Stasi-Agent zu Besuch beim Nordschleswiger

Selbstmord oder Mord, das ist die Frage

Selbstmord oder Mord, das ist die Frage

Selbstmord oder Mord, das ist die Frage

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Anriss aus dem Zeitungsinterview vom 12. August 2000 im Nordschleswiger Foto: DN

War der Stasi-Oberstleutnant Eckardt Nickol ein Betrüger? Eine Rundfunk-Dokumentation von DR und WDR sucht Antworten.

Eckardt Nickol, ehemaliger Stasi-Offizier, war im alten Pressehaus des Nordschleswigers, um dem damaligen Chefredakteur Geheimpapiere über Verbindungen zwischen der deutschen Minderheit und der Stasi anzubieten – und zu verkaufen: im April 2008 wird er in der Hütte 15 der Ferienanlage Storkesøen in Ripen von seiner früheren Freundin tot aufgefunden. Jetzt hat die dänische Journalistin Anna Elisabeth Jessen aus Hoptrup in einer Zusammenarbeit zwischen WDR und DR den Fall aufgerollt, und sie versuchen eine Antwort zu geben auf die Frage: Selbstmord oder Mord?

Unter der Überschrift „Tod eines Stasi-Agenten“ hat der WDR 5 bereits vier von insgesamt sechs Folgen ausgestrahlt, und ab dem morgigen 6. Juli läuft die Dokumentation von Anne Elisabeth Jessen und ihres deutschen Kollegen Johannes Nichelmann bei Danmarks Radio. Bei ihren Recherchen stießen die beiden auf alte Seilschaften, nachdenkliche Journalisten und auf eine Welt voller Geheimdienste.

Nach der Wende verliert Nickol 1990 seinen Job bei der Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) in der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung, Auslandsspionage) in Eisenach. Nachdem der Generalbundesanwalt in Karlsruhe ein Verfahren wegen des Verdachts geheimdienstlicher Tätigkeit gegen ihn 1996 eingestellt hatte, seine Frau (und Mutter zweier Kinder) gestorben war, zog er nach Dänemark, wo er die Dänin Eva Rosenmay kennenlernte, mit der zunächst in der Nähe von Hadersleben lebte.

Der damalige Chefredakteur des Nordschleswigers besuchte Nickol in ihrem Haus in Stepping und traf ihn danach mehrfach, um zu klären, ob die von ihm angebotenen Stasi-Papiere über die deutsche Minderheit tatsächlich echt waren. Gleichzeitig bot der 1951 in Thüringen geborene Oberstleutnant Nickol auch dem damaligen Chefredakteur des Flensburger Tageblatts, Stephan Richter, und dem ehemaligen SSW-Landtagsabgeordneten Karl Otto Meyer vertrauliche Dokumente an – unter anderem über den nach seinen Angaben von der Stasi in einem Genfer Hotel ermordeten Ex-Ministerpräsidenten Uwe Barschel.

Als „Vertrauliche Verschlusssache“ unter dem Stasi-Amtszeichen „VVS JHS 003- 167/79“ aus dem Jahre 1979 veröffentlichte „Der Nordschleswiger“ eine „Lageeinschätzung zur politisch-operativen Entwicklung in der deutschen Minderheit in Dänemark“.
Darin heißt es unter anderem:

„Die operative Bedeutung der deutschen Minderheit in Dänemark hat in den vergangenen Jahren abgenommen.
Die Schleswigsche Partei ist nicht mehr im dänischen Parlament vertreten. Ihr innenpolitischer Einfluss ist stark rückläufig. Gründe hierfür sind
• die erfolgreiche dänische Kulturoffensive in den fünfziger und sechziger Jahren gegen die deutsche Minderheit
• die zunehmende Überalterung der Parteimitglieder
• die zu konservative Ausrichtung der Mitglieder.
Die Schleswigsche Partei verliert zunehmend Mitglieder an die Radikale Venstre.
Innerhalb der Führung des Bundes der Nordschleswiger hat sich die politische Grundhaltung vom national-chauvinistischen Denken zum liberalen Vereinsdenken gewandelt.“

Eckardt Nickol
Ex-Agent Eckardt Nickol beim Interview vor dem Restaurant Knapp. Foto: Karin Riggelsen

Interview im Jahr 2000

Am 12. August 2000 veröffentlichte Der Nordschleswiger ein Interview auf zwei Seiten mit dem Ex-Agenten nach einem Treffen im Restaurant Knapp. Ein Auszug aus diesem Interview:

Der Nordschleswiger: Welche Rolle hat für die Stasi bei der Auslandsspionage in Dänemark die deutsche Minderheit gespielt?
Eckardt Nickol: In erster Linie eine Rolle zur Bearbeitung von Schleswig-Holstein, in keiner Weise also, um hier Spionage zu betreiben. Insgesamt eine absolut untergeordnete Rolle.
Aber es gab zwei Zielrichtungen für die Stasi im Hinblick auf die deutsche Minderheit? Die eine war die Bearbeitung des Bundeslandes Schleswig-Holstein. Die deutsche Minderheit hat immer exklusive Kontakte nach Schleswig-Holstein gehabt. Hier boten sich auch günstige Ansatzpunkte durch die Spannungen zwischen Deutschen und Dänen an, vor allem war auch ein Teil der Leute durch den Krieg vorbelastet, also durch eine Nazi-Vergangenheit. Dadurch waren Personen für die Stasi erpressbar.
Und die zweite Zielrichtung war die Möglichkeit, Bürgern der DDR hier eine neue Identität – auch als dänische Staatsbürger – zu geben bzw. in Nordschleswig als Kuriere einzusetzen?
Ja, und dann gab es noch die Möglichkeiten der Abschöpfung, weil die deutsche Minderheit unter dem Einsatz von Kai-Uwe von Hassel damals ihr Büro in Kopenhagen errichten durfte, das eine Vielzahl von Kontakten u.a. zum Außenministerium unterhielt, aber insgesamt war es doch eher bedeutungslos.
Wenn wir Sie richtig verstehen, lag der Schwerpunkt der Spionage innerhalb der deutschen Minderheit in den 60er Jahren?
Zu Beginn der 50er und 60er Jahre. Danach hat es ja auch in der Partei der deutschen Minderheit keine politische Kraft gegeben, die noch politisch genutzt werden konnte. Später hat es dann nur noch Abschöpftätigkeiten gegeben.
Aber Namen wollen Sie nicht nennen?
Nein. Man kann selbstverständlich gewisse Personen überprüfen – das sollte man auch tun – , aber man sollte die Toten doch ruhen lassen.

Geheimpapiere

Nickol bot dem Nordschleswiger weitere Geheimpapiere an, erhielt dafür auch ein kleines Honorar, das vom damaligen Vorstand des Deutschen Pressevereins gutgeheißen worden war – in Erwartung dessen, was Nickol eventuell an „Stasi-Leichen“ in der Minderheit entlarven konnte. Zahlreiche der „neuen“ Nickol-Papiere beschuldigten teilweise früher bekannte Namen, u. a. den ehemaligen schleswig-holsteinischen Minister und Vorsitzenden des Deutschen Grenzvereins, Dr. Hartwig Schlegelberger, der angeblich als Agent „Fritz“ geführt worden sein soll. Parallel zu den Gesprächen versuchte „Der Nordschleswiger” durch eigene Ermittlungen – auch in der damaligen Berliner Gauck-Behörde – die Informationen von Nickol zu überprüfen und hat dann auf die Veröffentlichung weiterer Stasi-Papiere verzichtet, denn Beweise für diese Anklagen lieferte Nickol nicht.

Eine Untersuchung durch wissenschaftliche Experten in Schleswig-Holstein, durch den Zeitungsverlag sh:z in Auftrag gegeben, ergab schließlich, dass die von Nickol vorgelegten Papiere nicht echt waren – es handelte sich um Fälschungen, weil das neue Papier nicht dem damaligen Alt-Papier der Stasi entsprach. Selbst danach versuchte er dem Nordschleswiger gegen Zahlung neue Papiere anzudrehen, Unterlagen, die er angeblich von einem russischen Geheimdienstoffizier erhalten hatte.

Illustration von WDR und DR zur Stasi-Serie in sechs Folgen. Foto: WDR

Das Gutachten

Das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität Flensburg teilte im Juni 2008 auf Anfrage zum Fall Nickol folgendes mit:

„Wir haben die Dokumente dem Landeskriminalamt vorgelegt, die uns zwar Angaben über Schrifttype etc. machen konnten, die allerdings seit den 1920er Jahren in Gebrauch ist. Das Material ist offenbar nur mit sehr erheblichem Aufwand genauer zu datieren. Sicher ist, dass es nicht aus den 1950er Jahren stammen kann. Die Behörden unterstützen das Ergebnis einer Fälschung, liefern jedoch kaum Hinweise auf das Datum und den Hintergrund bzw. das Motiv.“

Und hinzugefügt wurde: „Er (Nickol) erscheint als eine in mehrfacher Hinsicht tragische Figur.“

Umfassende Recherche

In der Dokumentation (Folge 3: „Kleine Fische, große Fische“) wird Nickol als Betrüger entlarvt, aber die Journalistin Jessen und ihr deutscher Kollege setzten ihre umfassenden Recherchen dennoch fort und entdecken plötzlich ganz unbekannte Seiten. Nach Angaben von Jessen hat die Obduktion durch die Rechtsmediziner der dänischen Polizei keinen endgültigen Beweis für einen Selbstmord gebracht – aber keine Hinweise auf Mord!

Die ehemalige dänische Lebensgefährtin von Nickol, Eva Rosenmay, die Nickol selbst tot aufgefunden hatte, bezweifelt ebenso wie Nickols Sohn, dass der Stasi-Mann Selbstmord begangen hat bzw. aus gesundheitlichen Gründen gestorben ist. Nickol hatte – wie er der Journalistin Jessen aber auch dem Nordschleswiger gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte – Angst davor, dass seine Tätigkeit in Dänemark die westlichen Geheimdienste (Bundesnachrichtendienst und PET) alarmieren und sogar zum Eingreifen bewegen könne.

Bei der Beisetzung von Nickol traf die Journalistin Jessen eine blonde Frau, die sich im Zuge der Rundfunk-Dokumentation als seine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin erweist, die unter dem Decknamen „Nina“ mit Nickol zusammengearbeitet hat; auch nach 1990 bei mysteriösen Geschäften.

War Eckardt Nickol kein „kleiner Fisch“, sondern doch ein „großer Fisch“, und brachten ihn westliche Geheimdienste am Storchensee in Ripen vielleicht zum Schweigen, denn sowohl der Bundesnachrichtendienst BND als auch der dänische Nachrichtendienst PET interessierten sich für Nickols Aktivitäten in Dänemark? Die spannende Rundfunk-Dokumentation von DR und WDR versucht Antworten zu geben.

Am 6. Juli wird die erste Folge im dänischen Rundfunk zu hören sein, um 11 Uhr auf DR P1. Die weiteren Folgen sendet DR am 13., 20. und 27. Juli sowie am 3. und 10. August – jeweils um 11 Uhr. Beim WDR ist die Serie auf Deutsch hier zu hören.

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