Leitartikel

„Vielleicht sollten wir den Schmerz bekämpfen – und nicht das Betäubungsmittel “

Vielleicht sollten wir den Schmerz bekämpfen – und nicht das Betäubungsmittel

Vielleicht sollten wir den Schmerz bekämpfen

Apenrade/Aabenraa
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Wäre ein Alkoholverbot ein zu großer Eingriff in die Freiheit der Menschen in Dänemark? Oder ist es töricht, die Menschen dem Suchtmittel weiterhin auszusetzen? Cornelius von Tiedemann meint, es sollte vor allem darum gehen, dass junge Menschen das Rüstzeug bekommen, in dieser Welt zu bestehen – die man vielleicht ja auch noch ändern könnte.

Dänemarks Regierung hat einen Entwurf für eine Gesundheitsreform vorgelegt, der es in sich hat. Der ganz große Aufreger: kein Verkauf von Alkohol mehr an Jugendliche unter 18 Jahren. Und, man lese und staune: Menschen, die 2010 oder später geboren wurden, sollen in Dänemark keine Zigaretten mehr kaufen dürfen. Auch dann nicht, wenn sie schon längst erwachsen sind.

Immerhin, die Regierung traut sich, das Thema Alkohol anzugehen und das Rauschmittel vom Kulturgegenstand zum Gesundheitsrisiko umzudeuten. Das ist in einem Land wie Dänemark, wo der öffentliche Konsum von Alkohol dazugehört, irgendwie ja auch, um sich von den ach so biederen Schweden abzugrenzen, ein großer Schritt. Und, es war abzusehen: Nicht allen gefällt das.

Obwohl wir alle wissen, für wie viel Leid und Elend in Familien, bei Kindern von Alkoholikern, bei Partnerinnen und Partnern und unter Freunden, für wie viel Krankheit und fatale Fehlentscheidungen, für wie viel körperliche und seelische Gewalt und vermeidbare Unfälle und viel zu frühe Tode der Alkohol auch in Dänemark schon verantwortlich war und immer wieder ist.

Andererseits könnte man als fast erwachsener Mensch ja auch verantwortungsbewusst mit Rauschmitteln umgehen.

Das traut die Sozialdemokratie der Mehrheit der Menschen in Dänemark aber offenbar nicht länger zu. Zu deutlich sprechen für sie die Zahlen aus Gesundheits- und Sozialwesen.

Ist es also nur vernünftig, wenn weniger Menschen die Möglichkeit bekommen, sich dem Alkohol hinzugeben?

Wie so oft gilt, dass es natürlich vernünftig ist, das Richtige zu tun. Aber die Frage ist eben, ob es auch immer richtig ist, das Vernünftige zu tun.

Besonders aus dem bürgerlichen Lager kommt die Kritik, dass bevormundet, entmündigt und die Freiheit eingeschränkt werde.

Doch wer hinter die Gründe des Alkohol- und Zigarettenkonsums blicken und ihre Ursachen bekämpfen wollte, der würde bald feststellen, dass diese oft gerade damit zu tun haben, dass es eine für viele Kinder und Jugendliche (und Erwachsene!) unüberschaubare Freiheit gibt. Eine rückhaltlose Welt der Möglichkeiten, die auf selbstbewusste und gesunde Weise zu erkunden ihnen oft die von der Familie mitgegebenen Werkzeuge fehlen.

Selbst Menschen, die es gut meinen und die alles geben, was sie können, schaffen es manchmal ebenso wenig wie Menschen, die mit ihrer Lebenswirklichkeit nicht zurechtkommen, ihre Kinder auf den Leistungs-, Erfolgs- und Erwartungsdruck vorzubereiten, der heute auf sie ausgeübt wird.

Nicht nur in Schule, Studium und Beruf. Der Wettbewerbsgedanke hat, beschleunigt auch durch nur teils kontrollierten Wildwuchs in den sogenannten sozialen Medien, auch das Privatleben erfasst. Gerade bei den jungen Menschen verbreiten sich psychische Probleme wie Lauffeuer.

Vielleicht sind also weder die Haltung, dass Regulierung Gift für die freiheitliche Persönlichkeitsbildung der Menschen sei, noch der Glaube an Verbote von Symptom-Betäubern das, was wir brauchen.

Vielleicht gibt es einen dritten, nachhaltigen Weg, der uns dort hinführt, wo alle Parteien sicherlich eigentlich hinwollen: dass die Menschen in Dänemark wieder die glücklichsten auf der Erde werden – und das ganz ohne Alkohol.

Anmerkung: In einer ersten Version hieß es versehentlich, dass geplant sei, dass Personen ab dem Geburtsjahr 2010 auch keinen Alkohol mehr kaufen dürfen. Das ist natürlich nicht richtig – der Plan sieht vor, dass an Personen ab dem Geburtsjahr 2010 auch nach Volljährigkeit kein Tabak mehr verkauft werden soll. Alkohol soll nur noch an Personen ab 18 Jahren verkauft werden dürfen. cvt

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