Neujahrstagung in Sankelmark

Die deutsche Minderheit und die Nazis: Historiker präsentiert Ergebnisse

Die deutsche Minderheit und die Nazis: Historiker präsentiert Ergebnisse

Minderheit und NS-Zeit: Historiker präsentiert Ergebnisse

Apenrade/Aabenraa
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Jon Thulstrup hat drei Jahre lang die Vergangenheit der Minderheit erforscht. Im Februar gibt er seine Doktorarbeit ab. Foto: Archivfoto Dominik Dose

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Jon Thulstrup hat in den vergangenen drei Jahren im Zuge seiner Doktorarbeit den Umgang verschiedener Minderheiten-Generationen mit der NS-Zeit untersucht. Bei der BDN-Neujahrstagung präsentiert er, was er nach der Durchsicht von mehreren Tausend Dokumenten herausgefunden hat. Es geht um Schuld, Verantwortung und Schamgefühl.

Dein Arbeitstitel lautet „Die Minderheit aus Sicht von drei Generationen“. Worum geht es bei deiner Doktorarbeit genau?

Bei meiner Arbeit geht es darum, wie die verschiedenen Generationen zur Rolle der Minderheit während der Zeit des Nationalsozialismus stehen, und wie sie sich im Nachhinein zu dieser Zeit verhalten. Dabei geht es um Schlagwörter wie Schuld, Verantwortung oder Schamgefühl. Dafür habe ich mir die Elterngeneration, also diejenigen, die vor 1900 geboren wurden und zum Beispiel als Soldaten im Ersten Weltkrieg waren und die Volksabstimmung miterlebt haben, die Kriegsgeneration, sprich die Kinder der Elterngeneration, die als Freiwillige im Krieg waren und die Kindergeneration, also die Kinder der Kriegsgeneration angeschaut. Ursprünglich wollte ich als vierte Generation auch noch die Enkelgeneration in meine Forschungen mit aufnehmen, allerdings hätte dies den Rahmen meiner Doktorarbeit gesprengt. Aber diese Generation läuft mir ja auch nicht weg. Ich werde noch lange Gelegenheit haben, mit ihr zu sprechen.

Als du im Februar 2020 mit deiner Arbeit begonnen hast, brach gerade die Corona-Pandemie aus. Wie war unter diesen Bedingungen dein Start in das Projekt?

Das war natürlich nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vieles konnte ich einfach nicht machen. Konferenzen, die besonders wichtig sind, um Kontakte zu knüpfen, fanden nur online statt. Das Gute war, dass meine Forschungsarbeit am Anfang nur wenig verzögert wurde, weil ich im ersten Jahr sowieso an der Uni unterrichten sollte und ich mich noch um Literatur kümmern musste.

Was hast du an der Uni unterrichtet?

Zusammen mit meinem Dozenten Thomas Wegener Friis habe ich über zwei Semester ein Wahlfach für Bachelor- und Masterstudierende angeboten. Das Erste drehte sich um das 2020-Jubiläum und deutsch-dänische Freundschaft. Im zweiten Kurs ging es um das Thema Minderheiten im Krieg, dort habe ich zusammen mit Mogens Rostgaard Nissen von der dänischen Bibliothek die deutsche und dänische Minderheit im Krieg behandelt.

Wie sieht deine Forschungsarbeit bzw. dein Forschungsalltag aus?

Es ist eine sehr individualistische Arbeit. Man muss sich wirklich lange hinsetzen und sich in die Materialien vertiefen. Ich habe dafür viel Zeit im Archiv in Sonderburg verbracht. Das war während des Lockdowns, und mein Glück war, dass ich vom Museumsdirektor Hauke Grella einen Schlüssel bekommen habe. Das war wirklich Gold wert für mich. Ansonsten wäre meine Arbeit deutlich verzögert worden. Außerdem war ich noch sechs Monate bei Hans Schultz Hansen in Apenrade im Reichsarchiv. Dort habe ich mein Projekt präsentiert und mit den Archivalien wie den Polizeiberichten aus der Zeit nach dem Krieg gearbeitet, die mir noch mal komplett neue Einblicke in die Minderheit zu jener Zeit gegeben haben.

Welche Quellen hast du bei deiner Forschung untersucht?

Das waren sehr viele verschiedene. Die Elterngeneration war die komplizierteste, weil ich die Personen natürlich nicht einfach interviewen konnte, wie es bei den späteren Generationen möglich war. Da waren es typischerweise Briefe, Polizeiakten oder Erinnerungsberichte, die ich untersucht habe. Bei den anderen konnte ich zum einen mit vielen Leuten selbst sprechen, zum anderen gab es sehr viel Material im Archiv in Sonderburg. Dort habe ich von Aufzeichnungen von Kameradschaftsvereinen bis zu Protokollen von Generalversammlungen, Briefen und Zeitungsartikeln alles gefunden. Insgesamt habe ich mehrere Tausend Dokumente durchgesehen.

Wie weit bist du? Wann gibst du deine Doktorarbeit ab?

Ich bin auf der Zielgeraden. Ich werde im Februar meine Arbeit abgeben. Viel von Weihnachten hatte ich nicht. Rund 250 Seiten habe ich bereits geschrieben. Jetzt geht es für mich noch darum, Sachen wieder umzustellen oder zu ergänzen und die Literaturangaben fertigzumachen. Außerdem werde ich die Arbeit dann vor der Abgabe von einem Lektorat in Deutschland noch einmal professionell durchlesen lassen.

Heißt das, dass die Besuchenden in Sankelmark Ergebnisse deiner Forschung zu hören bekommen werden?

Ja, die wird es geben. Ich werde unter anderem die von Henrik Skov thematisierte Faarhus-Mentalität aufgreifen und meine Sicht der Dinge dazu schildern. Die Tingleff-Population werde ich ansprechen, also wie viele Personen in Tingleff wieder aufgetaucht sind, nachdem sie aus der Haft entlassen wurden beziehungsweise wie viele aus der Minderheit verschwunden sind, nachdem sie im Faarhuslager gesessen hatten. Es wird um Verantwortung und Schuldgefühle gehen, und ich werde in Bezug auf die Kindergeneration darüber sprechen, welchen Einfluss das Abwandern der Jugend aus Nordschleswig auf die kritische Aufarbeitung hatte.

 

Der Vortrag von Jon Thulstrup bei der Neujahrstagung in Sankelmark beginnt am Freitag, 13. Januar, um 11.30 Uhr. Das gesamte Programm der Veranstaltung gibt es hier.

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