Holzdielen erzählt.