Leitartikel

„50 Jahre Margrethe II.“

50 Jahre Margrethe II.

50 Jahre Margrethe II.

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Zum 50-jährigen Thronjubiläum skizziert der ehemalige Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Siegfried Matlok, den Werdegang der Königin. Dabei geht es vor allem um die deutsch-dänischen Aspekte, die ihre Regentschaft auch geprägt haben.

Mit schwarzen Balken hieß es in unserer Zeitung auf der Lokalseite Tingleff am 15. Januar 1972: Bunter Abend fällt aus. „Aufgrund des Todes von König Frederik wurde der für heute Abend in Hansens Gasthof vorgesehene bunte Abend, u. a. vom BdN ausgestaltet, abgesagt.“ Leid und Freud ineinander verwoben. „Der König ist tot – lange lebe die Königin“, wie Staatsminister Jens Otto Krag traditionsgemäß vom Balkon auf Christiansborg ausrief. Letzteres ist wahrlich in Erfüllung gegangen: Frederik IX. saß fast 25 Jahre auf dem Thron – Königin Margrethe II. begeht nun ihr 50-jähriges Jubiläum als Monarchin. Nur neun Jahre weniger als der bisherige Rekordhalter, König Christian IV., der schon als Elfjähriger den Thron bestieg.

Jene, die – wie der Leitartikler sogar aus nächster Nähe – den Werdegang der Königin seit 1972 mit Interesse verfolgt haben und ihr auch meistens gefolgt sind, können nur mit Bewunderung feststellen: Welch eine Leistung – psychisch und physisch! Aus der, wie sie selbst einräumt, anfangs oft unsicher-nervös wirkenden Königin ist eine weit über Dänemarks Grenzen hinaus strahlende Monarchin geworden und der höchste Identitäts- und Stabilitätsfaktor für das Land auch in schwierigen Zeiten.

Als sie den Thron bestieg, gab es – auch im Zuge der 68er Bewegung – praktisch eine Mehrheit für eine rot-weiße Republik, doch 2022 hat das Königshaus bei allen Umfragen Mehrheiten von mehr als 80 Prozent, und die noch vor wenigen Jahren aufgetauchte Diskussion darüber, ob Margrethe nicht zugunsten von Kronprinz Frederik abdizieren solle, ist völlig verstummt, weil sie in ihrem 81. Lebensjahr noch immer verwirklicht, was sie ihrem geliebten Vater als Verpflichtung versprochen hatte: stete Pflichterfüllung für Dänemark.

Ein anderer Hinweis auf ihre Thronbesteigung ist angebracht, wenn man sich heute an die großen Ereignisse und Veränderungen seit 1972 erinnert. Königin Margrethe I., die übrigens 1412 in Flensburg starb, sammelte den Norden, regierte über Dänemark, Norwegen und Schweden, und Margrethe II. führte als Monarchin Dänemark 1972 in die EWG – also nach Europa, eine schicksalshafte Entscheidung für das Land ebenso wie die bereits 1949 erfolgte Nato-Mitgliedschaft, beide Entscheidungen auch von größter Bedeutung gerade für das deutsch-dänische Grenzland.

Das enorme und so vielfältige Lebenswerk der Königin (vor allem auch als Künstlerin) zu erfassen sprengt hier den Rahmen, deshalb soll an dieser Stelle der besondere dänisch-deutsche Hintergrund/Aspekt hervorgerufen werden, der die Königin noch heute engagiert beschäftigt. „Die Volksgruppe trauert mit um König Frederik“, schrieb unser damaliger Chefredakteur Jes Schmidt und fügte hinzu: „Von dem neuen Staatsoberhaupt … erwartet die deutsche Minderheit dieselbe Loyalität, wie sie das Verhältnis zwischen König und der deutschen Volksgruppe in den letzten 25 Jahren prägte.“

Es ist viel, viel mehr geworden, als sich der journalistische Prophet 1972 jemals vorstellen konnte, aber auch hier muss man ihren persönlichen Wandel berücksichtigen. Margrethe wurde als Sonnenstrahl 1940 während der deutschen Besatzung geboren und hat oft berichtet, wie sie als Kind am Badestrand durch die drohend über sie kreisenden Maschinen der Luftwaffe erschrak. Dieses anti-deutsche Trauma hat sie – auch dies von ihr offen erzählt – nur schwer überwinden können. Obwohl das Königshaus ja deutsche Wurzeln im Glücksburger Stammhaus hat und ihre Großmutter Alexandrine aus Schwerin stammte, wurde Margrethe natürlich durch die Nachkriegszeit geprägt; durch die Stigmatisierung des „bösen Deutschen“.

Ihre Mutter, die aus Schweden stammende Königin Ingrid, hat selbst erzählt, dass sie erst in „Sønderjylland“ dänisch geworden ist – auch vor dem Hintergrund des bitteren Nationalitätenkampfes zwischen Dänen und Deutschen. Das Sommer-Domizil des Königspaares in Gravenstein war natürlich ein deutliches nationalpolitisches Signal. Der Blick über die Flensburger Förde nach Deutschland war für sie in ihrer Kindheit ein Blick in eine andere, fremde Welt. Die kleine Margrethe war sich bewusst, wenn sie im Auto mit den Eltern auf dem Weg zum Baden zur Insel Röm durch Tingleff fuhr, dann wurde „im Auto darüber gesprochen, dass hier viele Deutschgesinnte leben“.

Die Loyalitätserklärung des Bundes Deutscher Nordschleswiger im November 1945 war ihr bekannt, sie war ein wichtiger (unverzichtbarer) Schritt zur Wende hin zu den Bonn-Kopenhagener Minderheitenerklärungen von 1955. Nach eigenen Worten fiel es ihr aber aufgrund der belastenden Geschichte dennoch „nicht leicht“, als sie – ursprünglich war für September 1972 ein Staatsbesuch von König Frederik in der Bundesrepublik vereinbart – 1974 als erstes dänisches Staatsoberhaupt nach 1945 offiziell deutschen Boden betrat.

Inzwischen hat sich ihr Deutschlandbild nach innen und außen entscheidend verändert, wie es vor wenigen Wochen bei ihrem zweiten Staatsbesuch im inzwischen ja nach dem Mauerfall wiedervereinigten Deutschland mit Kronprinz Frederik nachdrücklich dokumentiert wurde.

Das Grenzland hat die Königin stets im Blick – mit Herz und Hirn. Hier ist besonders ihre Verpflichtung seit 1920, seit den Tagen von Christian X. gegenüber der dänischen Minderheit hervorzuheben. Diese engen Bande haben – durch zahlreiche große Besuche in Südschleswig – ihre längst nicht nur rückwärtsgewandte Neugierde auf das Grenzland insgesamt noch geschärft. Dass sie als erstes Staatsoberhaupt seit 66 Jahren offiziell die deutsche Volksgruppe 1986 besuchte und den deutschen Bevölkerungsteil in ihrer Rede als eine „zusätzliche Dimension“ lobte, war höchste Anerkennung – und ein Durchbruch nicht nur für die deutsche Minderheit.

Es war die königliche Hand zur Versöhnung zwischen Staat und Volksgruppe, ohne dabei den Koffer der Geschichte in die Ecke der Vergessenheit zu stellen. Weitere Höhepunkte folgten: die Teilnahme der deutschen Minderheit an den Feierlichkeiten auf Düppel 1995 mit der Rede des Hauptvorsitzenden Hans Heinrich Hansen („højt til loftet“, soll Margrethe dazu anerkennend gesagt haben), der gemeinsame Besuch mit Bundespräsident Roman Herzog bei beiden Minderheiten, der Besuch von Prinz Joachim und nicht zuletzt der umjubelte Besuch des Kronprinzenpaares bei der deutschen Minderheit waren Stationen auf dem Wege zur vollen Anerkennung, die ihren Höhepunkt verspätet 2021 fand.

Nicht nur wegen des gemeinsamen Besuchs mit Bundespräsident Steinmeier im Deutschen Museum Sonderburg, sondern durch ihre Worte, die – besonders in ihrer Rede in Frederikshøj – auch die (damaligen) Gefühle/Tränen der deutschen Nordschleswiger sowie das Gedenken an die dänischen und deutschen Toten berücksichtigte. Sie hatte in ihren stets hoch beachteten Neujahrsansprachen schon vor Jahren erstmalig auch die deutsche Minderheit erwähnt, aber Silvester 2021 hat sie den von ihr erlebten besonderen Geist des Grenzlandes hervorgehoben und gleichzeitig ihre besten Wünsche an die Dänen in Südschleswig und an die deutsche Minderheit in Dänemark vor dem Fernsehvolk ausgesprochen. Eine Gegenseitigkeit, die nach ihren eigenen Worten den kommenden Generationen neue Zukunftsmöglichkeiten schafft.

Der in Hongkong lebende Hans Michael Jebsen, der seit Jahren das Königshaus aus nächster Nähe kennt und schätzt, hat die Königin als „Glücksfall“ bezeichnet – für Dänemark und für das deutsch-dänische Grenzland, wobei ausdrücklich auch die Verdienste von Prinzgemahl Henrik nicht übersehen werden dürfen.

Natürlich ist ein Königshaus, auch eine Königin, weder fehlerfrei noch völlig unumstritten. Margrethe II. hat jedoch in den 50 Jahren ihrer Regentschaft als nationaler Anker eine Symbiose hergestellt zwischen Königshaus und Volk. Und – ohne von oben herab überhaupt autoritär zu sein – ist sie zu einer Autorität geworden, die von ihren dänischen Landsleuten auch als moralisches Schiedsgericht respektiert, ja geliebt wird.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie sie durch Wort und Tat ihre Landsleute für sich und das Königshaus erobert. Ganz aktuell sei erwähnt, dass der dänische Revueschauspieler Ulf Pilgaard, der jahrelang als Komiker die Königin auf „Bakken“ durch den Kakao gezogen hat, bei seiner Abschiedsvorstellung plötzlich dadurch überrascht wurde, dass die Königin höchstpersönlich hinter dem Vorhang hervortrat, um ihm zu danken.

Das 50-jährige Jubiläum kann wegen Corona zurzeit leider nicht angemessen und würdig gefeiert werden. „Unsere“ Königin, wie der frühere Hauptvorsitzende Gerhard Schmidt 1986 betonte, trat 1972 mit dem Wahlspruch „Gottes Hilfe, Liebe des Volkes, Dänemarks Stärke“ vors Volk.

50 Jahre später kann Margrethe II. für sich stolz in Anspruch nehmen, was auf der Reiterstatue von König Frederik VII. auf dem Schlossplatz Christiansborg zu lesen steht: „Volkes Liebe, meine Stärke.“

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Sara Eskildsen
Sara Eskildsen Lokalredaktion Sonderburg
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