Deutsche Schule Tingleff

Wiederbeginn nach dem Krieg: Frauke und Heinz waren Schulkinder der ersten Stunde

Veröffentlicht Geändert
Waren bei der Wiedereröffnung der Deutschen Schule Tingleff vor 75 Jahren dabei: Heinz und Frauke Jespersen.

Anfang der 50er-Jahre durften deutsche Schulen in Nordschleswig nach einer kriegsbedingten Zwangspause den Betrieb wieder aufnehmen. In Tingleff waren die Geschwister Frauke und Heinz Jespersen beim Neubeginn dabei. Das war vor 75 Jahren.

„Als die Schule vergangenes Jahr 100-jähriges Bestehen feierte, kam mir in den Sinn, dass da noch ein anderes Jubiläum ist, mit dem ich zu tun habe“, erzählt Frauke Sørensen aus Lügumkloster (Løgumkloster) in der Stube ihres Bruders Heinz Jespersen in Tingleff.

Der gebürtigen Tinglefferin von der Schlachterfamilie Jespersen war klar, dass sie und ihr jüngerer Bruder vor ziemlich genau 75 Jahren an die Deutsche Schule Tingleff am Grønnevej kamen, als der Betrieb aufgenommen werden durfte.

Wegen des Krieges und der Besetzung Dänemarks durch Hitlerdeutschland waren die deutschen Schulen nach Kriegsende beschlagnahmt. Unterricht fand nur noch in dänischen Schulen statt. Das Unterrichtsverbot für deutsche Schulen wurde Anfang der 50er-Jahre dann aufgehoben.

Frauke und Heinz Jespersen bei der Einschulung vor 75 Jahren

Die Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen

Im Gegensatz zu Heinz, der als Erstklässler Schulpremiere feierte, war der Wechsel für seine große Schwester Frauke eine komplett neue Situation. Sie kam damals in die 4. Klasse.

„Die anderen Jahre war ich Schülerin an der dänischen Schule. Die Lehrkräfte haben uns ordentlich behandelt, und ich verstand mich gut mit den anderen Kindern. Ich war daher überhaupt nicht so angetan, die Schule zu verlassen“, erinnert sich die heute 85-Jährige noch gut an die damalige Zeit.

Dass die Familie der deutschen Minderheit angehört und der Unterricht in eigenen Schulen herbeigesehnt wurde, war dem Geschwisterpaar nicht so richtig bewusst.

Heinz Jespersen und seine Schwester Frauke Sørensen blättern alte Familienfotos aus der Schulzeit durch.

Da er noch sehr jung war, bekam es Heinz eher beiläufig mit. „Es war für mich eigenartig. Ich wusste zwar, dass meine Familie deutsch gesinnt ist, ich spielte jeden Tag aber mit dänischen Kindern in meinem Alter. Als wir alle dann eingeschult werden sollten, wunderte es mich, dass wir auf verschiedene Schulen kamen. Das fand ich merkwürdig“, erzählt der ehemalige Schlachter.

Der Vater kam ins Faarhuslager

Die deutsche Zugehörigkeit wurde durch die Internierung des Vaters im Faarhuslager umso deutlicher. Im umfunktionierten Gefangenenlager aus der Besatzungszeit wurden etliche Angehörige der deutschen Minderheit festgehalten. „Unser Vater war 22 Monate dort. Das war eine schwierige Zeit“, so Frauke Sørensen mit einem Seufzer.

Die großen Probleme, geschweige denn Konflikte mit der Mehrheitsbevölkerung in der Nachbarschaft und im Ort, hätten sie als Kinder allerdings nicht erlebt, so die beiden unisono. „Wenn jemand einen Ball hatte, waren wir alle vereint. Da gab es keine Unterschiede“, erzählt Heinz Jespersen, der einst eine Sportskanone war.

„Das war später als Jugendlicher und Erwachsener im Verein anders. Da gab es dann schon mal Differenzen und auch Beschimpfungen“, so Jespersen. „Im Großen und Ganzen gab es keine großen Anfeindungen um uns herum, auch nicht im Geschäft“, ergänzt die Schwester und Schlachterstochter.

Erst Deutsch, dann Sønderjysk

Die Eltern standen zur deutschen Minderheit – nach dem Krieg allerdings zurückhaltender, um das Verhältnis zur Kundschaft nicht zu strapazieren. „Nach 1945 sprachen unsere Eltern nicht mehr Deutsch, sondern Sønderjysk mit uns, sowohl im Laden als auch zu Hause“, erzählt Frauke Sørensen.

Deutsch war hingegen im neuen Alltag an der Schule allgegenwärtig. Frauke und Heinz wurden von den Lehrkräften Emma Asmussen, Hans Fr. Hansen und Herrn Carstensen unterrichtet. Zunächst zusammen, als die Klassen 1 bis 4 eine Gruppe ausmachten, später dann getrennt, als Frauke zu den älteren Jahrgängen gehörte.

Im Großen und Ganzen gab es keine großen Anfeindungen um uns herum, auch nicht im Geschäft.

Frauke Sørensen

Material war knapp

Sie erinnert sich noch gut an ein Detail, das den Schulwechsel etwas versüßte: „Am Anfang gab es keine Hausaufgaben, weil es an Material fehlte. Bücher mussten wir uns im Unterricht teilen. Wir hatten nicht viel“, so die 85-Jährige über die bescheidenen Verhältnisse beim Wiederbeginn der deutschen Schulen.

Bescheiden waren die Verhältnisse auch bei mehrtägigen Aufenthalten in Schleswig, Kiel und Hamburg, die den Schulkindern aus Tingleff über Patenschaftskontakte ermöglicht wurden.

Gemeinsamer Blick ins Familienalbum

„Es waren spannende und schöne Tage mit Hafenrundfahrt und vielem mehr. Da alles noch im Aufbau war, war vieles allerdings knapp. Wir haben diese Touren dennoch genossen“, betont Frauke und erntet zustimmendes Kopfnicken von ihrem Bruder.

Mit dem Alltag an der deutschen Einrichtung freundeten sich Heinz und Frauke immer mehr an. Der Besuch der deutschen Schule und das Bekennen zur deutschen Minderheit wurden eine Selbstverständlichkeit – über Generationen hinweg. Sowohl die Kinder von Heinz Jespersen als auch die Enkelkinder besuchten die Deutsche Schule Tingleff.

Frauke Sørensen erinnert sich auch noch gut an ihre Zeit in der Mittelstufe: „In der 8. Klasse wurden wir von Hubert Brase (damaliger Schulleiter, Anm. d. Red.) unterrichtet. Er verlangte sehr viel, man hat bei ihm aber auch viel gelernt.“

Traditionen genossen

Die Weihnachtsfeiern mit dem Aufsagen von Gedichten und die Faschingsfeste nach deutscher Tradition sind dem Geschwisterpaar bis heute als besondere Veranstaltungen in Erinnerung geblieben.

Für Heinz sollte die Schulzeit relativ kurz werden. „Man kam damals früh in die Lehre, und für mich stand fest, dass ich den Schlachterberuf ergreifen werde. Mit 13, nach der 7. Klasse, war die Schulzeit zu Ende“, erzählt Heinz Jespersen – fast 75 Jahre später.

Das Foto von der ersten Unterstufenklasse nach Wiederbeginn

Eine Jubiläumsveranstaltung anlässlich des Wiederbeginns vor 75 Jahren sei nicht geplant, da im vergangenen Jahr gerade erst das 100-jährige Bestehen der Schule groß gefeiert wurde, so Schulvereinsvorsitzender Jens Clausen auf Nachfrage.