Ostseeküste

Kirche am Abgrund in Neukirchen: Droht ihr das Schicksal der Villa Seeblick?

Die Kiche von Neukirchen – ein Ort der Integration wird irgendwann den Fluten zum Opfer fallen.

Die Kirche in Neukirchen ist durch ihre Lage eine der schönsten ihrer Art in SH. Dass sie so nah an der Steilküste steht, beschäftigt nicht nur die Menschen im Dorf.

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Zusammenfassung

  • Die Kirche in Neukirchen steht malerisch an der Steilküste, ist aber durch die fortschreitende Erosion langfristig bedroht.
  • Fachleute erwarten wegen Meeresspiegelanstieg und Küstenrückgang in 50 bis 100 Jahren mögliche Schäden, kurzfristig jedoch noch keine akute Gefahr.
  • Aufwendige Küstenschutzmaßnahmen wären teuer und komplex, während in der Gemeinde über den Erhalt oder ein mögliches Aufgeben des Standorts diskutiert wird.

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Neukirchen hat ein Gotteshaus in Traumlage. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Gebäude ein gutes Stück von der Steilküste entfernt erbaut – und mit Blick über die Förde bis nach Sonderburg in Dänemark. Es war und ist ein sehr ungewöhnlicher Standort für diese mit 404 Jahren vergleichsweise junge Kirche in Angeln.

Diese einzigartige Lage macht das weiße Gemäuer heute bei Besuchern attraktiv, doch irgendwann wird ihr der Standort zum Verhängnis werden. Nur ein paar Reihen hoher Bäume beschützen das Gotteshaus vor dem Haff. Die Frage ist: Muss man die Kirche in einigen Jahren aufgeben?

Ostsee frisst im Schnitt einen Meter in drei Jahren

Seit Jahren steht das kirchlich noch intensiv genutzte Gebäude unter der Beobachtung des Landesministeriums für Umwelt. Das Land errechnete 2009 den durchschnittlichen Küstenrückgang seit dem 19. Jahrhundert, er liegt bei 38 cm pro Jahr. Als shz 2014 von der „Kirche am Rande des Abgrunds“ berichtete, lag das Gotteshaus etwa 20 Meter von der Steilküste entfernt – und 50 Meter vom Ostseewasser.

Der damalige Küster Peter-Christian Carstensen machte sich große Sorgen, dass der Hang in naher Zukunft abrutscht. Heute sagt der Ur-Neukirchener: „Jetzt liegt der Abstand wohl bei 19 Metern. Wenn da einer von den großen Bäumen runterbricht, ist noch ein Meter weg, so einfach kann man das wohl sagen.“

Der Abstand schrumpft: Die Zukunft der Kirche steht in den Sternen.

Küstenschutz an der Kirche ist ein altes Thema

Das Thema Küstenschutz ist in Neukirchen ein Dauerthema seit Generationen. Um den Hang an der Kirche zu festigen, wurden vor vielen Jahrzehnten Bäume gepflanzt. Unten am Ufer gibt es seit den 1930er-Jahren Buhnen, die das Abtreiben des Strandsandes bremsen sollten, nun aber sind sie verfallen und fast ohne Wirkung. Früher hatte man die Bäume bewusst kurzgehalten, durch ihr Gewicht könnte die Küste jetzt instabil werden, meint Carstensen.

Hans-Peter Hennings vom Kirchengemeinderat Quern kennt die Stelle auch seit fast 50 Jahren. Beruflich wie privat beschäftigt er sich intensiv mit dem Wandel der Küstenlinie an der Flensburger Förde. Auch er teilt die Befürchtung, dass die Kirche irgendwann weichen muss, mahnt aber, die Sache nicht nur emotional, sondern zeitlich und räumlich weitergefasst, mehr auch datenbasiert zu betrachten: „Diese Vorstellung, dass der Strand immer so aussah wie jetzt, ist falsch, das kann man gut auf alten Karten sehen.“

Der drohende Meeresspiegelanstieg von laut Weltklimarat 30 bis 90 Zentimetern bis zum Jahr 2100 müsse berücksichtigt werden. Man müsse entlang der gesamten Ostseeküste die Frage der Anpassung stellen und bestimmte Bereiche auch aufgeben. Die Schäden und Deichüberschwemmungen des Hochwassers 2023 seien dabei ein wichtiger Warnruf gewesen. Was damals an Deichen und Steilküsten passierte, sei für Fachleute keine Überraschung gewesen, sondern bereits auf den Hochwasserrisiko-Warnkarten des Landes verzeichnet gewesen, sagt Hennings.

Hennings’ Prognose für Neukirchen: „Die Ostseeküste wird in 50 Jahren völlig anders aussehen als heute, denn der Meeresspiegel steigt. Es ist also möglich, dass es in 50 bis 100 Jahren Beschädigungen am Gebäude geben wird.“ Dass es schneller geht, sei möglich, aber nach Einschätzung der Fachbehörden des Landes wird die Kirche „in den nächsten zehn bis 15 Jahren keinen Schaden nehmen.“

Kann die Kirche in Neukirchen gerettet werden?

Großräumige Küstenschutzmaßnahmen wären nötig, um die Lebensdauer der Kirche zu verlängern. „Man könnte eine Spundwand von Flensburg bis Fehmarn bauen und die Küstenlinie so, wie sie war, aber das will niemand“, sagt Hennings überspitzt und weist auf den wilden wie einzigartigen Naturstrand mit hinuntergebrochenen Bäumen unterhalb der Kirche.

Die Frage, wie es mit dem Gebäude bei einer kritischen Entwicklung weitergeht, beschäftigt viele, eine einfache Antwort gibt es jedoch nicht. Umweltministerium und Landesbetrieb für Küstenschutz waren vor vier Jahren schon in Neukirchen vorstellig, Positionen wurden ausgetauscht. Lässt man das Gemäuer eines Tages fallen oder lohnt es sich, große Küstenschutzmaßnahmen in Angriff zu nehmen? Dazu gibt es auch in der Gemeinde ganz verschiedene Einstellungen.

Steilküsten gelten im Grundsatz der aktuellen Politik als Ausgleichsküsten, Schutzmaßnahmen wie etwa Buhnen oder größere Bauwerke sind nur in Ausnahmefällen zulässig. Was in Neukirchen zur Wahrung in Gang gesetzt werden müsste, wäre laut Hennings nicht nur eine millionenschwere finanzielle Anstrengung, sondern auch ein hochkomplexes Unterfangen.

Schließlich hätte jeder Eingriff zum Schutz lokaler Punkte Auswirkungen auf die Bereiche links und rechts der Kirche, wo dann größere Landverluste drohten. Und durch den Meeresspiegelanstieg werde die Rechnung noch schwieriger.

Die Kirche hat noch Glück, denn die Landverluste in der Umgebung fallen ungleich größer aus, wie Carstensen eindringlich an einem Beispiel in einem Kilometer Entfernung festmacht: „Als mein Vater 1965 im Rahmen der Flurbereinigung Fläche tauschen sollte, kriegten wir Ackerland direkt am Wasser – und deshalb gleich einen halben Hektar mehr. Jetzt ist ebendiese Zusatzfläche Wasser, oder besser gesagt Land, das ich nicht mehr verpachtet bekomme.“ Und ergänzt: „Hätte die Kirche da gestanden, wäre sie schon längst weg!“

Aber noch steht sie dort, wenn auch der Zahn der Zeit an ihrem zehn Meter hohen Landsockel nagt, den die Bäume hoffentlich noch lange zusammenhalten. Wenn es brenzlig wird, da ist sich Carstensen sicher, wird die Politik auch Maßnahmen ergreifen, um die Kirche zu retten. Der finanzielle Aufwand wäre jedoch enorm.