Deutsche Minderheit 

Töchter der Minderheit: Kristel Thomsen – ein Glückspilz der Nachkriegszeit?

Kristel Thomsen (links): Ihre Geschichte zeigt, wie unterschiedlich die Lebenswege der Frauen in der Nachkriegszeit sein können.

Seit mehr als anderthalb Jahren führt die Historikerin Ilse Friis Gespräche mit Frauen, die in der Nachkriegszeit in Nordschleswig aufwuchsen: Kristel Thomsen ist eine von ihnen. Ihre Geschichte unterscheidet sich von denen der Frauen, die bisher ihr Schweigen über ihr Aufwachsen in der Nachkriegszeit gebrochen haben. 

Veröffentlicht

Zusammenfassung

  • Die Historikerin Ilse Friis spricht für ihr Projekt „Töchter der Minderheit“ mit der 88-jährigen Kristel Thomsen, deren Lebensweg sich deutlich von denen anderer Frauen in Nordschleswig in der Nachkriegszeit unterscheidet.
  • Trotz der traumatischen Verhaftung ihres Vaters nach 1945 berichtet Thomsen von vergleichsweise unbeschwerten Lagerbesuchen, kontinuierlichem Schulbesuch und davon, dass sie ihren Beruf frei wählen durfte. 
  • Ihre späteren Aufgaben als Vorsitzende des „Verbands Deutscher Büchereien Nordschleswig“ sowie Begegnungen mit der dänischen Königin zeigen Kristel Thomsen als glückliche Frau der Nachkriegszeit, deren bislang unerzählte Erinnerungen wichtige Zeitzeugnisse liefern.

Diese Infobox wurde mithilfe von KI generiert und von der Redaktion geprüft.

„Kommt rein, ich habe euch extra die Tür offen gelassen!“ Kristel Thomsen hat Ilse Friis zu einem Gespräch in ihr Haus nach Rinkenis (Rinkenæs) eingeladen und dafür schon den Tisch mit Kaffeegeschirr in der Stube gedeckt. 

Sie sei heute ein bisschen wackelig auf den Beinen, erzählt sie, bittet Ilse Friis daher, eine Kanne Kaffee mit ins Wohnzimmer zu nehmen. Die 88-Jährige wirkt zierlich, fast etwas zerbrechlich, aber auch elegant in ihrem beige-grauen Wollpullover, einer dunklen Kette um den Hals und schwarzer Hose. Kristel Thomsen ist eine von inzwischen mehr als 40 Frauen, die die Historikerin Ilse Friis für ihren Vortrag „Töchter der Minderheit“ interviewt hat. 

Erinnerungen, die unter die Haut gehen

Kristel Thomsen fängt an zu erzählen. Erinnerungen, die inzwischen 81 Jahre zurückliegen. Sie erzählt, als wäre es gestern gewesen. Als ihr Vater Andreas Schau 1945 zu Hause in Hoyer (Højer) abgeholt und ins Fårhus-Lager gebracht wird: Der damalige Pastor in Hoyer war Deutscher und in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei für Nordschleswig (NSDAP-N) aktiv. 

„Mein kleiner Bruder, er war damals zweieinhalb, lief schreiend hinter dem Bus her, in dem unser Vater saß. Ich stand auf einer kleinen Mauer, winkte, als er vorbeifuhr. Ich meine, wir hatten Augenkontakt. Aber das durfte mein Vater ja eigentlich nicht.“

Was Kristel Thomsen da beschreibt, ist das, was Ilse Friis in ihren Recherchen als „kollektives Trauma“ in der Minderheit bezeichnet. „Viele Frauen hatten Tränen in den Augen, als sie davon erzählten“, erinnert sich Ilse Friis. 

Ilse Friis hat inzwischen viele Geschichten von den Frauen der Minderheit in der Nachkriegszeit gehört und aufgeschrieben.

Doch von da an unterscheidet sich Kristel Thomsens Geschichte von denen der anderen Frauen. Denn die allermeisten bekommen ihre Väter während deren Gefangenschaft im Fårhus-Lager lange nicht zu Gesicht, und wenn, „dann waren es bedrückende 15 Minuten“, wie Ilse Friis sagt.

Diese Bernsteinkette fertigte ihr Vater im Fårhus-Lager: Kristel Thomsen trägt sie noch heute manchmal.

Kristel Thomsen beschreibt es anders. „Wir haben im Besuchszimmer gesungen und getanzt. Mein Vater hat sich darüber amüsiert.“ Sie erzählt außerdem, dass ihre jüngere Schwester Zigaretten für den Vater ins Lager geschmuggelt habe, und schmunzelt dabei. Sie sei vorsichtiger gewesen, habe sich das nicht getraut. 

Dass der Vater fast drei Jahre lang weg war: Kristel Thomsen kennt es nicht anders. „Die Väter meiner Freundinnen waren ja alle weg. So war der Alltag.“

Kristel Thomsen (hinten im Bild) erzählt lebendig und erinnert sich an viele Details.

Allein unter Jungen: Schulzeit in Niebüll 

Auch an ihre Schulzeit erinnert sich Kristel Thomsen eigentlich gern. Bis auf die Busfahrten zwischen Hoyer und Tondern (Tønder), wo die Schule lag: Die dänischen Kinder wollen nicht neben den Deutschen sitzen, sie wird geschubst und gemobbt.  

Kristel Thomsen schließt die Schule mit dem Realexamen ab, hat eine klare Vorstellung davon, wie es weitergehen soll. „Ich hatte mich in Kopenhagen beworben, wollte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin machen. Aber ich wurde nicht angenommen.“

Ihr Vater Andreas Schau, inzwischen wieder Pastor in Hoyer, schlägt vor, dass seine Tochter sich in Niebüll (Nibøl) an der Friedrich-Paulsen-Schule anmeldet. Dort, wo auch er sein Abitur gemacht hatte. Dort gibt es mit der ländlichen Oberschule einen ganz neuen Ausbildungszweig. Kristel Thomsen folgt dem Vorschlag des Vaters: Und ist ab jetzt die einzige Schülerin unter neun Jungen. 

Für Ilse Friis eine beeindruckende Geschichte. „Da musstest du ja sehr früh selbstständig werden“, sagt sie zu Kristel Thomsen. Denn die damals 16-Jährige wohnt unter der Woche zur Untermiete allein in Niebüll. 

Freie Berufswahl als Frau? Ungewöhnlich

Mit den Jungen in ihrer Klasse kommt Kristel Thomsen prima aus. „Da war immer jemand, mit dem ich auf den Jahrmarkt gehen konnte oder ins Kino.“ Es entstehen Freundschaften, die über Jahrzehnte Bestand haben. Inzwischen seien leider fast alle ehemaligen Schulkameraden gestorben. „Bis auf einen in Süddeutschland.“ 

1958 legt Kristel Thomsen in Niebüll ihr Abitur ab. Ihren ursprünglichen Berufswunsch – Physiotherapeutin – hat sie ad acta gelegt: Stattdessen absolviert sie eine Ausbildung zur Bibliothekarin. Vor allem dieser Lebensabschnitt – Schule und Berufsausbildung – ist einer, der sich deutlich von denen der anderen Frauen unterscheidet, die Ilse Friis interviewt hat. 

Dokumentieren, so lange es eben geht: Berichte von Zeitzeuginnen

„Es ging ja damit los, dass Kristel durchgängig zur Schule gehen konnte und danach werden konnte, was sie wollte. Das ist schon eine außergewöhnliche Geschichte.“

Gemeinsamer Unterricht für deutsche und dänische Kinder

Das hatte auch mit einem offenbar sehr klugen pädagogischen Schachzug des damaligen Schulleiters der Kommunalschule in Tondern zu tun. Dort gehen bis 1945 deutsche und dänische Kinder zunächst räumlich voneinander getrennt zur Schule, auf dem Schulhof spielen sie aber gemeinsam. Als die deutschen Schulen nach dem Krieg geschlossen werden, entscheidet der Schulleiter: Ab sofort werden beide Nationalitäten zusammen unterrichtet. 

„Das war völlig anders als bei den anderen Frauen, die teilweise über lange Zeit zu Hause saßen und gar keinen Unterricht hatten, oder nur sporadisch von Wanderlehrern. 

1961 trifft Kristel Thomsen ihren späteren Mann, den Pastor Klaus Thomsen. Die beiden heiraten, bekommen zwei Töchter. Hauptberuflich hat sie zwar nie in ihrem Beruf gearbeitet: Doch dann kommt ein Ehrenamt, das wie für sie gemacht ist. Von 1972 bis 1993 ist Kristel Thomsen Vorsitzende des „Verbands Deutscher Büchereien Nordschleswig“. 

In dieser Funktion erlebt sie zweimal den Besuch von Königin Margrethe und deren Mann, Prinz Henrik. „Es gab ein strenges Protokoll damals, ich musste einen Hut tragen. Na ja, ich hatte noch einen von meiner Silberhochzeit“, erzählt die 88-Jährige lachend. Dazu habe sie ein orangefarbenes Kleid getragen. 

Kristel Thomsen in ihrer Funktion als Vorsitzende (hinten rechts) bei einem Besuch von Königin Margrethe und Prinz Henrik (vorne links)

Angesicht der klaren und detailreichen Erinnerungen verwundert es umso mehr, dass auch Kristel Thomsen ihre Geschichte bislang nicht erzählt hat. Nicht den Töchtern. Nicht den Enkelkindern. Auch anderen Frauen nicht. „Es war einfach kein Thema.“ 

Sie habe Glück gehabt, sagt Kristel Thomsen. Ihre Geschichte zeigt: Es gibt Ausnahmen von dem teils kollektiven Empfinden der nordschleswigschen Frauen in der Nachkriegszeit. 

 „Danke, dass ihr da wart. Es war schön, Gesellschaft zu haben“, verabschiedet sie sich nach gut zweieinhalb Stunden Gespräch. Ilse Friis wiederum geht mit neuen Recherchen nach Hause. Von einer Zeitzeugin, von denen es immer weniger gibt.