Diese Woche in Kopenhagen

„Partnermord – das Verbrechen, das verhindert werden kann“

Partnermord – das Verbrechen, das verhindert werden kann

Partnermord – das Verbrechen, das verhindert werden kann

Kopenhagen
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Es ist ein Mythos, dass der Mord an einer Lebensgefährtin plötzlich und ohne Vorwarnung begangen wird. In den meisten Fällen kündigt er sich an. Daher kann und muss Partnermorden vorgebeugt werden.

Ich lade dich ein, dich zur Einleitung selbst zu testen. Was kommt in Dänemark häufiger vor: ein Mord an einer Partnerin oder ein Mord in Zusammenhang mit Kriminalität, zum Beispiel ein Bandenmord? Die Antwort ist alles andere als unwichtig, denn sie hat viel damit zu tun, wie wir diese Schwerverbrechen wahrnehmen und in Folge auch bekämpfen.

Und die Antwort lautet: Es sind die Partnermorde – und zwar erheblich häufiger. Jeder vierte Mord in Dänemark ist ein Partnermord. Jeder Vierte! Es ist die häufigste Form des Mordes. Morde im kriminellen Milieu machen um die sieben Prozent aus. 

Dieses Jahr sind nach einer Übersicht von „Politiken“ zehn Menschen von ihrem Partner – in einem Fall von der Partnerin – getötet worden. Neun der Opfer waren Frauen, eines ein Mann.

Es muss hier auch noch einmal betont werden: Das Risiko, Opfer eines Partnermordes zu werden, ist für Frauen erheblich höher als für Männer. Der Gerichtsmediziner Asser Hedegård Thomsen hat sämtliche 1.417 Morde in Dänemark im Zeitraum von 1992 bis 2016 untersucht. Sein Ergebnis: Mehr als acht von zehn Opfern von Partnermorden sind Frauen.

55,6 Prozent aller ermordeten Frauen wurden von ihrem Partner oder ehemaligen Partner getötet. Lediglich bei 8,9 Prozent der männlichen Opfer war von einem Partnermord die Rede.

Wenn Medien über einen Partnermord berichten, werden häufig überraschte und schockierte Nachbarinnen und Nachbarn befragt. Es entsteht das Bild, der Mord sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel geschehen. In vielen Fällen ist das Gegenteil der Fall.

Das gilt anscheinend auch für den Mord, den der Dolmetscher Said Bahram Sherzad am 29. Januar dieses Jahres im Asylzentrum Aalykke in Lügumkloster (Løgumkloster) begangen hat. 26 Male hat er seine Frau am Körper und am Kopf mit einem Messer gestochen. Wie „Ekstra-Bladet“ berichtete, hatten Mitarbeitende des Asylzentrums Hviding, in dem das Paar zunächst untergebracht war, bereits im Oktober des Vorjahres zweimal die Polizei zu dem Paar gerufen. Die Polizei will allerdings nicht sagen, worum es bei den beiden Alarmen ging.

Polizeiinspektor Søren Rye von der Polizei für den Kopenhagener Westen hat die Frage von möglichen Vorwarnungen genauer untersucht. Wie „Politiken“ berichtet, hat er 77 Partnermorde darauf geprüft, ob Behörden und Polizei zuvor Kontakt zu dem Paar gehabt hatten, oder ob Freunde und Familie von Problemen in der Beziehung gewusst hatten.

In fast einem Viertel der Fälle hatte die Polizei Kontakt zu dem Paar gehabt. Ebenfalls in einem Viertel der Fälle wussten unter anderem die Schule oder Kommune um die Probleme; das Umfeld wusste häufig von Todesandrohungen. Insgesamt wussten die Polizei oder andere in mehr als der Hälfte der Fälle von der häuslichen Gewalt.

Die Schlussfolgerung des Polizeiinspektors: Frauenmorde können verhindert werden, wenn man die Warnsignale richtig deutet und rechtzeitig eingreift!

Daher ist auch richtig und wichtig, dass auch die Familienberatung der deutschen Minderheit das Problem der häuslichen Gewalt ernst nimmt, wie meine Kollegin Marle Liebelt in einem Artikel berichtet. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass die systematische Gewalt oft schwer heilbare psychische Wunden hinterlässt, kann der Einsatz Leben retten. Gerade auch, weil der Einsatz des Sozialdienstes häufig bereits bei der psychischen Gewalt und beim Stalking beginnt. Es sind häufig Vorstufen der physischen Gewalt.

Leben retten kann auch, wenn wir das Tabu, das letztendlich vor allem die Täter schützt, brechen. Wenn wir nicht mehr wegschauen und auch auf Ahnungen und Verdachte reagieren; das gilt für uns als Privatpersonen wie auch für Lehrkräfte, pädagogisches Personal, Sozialberaterinnen und Sozialberater, die bei ihrer Arbeit darauf stoßen.

Vor allem könnte es jedoch Leben retten, wenn das Problem in der öffentlichen und vor allem politischen Debatte einen ganz anderen Stellenwert bekommen würde. Und damit wären wir wieder bei der eingangs gestellten Frage angelangt.

Von den gut 1.400 Morden, die Hedegård untersucht hat, spielten sich ungefähr 100 im kriminellen Milieu ab. Im Kontrast dazu wurden 300 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet.

Das Gewicht in der politischen Debatte ist andersherum: Wer sich als „tough-on-crime“ darstellen möchte, unterbreitet einen Vorschlag nach dem anderen gegen Bandenkriminalität. Das war auch in der vergangenen Legislaturperiode so. Ein neues Paket gegen kriminelle Banden hat die Regierung bereits 2021 beschlossen.

Einen Plan gegen Partnergewalt und Partnermord hat Gleichstellungsministerin Trine Bramsen (Soz.) im Juni vorgelegt. Die Frauenorganisation „Danner“ kritisiert die zu bescheidende Ambitionen.

Im Vorwahlkampf hörten wir erneut über Initiativen gegen die Bandenkriminalität. Das Thema Partnermord und Partnergewalt ist höchstens ganz am Rande mal in einem Wahlkampf vorgekommen.

Wer jedoch tatsächlich hart gegen Gewaltkriminalität vorgehen möchte, der sollte dieses Problem angehen. Wobei klar ist, dass es hier nicht um härtere Strafen, sondern um rechtzeitiges Eingreifen geht.

Denn wir können Frauenmorde verhindern, wir „müssen uns nur trauen, uns einzumischen“, wie Polizeiinspektor Søren Rye sagt.

„Der Nordschleswiger“ hat im vergangenen Jahr darüber geschrieben, wie Partnermorde verhindert werden können. Den Artikel kannst du hier lesen:

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