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Schule als Austragungsort des nationalen Gegensatzes

Schule als Austragungsort des nationalen Gegensatzes

Schule als Austragungsort des nationalen Gegensatzes

Hauke Grella
Hauke Grella Museumsleiter
Nordschleswig
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Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Schul- und Sprachpolitik standen besonders im Mittelpunkt / Auch Deutsch war natürlicher Teil der Region

Der nationale Gegensatz im deutsch-dänischen Grenzland bzw. im alten Herzogtum Schleswig wurde auf verschiedenste Art und Weise „ausgelebt“. Dazu gehörten im extremsten Fall Krieg und Tod.

Aber auch in anderen Bereichen wurde der Konflikt ausgetragen. Besonders im Mittelpunkt standen die Schul- und Sprachpolitik.

Gerade die Versuche, die Bevölkerung Schleswigs in der deutschen Zeit von 1864 bis 1920 zu verdeutschen, ist noch in Erinnerung geblieben.

1878 wurde die Schulsprache in den Schulen Nordschleswigs Deutsch und Dänisch. Dies unabhängig davon, welche Sprache die Bevölkerung vor Ort sprach. Ab 1888 sollte sämtlicher Unterricht in deutscher Sprache durchgeführt werden. Ausnahme hier war der Religionsunterricht. Dieser durfte zunächst in dänischer Sprache gehalten werden. Vielerorts wurde aber auch dies abgeschafft.

Aber schon vorher war die Schulsprache ein Spielball in der Auseinandersetzung zwischen Deutsch und Dänisch. Nach der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848 bis 1850 und der Niederlage der deutsch Gesinnten Schleswig-Holsteiner verschärfte die dänische Seite ihrer Bemühungen, die Bevölkerung Mittelschleswigs zu danisieren. 1851 wurden Sprachskripte erlassen, die für 49 Kirchspiele und die Stadt Tondern gelten sollten. In den genannten Gebieten sollte nun die Schulsprache Dänisch sein.

Bei einer Erweiterung des Geltungsbereiches der Sprachskripte wurde Dänisch auch die Unterrichtssprache in den Orten Hadersleben/Haderslev, Sonderburg/Sønderborg und Apenrade/Aabenraa. Ausgangspunkt hinter den Skripten sollte sein, dass dort, wo die Umgangssprache mehrheitlich Dänisch war, diese dann auch in den Schulen zur Anwendung kommen sollte.

Die Sprachverhältnisse im alten Herzogtum Schleswig sind schwer nachzuvollziehen und waren, nicht immer nur politisch beeinflusst, in ständiger Veränderung. Dies nicht nur im Bereich des Schulwesens. Was die Verwaltungssprache betraf, so war Deutsch, bzw. Plattdeutsch die primäre Sprache. Ausnahmen waren hier die königlich-dänischen Enklaven, die Teil des dänischen Königreichs waren. Welche Auswirkungen dies hatte, lässt sich noch bei der Volksabstimmung 1920 deutlich ablesen. Zwischen Hoyer/Højer und Tondern/Tønder, zwei deutschen Hochburgen, lag Mögeltondern/Møgeltønder als dänische Hochburg.

Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Auch die Kirchensprache war nicht überall gleich. So war auf der Insel Alsen/Als, durch die historische Zugehörigkeit zu dem Stift Odense, die Kirchensprache Dänisch. Ausnahme hier war die Stadt Sonderburg. Diese gehörte zum Stift Schleswig und hatte Deutsch als Kirchensprache.
Bis Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts war die Sprache kein primäres Element der Identität der Bevölkerung Nordschleswigs. Zugehörigkeit und praktische Überlegungen beeinflussten die Sprachwahl. Erst mit dem Aufkommen des Nationalstaatsgedankens musste die Bevölkerung Schleswigs Stellung beziehen. Anhand des Beispiels von Mögeltondern zeigt sich, wie historische Entscheidungen und Geschehnisse die Bevölkerung in die eine oder andere Richtung bei dieser Wahl leiten konnten.

Egal in welchen Mehrheitsverhältnissen deutsche und dänische Sprache, und nicht zu vergessen die friesische Sprache, im alten Herzogtum standen und in welchen Bereichen sie gesprochen wurden. Ob Kirchen-, Schul- oder Verwaltungssprache. Alle drei Sprachen und die dazugehörigen Dialekte sind natürliche Teile unserer Region. Auch heute noch!

Wenn man die Diskussion über die zweisprachigen Ortsschilder in den sozialen Medien verfolgte, konnte man oftmals Bemerkungen wie „Wenn ihr deutschsprachige Ortsschilder wollt, zieht doch zurück nach Deutschland“ oder Ähnliches lesen. Dies zeugt leider nur allzu deutlich von der Unwissenheit über die Geschichte unserer Region. Im Bestand des Deutschen Museums Nordschleswig gibt es einige „Zeitzeugen“, die zeigen, dass die deutsche Sprache schon über Jahrhunderte, und vor der Geburt des Nationalstaatsgedankens, ein Teil dieser Region gewesen ist und eben nicht erst mit den Kriegen (1848-1850 und 1864) nach Nordschleswig kam.

Ein Beispiel ist die abgebildete Schulordnung. Diese wurde 1807 für die Stadt Apenrade erlassen. Sie war nötig geworden, da es eine Vielzahl von unterschiedlichsten Schulen in Apenrade gab und diese zum Teil nicht unter einer Aufsicht standen. Auch war die Kapazität der Schulen zu gering. So besuchten nur die Hälfte der sechs- bis zehnjährigen Kinder eine Schule.

Auch zur Unterrichtssprache wurde in der Schulordnung Stellung bezogen. Diese sollte für alle Klassen und Schulformen Hochdeutsch sein. Es ist fraglich, ob diese schon Teil einer nationalpolitischen Überlegung gewesen ist. Mit der Schulordnung wurde aber der Wechsel von lateinischer zur hochdeutschen Unterrichtssprache endgültig vollzogen, es wurden eine allgemeine Schulpflicht und ein einheitliches Schulsystem für Apenrade eingeführt. Damit war die Stadt 1814, als eine allgemeine Schulordnung für die Herzogtümer beschlossen wurde, gut aufgestellt.

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