Geschichte

Wie ein halber Brief von Winston Churchill in Tondern landete

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Die eine Briefhälfte und der Zeitungsartikel erinnern an den Abstecher nach Großbritannien, den Irmgard Torkildsen 1957 unternahm.

Ein unvollständiges Schriftstück gehört zu den kuriosen Sachen im lokalhistorischen Archiv in Tondern. Britta Bargfeldt ist in die Geschichte des Dokuments eingetaucht.

„Das ist ja lustig. Die Geschichte ist mir neu“, sagt die Tonderanerin Ilse Christensen, als sie in der Lokalredaktion des „Nordschleswigers“ in Tondern einen lokalhistorischen Beitrag liest, in dem ihre Tante Irmgard eine Rolle spielt.

Dabei geht es um die Hälfte eines Briefs, den Winston Churchill im Januar 1957 auf seinem Landsitz Chartwell, in der Nähe von Westerham in der Grafschaft Kent im Südosten Englands, geschrieben hat.

Der halbe Brief mit der Unterschrift und ein Zeitungsartikel haben neuerdings beim lokalhistorischen Archiv in Tondern ihren Platz gefunden. Dort hat sich Britta Bargfeldt der Sache angenommen.

„Die Weltgeschichte kommt nach Tondern“

„Mein erster Gedanke war, dass die Weltgeschichte auf diese Art nach Tondern kommt“, sagt Britta Bargfeldt. Sie engagiert sich ehrenamtlich im lokalhistorischen Archiv in Tondern und nahm verschiedene Sachen in Empfang, die Jørgen Bendorff aus Tondern abgegeben hatte.

Darunter waren die eine Briefhälfte und ein Zeitungsartikel, die Irmgard Torkildsen, geborene Christiansen aus Tondern, ihrem Nachbarn übertragen hatte. Irmgard Torkildsen, die im April 2024 im Alter von 87 Jahren starb, hatte ihm auch erzählt, wie sie zu dem Brief gekommen war.

Jørgen Bendorff ist nicht nur lokalhistorisch interessiert, sondern hat auch durch viele Jahre am Åvej in Tondern ein kleines privates Museum gehabt. Seine umfassende Sammlung mit Exponaten aus dem Ersten Weltkrieg übertrug er vor fünf Jahren der Sonderburger Abteilung des nordschleswigschen Museumsverbands Museum Sønderjylland.

Eine vornehme Anlaufstelle

Britta Bargfeldt hat sich der Angelegenheit mit dem Churchill-Brief angenommen.

Irmgard Christiansen wuchs in Tondern mit neun Geschwistern auf. Als junge Frau machte sie sich gemeinsam mit ihrer Freundin nach Großbritannien auf, um Englisch zu lernen.

Ihr Ziel war das vornehme Internat Harrow School in London. In der bereits 1572 gegründeten Einrichtung wurden Jungen im Alter von 13 bis 18 Jahren unterrichtet.

Zu den namhaften Personen, die dort ihre Schulzeit verbrachten, gehörte Winston Churchill, der 1888 als 13-Jähriger dort anfing, wie Britta Bargfeldt in einem Beitrag in einer Publikation des Lokalhistorischen Vereins schreibt. Irmgard und ihre Freundin waren dort als Helferinnen tätig.

Der Staatsmann war seiner Schule verbunden

Die junge Irmgard im Jahr bevor sie nach England ging.

Churchill war sein Leben lang seiner alten Schule verbunden. In dem besagten Brief dankte er für die Einladung zu dem besonderen Musikereignis „Songs“. An dieser traditionsreichen Veranstaltung nahm er dann im Oktober 1957 teil, wie aus dem Zeitungsartikel hervorgeht.

Churchill gilt als bedeutendster britischer Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Winston Churchill war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 Premierminister. Er starb im Januar 1965 im Alter von 90 Jahren.

Gute Erfahrungen mit Tonderanerinnen

Irmgards Schwester Erkel Williams, die in Kopenhagen lebt, erinnert sich, dass Irmgard und ihre Freundin Doris Klüwer als Au-pairs des Headmasters der damaligen Eliteschule nach England gingen.

Zwei Vorgängerinnen aus der Wiedaustadt hatten sie für diese Aufgabe empfohlen. „Angeblich wollte man wegen guter Erfahrungen in dem Internat gerne Mädchen aus Tondern haben“, schreibt auch Britta Bargfeldt.

Erkel Williams wundert sich rückblickend, dass ihre Schwester vor 67 Jahren überhaupt vom Vater die Erlaubnis bekam, nach England zu reisen, da er immer sehr auf seine Töchter achtgab.

Ihren Informationen zufolge wirkten Irmgard und Doris an der Internatsschule, als Churchill die Einrichtung 1957 besuchte. Offenbar haben die zwei jungen Frauen den prominenten Gast aber nicht persönlich getroffen.

Was der Papierkorb hergab

Churchill schrieb den Brief auf seinem Landsitz in der Grafschaft Kent.

„Die Schule hatte eine feste Regel, dass alle Briefe des Staatsmannes zerrissen und in den Papierkorb gelegt werden sollten. Es gehörte zu den Aufgaben der Stubenmädchen, diesen zu entleeren. Die zwei Nordschleswigerinnen umgingen aber die Regel und schnappten sich den Briefschnipsel“, schreibt Britta Bargfeldt.

„Wir wissen nicht, ob die Mädchen den Brief damals in zwei Hälften geteilt haben“, erzählt sie.

Erst Kopenhagen, dann Norwegen

Umständehalber währte Irmgard Torkildsens Aufenthalt nur kurz. Sie erkrankte schwer an einer Leberentzündung und musste nach einem Krankenhausaufenthalt bereits nach drei Monaten die Heimreise antreten. Nach ihrer Genesung arbeitete sie nachfolgend als Bürokraft in Kopenhagen und später in Norwegen, wo ihre Deutschkenntnisse gefragt waren.

Sie heiratete einen Norweger und baute ein Gartencenter auf. „Tante Irmgard kehrte vor etwa 20 Jahren nach Tondern zurück“, berichtet ihre Nichte Ilse Christensen.

Ein ungewöhnliches Erinnerungsstück

Irmgard Torkildsen in ihrem Wintergarten am Åvej in Tondern. Sie starb im April 2024 im Alter von 87 Jahren.

Nun erinnern das Dokument und der Zeitungsartikel in den Regalen im lokalhistorischen Archiv an ein Erlebnis aus der Jugend der gebürtigen Tonderanerin.

„Es ist schon ein etwas ungewöhnliches Objekt. Schön, dass Irmgard Torkildsen daran gedacht hat, es Jørgen Bendorff zu geben, sodass das Dokument erhalten bleibt“, so Britta Bargfeldt, die von 1994 bis 2005 das lokalhistorische Archiv in Tondern leitete.

„Ich komme immer noch ein paarmal in der Woche hier her, und es gefällt mir, dass ich mich als Rentnerin nützlich machen kann“, sagt sie mit einem Lächeln.