Grenzüberschreitendes

Ukrainischer Gouverneur bereitet Schleswig-Holstein auf Krieg vor

Ukrainischer Vertreter und deutscher Politiker geben sich vor Flaggen die Hand
Partner und politische Freunde: Chersons Gouverneur Oleksandr Prokudin (l.) mit Ministerpräsident Daniel Günther.

Nach einer zweitägigen Sicherheitskonferenz in Kiel bekommt die ukrainische Region Cherson eine Million Euro für die Energieversorgung und schickt im Gegenzug Beraterinnen und Berater nach Schleswig-Holstein. Sie sollen die Sicherheit der Zivilbevölkerung stärken.

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Zusammenfassung

  • Schleswig-Holstein und die ukrainische Region Cherson vertiefen ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit im Zeichen des Krieges.
  • Das Land stellt eine Million Euro sowie Ausrüstung wie Streifenwagen und Schutzwesten für die vom Krieg gebeutelte Region bereit.
  • Ukrainische Expertenteams sollen in Schleswig-Holstein Bevölkerung und Behörden im Zivil- und Katastrophenschutz für einen möglichen Konflikt schulen.

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Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther hat einen neuen Titel: „Verteidiger der Region Cherson“ kann er sich seit diesem Dienstag nennen. Denn der Gouverneur der schleswig-holsteinischen Partnerregion in der Ukraine, Oleksandr Prokudin, verleiht dem CDU-Politiker an diesem Tag den offiziellen Orden dazu.

Dann gibt es eine kleine Umarmung, bevor es ernst wird auf der Pressekonferenz nach der zweitägigen Sicherheitskonferenz in Kiel. Wie bereit Europa für einen Krieg sei, will ein Journalist wissen, und Prokudins Antwort fällt einfach aus: „Gar nicht.“

Zusammenarbeit in Zeiten des Krieges: Was SH und Cherson jetzt planen

Um das zu ändern, wollen Schleswig-Holstein und die Region Cherson, von der ein Teil von Russland besetzt ist, noch enger zusammenarbeiten. „Wir stehen weiter fest an der Seite der Ukraine – politisch, humanitär und partnerschaftlich“, sagt Günther und sichert „dem lieben Oleksandr“ eine Million Euro zu, damit dieser dringend benötigte Generatoren und Wärmequellen beschaffen kann. 

„Cherson steht unter massivem Beschuss. Die Energie- und Wärmeversorgung ist in weiten Teilen zerstört. Tausende Menschen leben teilweise ohne Heizung und Strom“, sagt der Ministerpräsident.

Karte der Ukraine mit markierter Region Cherson, Krim und russisch besetzten Zonen
Seit 2023 ist Cherson die offizielle Partnerregion von Schleswig-Holstein – und sehr umkämpft.

Außerdem will sein Land zehn Streifenwagen liefern, dazu schusssichere Westen, und auch über die Lieferung von gepanzerten Fahrzeugen denke man nach, erklärt Günther. „Das ist genau die Hilfe, die wir benötigen“, sagt Prokudin dazu.

Beide Politiker demonstrieren ihre Freundschaft. Doch schon optisch könnte der Unterschied kaum größer sein. Prokudin im oliven Kampfanzug mit der Flagge der Ukraine auf dem Ärmel und dem Doppelanstecker, der die Farben von Schleswig-Holstein und Cherson trägt. Daneben Günther im Anzug mit dem Schleswig-Holstein-Wappen am Revers.

Zwei Männer stehen vor Flaggen, einer präsentiert eine Auszeichnung in einer Box.
Daniel Günther trägt den Orden „Verteidiger von Cherson", den ihm Oleksandr Prokudin (links) verliehen hat.

Auf Günthers Stirn sind einigen Falten zu sehen, wenn sein Duz-Freund von der Lage in dessen Heimat berichtet und was auch Europa, Deutschland und Schleswig-Holstein drohen könnte: Angriffe mit Drohnen, auch auf Krankenhäuser oder die Energieversorgung. „Ohne Strom sind eure Soldaten blind“, sagt Prokudin, der auch gekommen ist, um den Schleswig-Holsteinern zu erklären, wie man sich auf einen bewaffneten Konflikt vorbereitet. „Denn der Krieg ist nah“, sagt der Gouverneur.

„Wir können von euren Erfahrungen lernen und den Zivilschutz besser vorbereiten, als wir das bisher tun konnten“, sagt Günther und freut sich, dass bald Teams aus der Ukraine im Norden eintreffen, die Polizisten und Beamte, aber auch Klinikpersonal schulen können, wie sie sich auf den Ernstfall vorbereiten. Prokudin kann gleich eine ganze Reihe von Maßnahmen aufzählen, Günther will den gesamten Zivil- und Katastrophenschutz einbeziehen. Wie die Schulungen genau ablaufen, dafür sei es noch zu früh, sagt seine Regierungssprecherin, schließlich habe man sich gerade erst darauf geeinigt.

„Unsere Ratschläge sind zum Teil mit unserem Blut geschrieben.“

Oleksandr Prokudin

Laut dem Gouverneur könnten seine Expertinnen und Experten den Bürgerinnen und Bürger in Schleswig-Holstein beibringen, wie sie Menschen und Gebäude evakuieren, wie man Erste Hilfe leistet, wenn Krankenhäuser zerstört sind, wie Schulen im Krieg geöffnet bleiben, ja selbst, wie Polizistinnen und Polizisten Panzer fahren lernen. „Unsere Ratschläge sind zum Teil mit unserem Blut geschrieben“, sagt der Gouverneur.

Denn auch sein Heimatland habe erst lernen müssen, wie Krieg in heutigen Zeiten funktioniere. Und vor allem in der Drohnenabwehr gebe es da Erfolge. Von 97.000 Drohnen, die im vergangenen Jahr das Gebiet überflogen hätten, habe man 96 Prozent abschießen können – und zwar physisch oder „radioelektrisch“.

Prokudins Worte glätten nicht gerade die Falten auf Günthers Stirn. Ihm macht Sorgen, dass in Schleswig-Holstein nicht mal rechtssicher geklärt ist, ob Polizistinnen oder Soldaten im Ernstfall Drohnen vom Himmel holen dürfen, auch wenn es im Norden bereits eine Taskforce zur Drohnenabwehr gebe.

Russland ist 2029 bereit, Schleswig-Holstein auch?

Alle Expertinnen und Experten gingen davon aus, dass Russland spätestens 2029 in der Lage sei, andere Staaten in Europa anzugreifen. „Und da werden wir ein Drehkreuz sein“, sagt der Ministerpräsident. Bis dahin müsse Europa verteidigungsbereit sein. „Und da sind wir auf einem guten Weg.“ Aber eines ist ihm auch klar: „Es gibt noch eine Menge zu tun.“

Ukrainischer Redner am Rednerpult vor Fahnen und Kherson-Banner
Bietet seine Hilfe an: Oleksandr Prokudin

Prokudin ist überzeugt, dass Aufrüstung etwas bringt. „Der Feind spürt, wenn die andere Seite bereit ist. Das hat Abschreckungswirkung.“ Und auch deswegen ist er froh, dass Schleswig-Holstein das erste Bundesland ist, „das von uns lernen will“.

Der Gouverneur sagt zum Ende seines zweitägigen Besuchs und kurz vor dem vierten Jahrestag des Kriegsbeginns in seiner Heimat: „Wenn nur 50 Prozent von dem umgesetzt werden, was wir besprochen haben, dann wird Schleswig-Holstein bereit sein für den Krieg.“ Ja, wenn. Aber einen Verteidiger mit Orden hat das Land ja schon mal.