Weltkriegserbe

Chemische Munition in der Ostsee: Viele Granaten haben sich schon aufgelöst

Gefährlicher Fund: Die Granaten auf dem Meeresgrund bei Bornholm.

Meereswissenschaftler des Geomar in Kiel haben Senfgas- und andere Giftgasgranaten in der Ostsee entdeckt, die dort nach Ende der NS-Zeit versenkt worden sind. Welche Gefahren Umwelt und Menschen jetzt drohen.

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Zusammenfassung

  • Forschende des Geomar haben im Kleinen Belt nahe Flensburg zahlreiche alte chemische Munitionen auf dem Meeresboden entdeckt.
  • Unterwasseraufnahmen zeigen Hunderte vermutlich zünderlose Senfgasgranaten in nur etwa 30 Metern Tiefe.
  • Die Granaten stammen aus der NS-Zeit, wurden nach dem Krieg versenkt und gelten trotz Alter weiterhin als potenziell gefährlich.

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„Da sind sie.“ Auf dem Foto, das Mareike Keller auf ihrem Laptop zeigt, sind sie deutlich zu sehen: Bomben und Granaten, die auf dem Meeresboden im Kleinen Belt nördlich von Flensburg in der dänischen Ostsee liegen. „Das sind vermutlich Senfgasgranaten“, sagt die Marine Geowissenschaftlerin vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Vor Kurzem ist sie gemeinsam mit einem guten Dutzend Kollegen von einer 14-tägigen Reise mit dem Forschungsschiff „Alkor“ aus der Ostsee zurückgekehrt. „Wir haben das erste Mal seit Jahren kartiert, wo chemische Munition im Meer liegt“, sagt die Wissenschaftlerin. Zwar habe es aus früheren Untersuchungen Hinweise gegeben, aber eben keine genauen Daten.

Bomben aus der NS-Zeit: Welche Gefahren für Mensch und Umwelt drohen

„Man schätzt, dass nach dem Krieg rund 30.000 Tonnen chemische Munition in der Ostsee versenkt worden sind, vor allem weiter von den Küsten entfernt und in größerer Tiefe als konventionelle Sprengkörper“, sagt Doktorandin Maria Khon, die mit auf der Forschungsreise war. „Deshalb haben uns die Munitionshaufen im Kleinen Belt schon überrascht, denn hier ist die Ostsee nur rund 30 Meter tief“, sagt Keller.

Allein auf dem nächsten Foto, das Unterwasserroboter „Luise“ gemacht hat, sind auf einem rund 50 mal 200 Meter großen Areal mindestens 500 Granaten zu sehen, vermutlich ohne Zünder. „Da hat man vermutlich nicht groß nachgedacht, als man das dort verklappt hat“, sagt Keller.

„Oder die waren auf dem Weg zu eine2m größeren Versenkungsgebiet im Skagerrak“, sagt Khon. Genau weiß das heute wohl niemand, was wer vor 80 Jahren mit den Giftgasgranaten vorhatte, die im Krieg nie eingesetzt worden sind. Dass sie aber bis heute gefährlich sein können, ist klar.

Aud einer Fläche von 50 mal 200 Metern liegen rund 500 Granaten.

Bei Bornholm hat das Team weitere Sprengkörper in größerer Tiefe von bis zu 96 Metern gefunden. „Allerdings waren die zum Großteil offen und leer“, sagt Keller. Dabei gebe es in der Tiefe wenig Wellen und Sauerstoff. „Trotzdem sind die Granaten stärker korrodiert als die im Kleinen Belt.“ Warum das so ist, darüber kann die Wissenschaftlerin nur spekulieren.

Im gut erforschten Versenkungsgebiet in der Lübecker Bucht, in dem Spezialisten vor eineinhalb Jahren in einem Pilotprojekt konventionelle Munition geborgen haben, lagen nebeneinander völlig intakte Sprengköpfe und solche, die vollkommen verrostet waren.

Chemische Munition: Gefährlicher als konventionelle Granaten

„Wir wissen viel über konventionelle Munition im Meer und auch, wie man sie bergen und entsorgen kann“, sagt Keller. „Dieses Wissen sollten wir auch für die chemische Munition nutzen.“ Die macht mit rund 30.000 Tonnen nur eine kleine Menge aus, wenn man bedenkt, dass in der deutschen Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition vermutet werden, davon 300.000 Tonnen in der Ostsee und davon wiederum 50.000 Tonnen in der Lübecker Bucht, in der möglicherweise die erste flächendeckende Räumung von Altmunition in Deutschland beginnen könnte.

uf dieser Route waren die Wissenschaftler unterwegs.

Die Forscher des Geomar, die auf ihren Reisen mit internationalen Wissenschaftlern kooperieren, halten eine Räumung der chemischen Munition allerdings für Zukunftsmusik. 

„Wir wissen noch viel zu wenig darüber“, sagt Keller. So könnten Granaten nicht einfach aus dem Wasser geholt werden. „Da müssten wir ja alle im Vollschutz arbeiten.“ 

Und es sei auch völlig unklar, wie die Gase nach 80 Jahren im Meer reagierten. Es gebe auch Funde, in denen orange Placken neben den Granaten liegen, die Rückstände der chemischen Kampfstoffe sein könnten.

Um einige dieser offenen Fragen zu klären, erforscht Maria Khon, wie sich chemische Kampfstoffe im Meer verhalten und in welche Verbindungen sie sich verwandeln, wie stark ihre Konzentration im Wasser und im Meeresboden ist. Daraus könnte man ableiten, ob und wie schädlich sie für Pflanzen, Menschen und Tiere sind.

Dass Rückstände von TNT das Krebsrisiko bei Fischen steigern, haben Toxikologen der Uni Kiel bereits belegen können. Bei chemischer Munition ist das unklar. „Wir haben im Gebiet bei Bornholm Spuren von Schleppnetzfischerei gefunden und wissen, dass es dort auch Dorsche gibt“, sagt Keller. Es ist also zumindest nicht ausgeschlossen, dass aus den verrosteten Granaten ausgetretenes Gas in die Nahrungskette gelangt.

Schnelltest soll Rückstände von chemischer Munition im Meer nachweisen

Zunächst aber will Khon einen Schnelltest entwickeln, mit dem sie schon auf dem Forschungsschiff messen kann, welche Verbindungen wo im Meer zu finden sind. Das will die Chemikerin bei der nächsten Forschungsfahrt der „Alkor“, die das Team auch in Versenkungsgebiete vor der schwedischen Insel Gotland und nach Estland führen soll, ausprobieren.

Denn dass die Erforschung und möglicherweise Bergung der chemischen Kampfstoffe ein internationales Thema ist, sei klar. Nur ist eben die Bergung vergleichsweise unerforscht, aufwendig und teuer. Und das gilt besonders für Munition in der Nordsee, die durch Wellen und Tide noch schwerer zu finden, zu untersuchen und zu heben sein wird. 

Dabei ist diese Altlast vielleicht ganz nah, sagt Keller. „In der großen Rinne südlich von Helgoland vermutet man in 53 Metern Tiefe jede Menge chemische Munition, von der keiner so genau weiß, wie sie aussieht“, erklärt die Forscherin. „Und das ist nochmal ein ganz anderer Schnack.“