Hinter den Kulissen

Ein Arbeitstag beim „Nordschleswiger“ im Folketing

Ein Arbeitstag beim „Nordschleswiger“ im Folketing

Ein Arbeitstag beim „Nordschleswiger“ im Folketing

Kopenhagen
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Walter Turnowsky ist der Kopenhagener Korrespondent des „Nordschleswigers“. Foto: Nils Baum

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Wie entsteht eigentlich eine Geschichte, was kann unterwegs alles passieren, und wie wird das Ganze schlussendlich zu einem Artikel? „Der Nordschleswiger“ wirft einen Blick hinter die Kulissen und hat Kollege Walter Turnowsky einen Tag lang im dänischen Parlamentsbetrieb begleitet.

Es ist 8.52 Uhr, als ich das Folketing über den von vielen gemeinhin als Haupttreppe bezeichneten Zugang zum Hauptflügel des Parlaments, die Wanderhalle, erreiche. Die schwere Holztür öffnet sich automatisch und gewährt mir Einlass, doch gleich dahinter staut sich eine Gruppe aus fünf oder sechs Personen, die mit dem Pförtner im gläsernen Empfangshäuschen sprechen.

Ein Blick in den Maschinenraum der Politik

Ich besuche nämlich heute unseren „Nordschleswiger“-Korrespondenten in Kopenhagen, Walter Turnowsky, um einmal für unsere Leserinnen und Leser hinter die Kulissen zu schauen: Wie entsteht eigentlich ein Artikel im Maschinenraum der Politik auf Christiansborg? Zudem hat Walter als erfahrener Journalist sicher auch noch den einen oder anderen Tipp für mich auf Lager.

Es dauert nicht lange, bis ich eine Plastikhülle für meinen Presseausweis ausgehändigt bekomme, damit ich ihn während meines Besuchs heute den ganzen Tag lang vorschriftsgemäß gut sichtbar trage.

Nach dem Gang durch die Sicherheitskontrolle trete ich dann hinein in die lang gestreckte Haupthalle. Und da kommt auch schon Walter die lange Treppe herunter, um mich abzuholen, denn wer sich nicht in den Räumlichkeiten des Folketings auskennt, der verläuft sich hier schnell.

Mein Kollege holt mich in der Wanderhalle am Eingang ab. Foto: Nils Baum

Drei Stockwerke müssen wir uns hocharbeiten und um mehrere scharf gewinkelte Ecken biegen, bis wir schließlich vor einem sehr langen und schmalen Gang stehen – dem Pressegang.

Hier sitzen die Kolleginnen und Kollegen von „Ritzau“, „Weekendavisen“, „Politiken“, „Ekstra Bladet“ und weiteren Medien. „Der Nordschleswiger“ teilt sich ein Büro mit der grönländischen Fernsehstation „KNR“.

„Der Nordschleswiger“ teilt sich ein Büro mit der grönländischen Fernsehstation „KNR“. Foto: Nils Baum

Auch der digitale Journalist benötigt eine Kaffeekanne

Die Kollegin ist heute aber nicht zugegen, sodass ich ihren Schreibtisch in Beschlag nehmen kann. Der digitale Journalist benötigt heute eigentlich auch gar nicht mehr viel Platz – nur einen tragbaren Computer, der an einen großen Schirm angeschlossen ist, ein Mobiltelefon und natürlich die obligatorische Kaffeekanne.

Von Walter bereits mit Kaffeeflecken bedacht wurden die sogenannten „vier Säulen“, die die journalistischen Prinzipien des „Nordschleswigers“ inhaltlich widerspiegeln. Die reduzierte Einrichtung lässt das Büro trotz seiner Größe von nur etwa zehn Quadratmetern und einer Dachschräge gar ein wenig luftig erscheinen.

Die vier Säulen spiegeln die journalistischen Prinzipien des „Nordschleswigers“ inhaltlich wider. Foto: Nils Baum

Zurückweisung ukrainischer Flüchtlinge wird Tagesthema

Walter ist bereits seit 8.30 Uhr vor Ort und hat sich einen ersten Überblick verschafft. Es zeichnet sich schon ab, dass das große Thema des Tages die Zurückweisung ukrainischer Flüchtlinge an der deutsch-dänischen Grenze werden wird.

Die Flensburger Oberbürgermeisterin, Simon Lange, hatte auf einer Pressekonferenz am Montag deutlich gemacht, dass sie sich einen engeren Austausch im Grenzland wünsche.

Ihrer Ansicht nach sind es ukrainische Mütter mit Kindern, die auf ihrem Weg nach Norwegen oder Schweden sind, die nicht nach Dänemark einreisen dürfen. Grund dafür sei, dass die Kinder keinen biometrischen Pass hätten.

Von dänischer Seite hingegen heißt es, dass dies kein Hinderungsgrund für eine Einreise nach Dänemark sei. Was die Frage aufwirft, ob hier womöglich nicht genau genug unterschieden wird zwischen „Einreise“ und „Transit“.

Auch die Kolleginnen und Kollegen von „Danmarks Radio“ berichten über die Zurückweisung von ukrainischen Flüchtlingen an der Grenze. Foto: Nils Baum

Redaktionskonferenz um 10 Uhr

Um 10 Uhr klingelt nicht das Telefon, sondern Slack. Das ist ein Programm, das „Der Nordschleswiger“ für seine interne Kommunikation verwendet.

Neben verschiedenen thematischen Kanälen gibt es auch die Möglichkeit, darüber zu telefonieren, und dank eingebauter Kamera können sich die meisten Kolleginnen und Kollegen auch sehen – sofern sie denn daran denken, die Kamera einzuschalten.

Der stellvertretende Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Cornelius von Tiedemann, füllt diese Woche die Rolle des Redakteurs vom Dienst aus und ist damit für die Koordinierung der Themen zuständig. Die interne Kommunikation findet über das Programm Slack statt. Foto: Nils Baum

Nach der Runde durch die Lokalredaktionen diskutiert die Hauptredaktion die Grenzproblematik.

Walter sitzt zwar fernab der Grenze, aber doch nah an der Quelle, denn heute diskutiert das Folketing auch das geplante Sondergesetz, das bereits am Donnerstag in Kraft treten und Flüchtlingen aus der Ukraine ermöglichen soll, unkompliziert eine Aufenthaltsgenehmigung in Dänemark zu erhalten. Und das auch bei Fehlen biometrischer Merkmale im Pass.

Doch wie sieht es mit der Frage des Transits aus?

Erster Anruf bei der dänischen Polizei

Nach Abschluss der Konferenz greift Walter zum Telefon und versucht, die dänische Polizei zu erreichen. Kann sie etwas dazu sagen, ob ukrainische Kinder auch ohne biometrischen Pass in Begleitung ihrer Eltern durch Dänemark durchreisen können? Das muss auch die Polizei erst klären und verspricht, innerhalb einer halben Stunde zurückzurufen.

Walter versucht, weitere Informationen per Telefon einzuholen. Foto: Nils Baum

Wie wird eine Nachricht zu einer Nachricht?

Da bleibt noch Zeit für einen Schnack mit Walter über die journalistische Arbeit. Wie wird eine Nachricht eigentlich zu einer Nachricht?

„Die Nachricht fängt immer mit einer Frage an: Wieso ist etwas so, wie es ist? Dann stellt man häufig eine These auf, was die Nachricht sein könnte, und danach recherchiert man und prüft nach, was tatsächlich die Story ist. Und das ändert sich häufig im Laufe des Tages.“

Was sich auch an diesem Tag bewahrheiten sollte, denn zunächst glauben wir, dass Mütter mit Kindern im Transit abgewiesen werden; dem wird allerdings die dänische Polizei später widersprechen; was danach jedoch noch vom Sprecher der Stadt Flensburg wieder anders dargestellt werden wird.

Der Weg von Walters Büro zur Kantine führt durch viele Gänge, einige schmal, andere breit. Bewegung kommt hier nicht zu kurz. Foto: Nils Baum

Zeit für eine Stärkung

Doch wir wollen den Ereignissen nicht vorgreifen.

Es ist plötzlich schon 12.30 Uhr, und damit Zeit für eine Stärkung. Über mehrere Treppen, einen Fahrstuhl und lange Gänge in verschiedenen Farben gelangen wir zur Kantine Brydesen, wo ein klassisches Smørrebrød serviert wird.

Am Nachbartisch sitzt Christine Cordsen von „Danmarks Radio“ zusammen mit drei Kolleginnen und Kollegen, schon oft habe ich sie bei politischen Analysen in den Abendnachrichten auf „Danmarks Radio“ gesehen.

Sowohl auf dem Weg zur Kantine als auch zurück begegne ich zudem etlichen Politikerinnen und Politikern, von denen ich ansonsten entweder nur auf dem dänischen Nachrichtenticker „Ritzau“ lese oder die ich im Fernsehen sehe.

Die Nachricht fängt immer mit einer Frage an: Wieso ist etwas so, wie es ist? Dann stellt man häufig eine These auf, was die Nachricht sein könnte, und danach recherchiert man und prüft nach, was tatsächlich die Story ist. Und das ändert sich häufig im Laufe des Tages.

Walter Turnowsky, Journalist

Gewusel an allen Ecken und Enden

Überhaupt, diese Betriebsamkeit!

Immer wieder bewegen sich Gruppen von Menschen durch die Gänge, in einer Ecke gehen helle LED-Scheinwerfer an und leuchten einen Abgeordneten für ein Fernsehinterview aus, in der nächsten Ecke fachsimpeln zwei Kolleginnen miteinander, und etwas weiter den breiten Gang entlang halten zwei Portiers hinter ihrem Tresen ein waches Auge auf das bunte Treiben.

Und auch vor dem Besuchereingang zum Folketing, auf den wir auf unserem Weg vom Mittagessen zurück ins Büro aus dem zweiten Stock blicken können, hat sich eine Gruppe Schülerinnen und Schüler versammelt, um sich das bunte Treiben im Folketing näher anzuschauen.

Der Haupteingang zum Folketing mit Besucherzentrum im Vordergrund Foto: Nils Baum

Und auch beim „Nordschleswiger“ sind die Dinge in Bewegung. Noch im Restaurant hatte Walters Telefon geklingelt, und die Polizei bestätigte, dass Kinder in Begleitung ihrer Eltern durchreisen können.

Verwirrung über widersprüchliche Informationen

Zurück im Büro, liest Walter Turnowsky eine Pressemitteilung der sozialdemokratischen Abgeordneten des schleswig-holsteinischen Landtags, Birte Pauls, in der sie schreibt, dass es nicht sein könne, dass Dänemark Kinder an der Grenze abweise, weil sie keinen biometrischen Pass besitzen.

Das verstärkt den Eindruck, dass da mehrere Akteure aneinander vorbeireden. Was also ist zu tun?

Walter greift erneut zum Telefon und versucht, mit dem Sprecher der Stadt Flensburg in Kontakt zu kommen, um sich bestätigen zu lassen, dass es sich tatsächlich um ukrainische Kinder ohne biometrischen Pass handelt, die abgewiesen werden.

Doch zunächst ist es gar nicht so einfach, den Sprecher überhaupt zu erreichen; aber als er schließlich zurückruft, kann er bestätigen, dass die Oberbürgermeisterin mit ukrainischen Müttern gesprochen hat, die sagten, ihre Kinder dürften nicht durchreisen. Den Widerspruch zur Information der dänischen Polizei kann auch er nicht aufklären.

Unsere Geschichte bekommt einen neuen Winkel

Nun ist die Verwirrung komplett.

„Dann wird unsere Geschichte wohl nicht, was jetzt richtig ist und wie die Dinge gehandhabt werden, sondern dass Uneinigkeit herrscht darüber, wer was gesagt hat, und dass die verschiedenen Akteure aneinander vorbeireden“, sagt Walter.

Und haut auch schon in die Tasten, denn nun wird es langsam Zeit, unseren aktuellen Wissensstand weiter an die „Nordschleswiger“-Leserinnen und -Leser zu vermitteln. Die Überschrift lautet nun „Verwirrung über Abweisung geflüchteter Mütter“.

Walter meint zwar, dass es natürlich nicht zufriedenstellend sei, so einen Artikel zu schreiben, aber es war eben bislang nicht möglich zu klären, wer recht hat.

Danach wirft Walter einen Blick auf verschiedene Nachrichtenseiten, den „Ritzau“-Ticker und schaltet schließlich die direkte Übertragung aus dem Folketingssaal ein.

Inzwischen leuchtet nämlich das „M“ für „Møde“ auf und signalisiert, dass die Abgeordneten des Folketings ihre heutige Plenardebatte begonnen haben.

Leuchtet der Buchstabe A auf, ist das für die Abgeordneten des Folketings das Signal, zur Abstimmung in den Plenarsaal zu kommen. Der Buchstabe M leuchtet auf, sobald das Parlament seine Sitzung begonnen hat. Foto: Nils Baum

Walter will nicht ausschließen, dass wir vielleicht noch ein wenig schlauer werden, wenn wir die Debatte über das Sondergesetz am Nachmittag verfolgen.

Es geht auf 15 Uhr zu, als Tagesordnungspunkt 12 zum Vorschein kommt, der das Sondergesetz für eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung für Flüchtlinge aus der Ukraine zum Gegenstand hat.

Auf zur Pressetribüne

Und weil ich heute zu Besuch bin, schwingt Walter sich mit mir auf in Richtung Pressetribüne, denn aus nächster Nähe sind die Geschehnisse ja bekanntermaßen immer noch ein wenig beeindruckender, als wenn man sie auf Abstand elektronisch am Bildschirm verfolgt.

Der integrations- und ausländerpolitische Sprecher der Sozialdemokraten, Rasmus Stoklund, verteidigt das Sondergesetz der Regierung am Rednerpult. Foto: Nils Baum

Kaum Abgeordnete zugegen

Im Folketingssaal ist es relativ leer, und auch auf der Pressetribüne sitzen nur vereinzelt Journalistinnen und Journalisten.

Am Rednerpult steht gerade der integrations- und ausländerpolitische Sprecher der Sozialdemokraten, Rasmus Stoklund, und verteidigt das geplante Gesetz gegen kritische Fragen von Morten Messerschmidt von der Dänischen Volkspartei.

Der Vorsitzende des Folketings persönlich, Henrik Dam Kristensen (Soz.), leitet die Debatte und achtet peinlich genau darauf, dass die Redezeiten der Abgeordneten eingehalten werden. Fast immer muss er sie unterbrechen, die Redelust ist einfach zu groß.

Schlauer werden wir allerdings trotzdem nicht.

Besonders viel Aufmerksamkeit scheint das Sondergesetz nicht hervorzurufen. Morten Messerschmidt von der Dänischen Volkspartei stellt seine Fragen an seinen politischen Konkurrenten in einem weitgehend leeren Folketingssaal. Foto: Nils Baum

Keine neuen Erkenntnisse

Und somit bleibt der Artikel wie er ist, eine Aktualisierung wird es nicht mehr geben.

Sobald sich neue Erkenntnisse auftun, werden die in einen neuen Artikel gepackt, um die Informationen erneut prominent auf der Startseite des „Nordschleswigers“ zu vermitteln.

„Unseren heutigen Artikel mussten wir aber trotzdem schreiben und veröffentlichen, denn er beschreibt ja die Sachlage und damit auch die Situation und die Verwirrung, die auch die Flüchtlinge erleben. Und das journalistisch für unsere Leserinnen und Leser in Nordschleswig zu vermitteln, das ist einfach wichtig“, gibt Walter zu bedenken.

Walter steht vor einer der Flügeltüren zum Plenarsaal des Folketings und hält ein Auge auf die Person hinter dem Rednerpult. Vielleicht gelingt es ihm, einen der Politikerinnen oder Politiker für ein Statement abzufangen. Foto: Nils Baum

Die nächste Story wartet schon

Um sich dann schon auf den nächsten Artikel vorzubereiten. Vielleicht gelingt es ja, einige Politikerinnen oder Politiker zu erwischen, wenn sie aus dem Folketingssaal kommen.

Also gehen wir runter in den ersten Stock, wo Walter vor den Flügeltüren zum Sitzungssaal lauert, aus denen immer mal wieder eine Abgeordnete oder ein Abgeordneter heraustritt oder dahinter verschwindet.

Es ist bereits nach 17 Uhr. Irgendwann erscheint dann Rosa Lund von der Einheitsliste, und Walter fragt, ob sie ihm ein kurzes Statement zur Grenze geben mag – denn der News-Journalist sammelt immer schon Stoff für die nächste Story. Aber das ist eine andere Geschichte.

Um kurz nach 18 Uhr verlässt Walter das Folketing und schwingt sich für den Weg nach Hause auf sein Fahrrad. Foto: Nils Baum
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