Bildung

Dänische Gymnasialreform: Sorgen und Chancen für die deutsche Minderheit

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Jens Mittag, Leiter des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig, sieht in der Reform eine Möglichkeit, das Bildungssystem praxisnäher zu gestalten und das Angebot der deutschen Minderheit zu erweitern (Archivbild).

Dänemarks Gymnasialreform bringt tiefgreifende Veränderungen – doch was bedeutet sie für die deutsche Minderheit in Nordschleswig? Während Catarina Bartling vom DSSV den Wegfall der kommunalen 10. Klassen als großes Dilemma bezeichnet, sehen Jens Mittag und Jørn Warm durchaus positive Aspekte in den Veränderungen. Besonders die Deutsche Nachschule Tingleff könnte profitieren.

Die dänische Regierung hat zusammen mit der Sozialistischen Volkspartei (SF) und der Dänischen Volkspartei (DF) eine umfassende Gymnasialreform beschlossen. Diese bringt höhere Notenhürden, eine neue praxisorientierte Berufsausbildung – und das Aus für die kommunale 10. Klasse. Was heißt das für die deutschen Schulen in Nordschleswig?

Catarina Bartling, kommissarische Schulrätin des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig (DSSV), Jens Mittag, Schulleiter des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig (DGN), und Jørn Warm, Leiter der Deutschen Nachschule Tingleff (DNT), bewerten die Reform mit unterschiedlichen Gefühlen. Während Bartling bezüglich des Wegfalls der kommunalen 10. Klassen von einem „großen Dilemma“ spricht, sieht Warm vor allem Chancen für seine Schule.

Was ändert sich durch die Reform?

Die am Dienstagabend vorgestellte Vereinbarung sieht drei zentrale Veränderungen vor:

• Höhere Zugangsvoraussetzungen: Wer ein allgemeines Gymnasium (stx) oder ein Handelsgymnasium (hhx) besuchen will, braucht künftig mindestens die dänische Note 6 in der Abschlussprüfung der Volksschule (folkeskole). Bisher lag die Hürde bei 5.

• Neue praxisorientierte Ausbildung: Die bisherige HF-Ausbildung wird durch eine berufsorientierte EPX-Ausbildung ersetzt.

Abschaffung der kommunalen 10. Klasse: Die kommunale 10. Klasse entfällt. Ein freiwilliges zehntes Schuljahr ist nur noch an Nachschulen oder freien Fachschulen möglich. Die dort erworbenen Noten verbessern jedoch nicht mehr das Abschlusszeugnis.

Die Reform wird schrittweise umgesetzt und soll ab dem Schuljahr 2030/2031 vollständig greifen. Es wird jedoch den Schulen und Kommunen erlaubt sein, schon früher mit der Einführung der neuen Strukturen zu beginnen.

Bartling: „Ein großes Dilemma“

Catarina Bartling sieht den Wegfall der kommunalen 10. Klasse besonders kritisch. „Das ist für uns ein großes Dilemma“, sagt die kommissarische Schulrätin des DSSV. Der deutsche Mittlere Schulabschluss (MSA) wäre an den Volksschulen der deutschen Minderheit ab 2030 nicht mehr möglich. „Wenn wir die zentrale 10. Klasse, so wie jetzt in beispielsweise Hadersleben (Haderslev) und Apenrade (Aabenraa), nicht mehr anbieten dürfen, fällt dieser Abschluss weg“, erklärt Bartling.

Zwar wird die Deutsche Nachschule Tingleff den MSA weiterhin anbieten, aber der DSSV wolle diesen Abschluss in Zukunft auch über die Nachschule hinaus ermöglichen.

DSSV-Schulrätin Catarina Bartling ist besorgt, dass der Wegfall der kommunalen 10. Klassen den deutschen Mittleren Bildungsabschluss an den Volksschulen der Minderheit unmöglich machen könnte (Archivbild).

Sowohl die Kommunen als auch die kommunalen Schulen überlegen derzeit, wie sie die Umsetzung der Reformideen gestalten können, erklärt Bartling. „Klare Ausführungsbestimmungen gibt es bislang aber noch nicht. Beim DSSV suchen wir Wege, wie wir den deutschen Mittleren Bildungsabschluss weiterhin in unser Schulsystem integrieren können. Möglicherweise wäre die EPX-Ausbildung eine Option, aber das ist noch völlig unklar.“

Der DSSV werde die Entwicklungen im Bildungsbereich weiterhin genau verfolgen, so die kommissarische Schulrätin. Zudem habe es bereits Gespräche mit der Deutschen Nachschule Tingleff und dem Deutschen Gymnasium für Nordschleswig gegeben, um über Möglichkeiten für die Minderheiten-Schulen zu sprechen.

Mittag: „Praxisorientierung bietet Chancen“

Jens Mittag, Leiter des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig, sieht die Erhöhung der Notenhürde entspannt: „Das ist für uns momentan kein großes Thema. Wenn man sich die Bewerbungen der vergangenen Jahre anschaut, hätte das sowieso kaum Auswirkungen. Die meisten unserer Schülerinnen und Schüler liegen ohnehin über 6,0.“

Der Schulleiter bewertet vor allem die neue EPX-Ausbildung positiv: „Praxisorientierung ist ja nicht schlecht. Es gibt Schülerinnen und Schüler, denen genau das fehlt. Ich finde, man sollte Neuerungen eine Chance geben.“ Ein breiteres Angebot könne die Minderheit insgesamt stärken. „Das würde unser Bildungsangebot erweitern und vielleicht auch Schülerinnen und Schüler in der Minderheit halten, die keine klassische Gymnasiallaufbahn anstreben“, so Mittag.

Ich finde, man sollte Neuerungen eine Chance geben.

Jens Mittag

Er glaubt, dass die Veränderung sogar das allgemeine Gymnasium (stx) beeinflussen könnte: „Ich könnte mir vorstellen, dass unser Gymnasium davon profitiert. Vielleicht bekommen unsere Lehrkräfte durch EPX neue Ideen, wie man Praxisanteile stärker einbauen kann.“

Noch sei aber unklar, ob die EPX-Ausbildung in den Schulen der deutschen Minderheit eingeführt wird. „Wir bleiben natürlich ein stx-Gymnasium. Aber es wäre denkbar, dass wir das zusätzlich anbieten. Das müsste die Minderheit gemeinsam entscheiden“, so Mittag.

Warm: „Eine der durchdachtesten Reformen“

Auch Jørn Warm, Leiter der Deutschen Nachschule Tingleff, sieht in der Reform eine Chance: „Das ist eine der durchdachtesten Reformen, die ich erlebt habe. Eine Veränderung war dringend nötig – die bisherigen praxisorientierten Ausbildungszweige haben überhaupt nicht funktioniert.“

Warm begrüßt, dass das Gymnasium (stx) und die Nachschule weitgehend unangetastet bleiben. Zudem könnte der Wegfall der kommunalen 10. Klasse seine Schule sogar stärken: „Wir sind gut aufgestellt und würden dadurch vermutlich noch mehr Schülerinnen und Schüler aufnehmen können.“

Ein klarer Vorteil der Nachschule: Dass der deutsche Mittlere Schulabschluss (MSA) dort weiterhin erworben werden kann. „Daran werden wir festhalten, das ist für uns ein großer Pluspunkt“, betont Warm.

Jørn Warm, Leiter der Deutschen Nachschule Tingleff, steht der Reform positiv gegenüber (Archivfoto).

Aktuell besuchen rund 100 Schülerinnen und Schüler die Nachschule – eine moderate Aufstockung wäre möglich. „Wenn die 10. Klassen an den Minderheitenschulen wegfallen, sind wir selbstverständlich bereit, interessierte Schülerinnen und Schüler aufzunehmen. Eine räumliche Erweiterung planen wir jedoch nicht. Unsere Stärke liegt in der Qualität, nicht in der Masse“, so Warm.

Fest steht: Bis 2030 bleibt dem DSSV und den Schulen noch Zeit, die besten Wege für die deutsche Minderheit zu finden.