Jollmands-Gaard-Museum

So sah der Alltag auf dem Insel-Bauernhof aus

So sah der Alltag auf dem Insel-Bauernhof aus

So war der Alltag auf dem Insel-Bauernhof

Holm
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Gerade im Winter lässt sich erleben, wie hart der Alltag in den vergangenen Jahrhunderten auf dem Bauernhof gewesen sein muss. Foto: Sara Wasmund

Die Knechte schliefen in einer Kammer neben dem Stall, und die Toilette stand im Wohnzimmer: Der Hof Jollmands Gaard auf der Insel Alsen zeigt, wie hart der Alltag auf einem Bauernhof in früheren Zeiten war. Eine Stiftung hat den Hof über Jahrzehnte renoviert – und freut sich auf Besucher nach der Corona-Krise.

„Wir sind bereit und können es gar nicht abwarten, endlich wieder Führungen zu machen und den Leuten den Hof zu zeigen!“ Margrethe Andersen ist pensionierte Lehrerin und sitzt im alten Schweinestall, der früher außerdem als Backhaus und Werkstatt diente.

Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Stiftung Jollmands Gaard und des Freundeskreises hat es sich Margrethe Andersen zur Aufgabe gemacht, Besuchern zu vermitteln, wie das Leben auf einem alten Insel-Bauernhof in den vergangenen Jahrhunderten ausgesehen hat.

Das Backhaus war deutschen Vorschriften geschuldet

Schweine und Feuerstelle sind längst verschwunden, stattdessen stehen Tische und Stühle in dem Raum, der nun für Sitzungen und Veranstaltungen genutzt wird. 2018 konnte das im Laufe der Jahrhunderte zerfallene Backhaus neu errichtet und eingeweiht werden.

Dass es überhaupt ein Backhaus gibt, erzählt übrigens ein Stück deutsch-dänische Geschichte: Nachdem Nordschleswig, und somit auch die Insel Alsen, 1864 zu einem Teil Preußens wurde, verlangten die neuen Sicherheitsbestimmungen, brandgefährliche Feuerstellen aus dem Wohnhaus zu verbannen. Deutsche Vorschriften eben.

Schlafzimmer gab es damals noch nicht: Links die Schlafkoje und hinten im Bild die gute Stube Foto: Sara Wasmund

Seit 1997 setzen sich lokale Bürger für den Erhalt des alten Hofes ein, der über zehn Generationen lang im Besitz der Familie Jollmand war und dessen Entstehungsgeschichte bis ins 15. Jahrhundert reicht. Bis zuletzt, als der letzte Besitzer Peter Petersen Jollmand mit weit über 90 Jahren im Pflegeheim verstarb – und seinen mittlerweile verfallenen Hof einer Stiftung vermachte.

Die Backstelle im Haus – hier wurden auf einen Schlag bis zu 40 Brote gebacken. Foto: Sara Wasmund

Seitdem haben Bürger vor Ort Tausende Stunden ihrer Freizeit in Wiederherstellung, Führungen und Vorstandssitzungen investiert. Das Ergebnis ist eine Perle von einem Fachwerkhof, mit neuem Reetdach, frisch gestrichenen Wänden und einem Vereinshaus im alten Backhaus, in dem die Zentralwärme Einzug erhalten hat.

„Wenn die Besucher im Sommer kommen, denken viele, wie romantisch und idyllisch es damals gewesen sein muss. Aber gerade jetzt im Winter spürt man, wie kalt und hart es gewesen ist“, sagt Stiftungsmitglied Christen Jessen.

Feuerstelle statt Herd

Das Wohnhaus des Jollmands Gaard ist ebenso wie Stall und Scheune als Museum eingerichtet. Besucher können durch die Haustür in alte Zeiten eintreten. Winzige Schlafkojen, die an Schränke erinnern.

Eine Toilette mitten im Wohnzimmer. Feuerstelle statt Herd und eine „gute Stube“ mit großen Holztruhen, die einer Eiskammer gleicht. Der Steinboden ist kahl und kalt, Teppiche gab es damals noch nicht. Und spätestens beim Blick in die karge und bitterkalte Knechtkammer direkt neben dem Viehstall wird dem Besucher bewusst, in welchem Luxus man anno 2021 lebt.

In dieser Kammer neben dem Stall haben die Knechte gewohnt. Foto: Sara Wasmund

Peter Jensen ist Vorsitzender des Unterstützervereins und zeigt Besuchern, wie hart die Arbeit rund um den Hof früher war. In einem Ausstellungsraum stehen und hängen die alten Arbeitsgeräte von damals – auch die alte Wasserspritzpumpe, mit der bis 1954 die lokale Feuerwehr im Einsatz war.

„Wir haben alle Arbeitsgeräte renoviert und gepflegt“, sagt Peter Jensen, und zeigt die Werkzeuge und Maschinen, die heute kaum noch jemand kennt. Vom Distelstecher und Mörtelmischer über den alten Fordson-Trecker (aus Detroit importiert!), den Milchwagen bis hin zum Pferde-Pflug zum Umgraben des Ackers.

Der letzte Bewohner des Hofes: Peter Petersen Jollmand Foto: Sara Wasmund

Viele der rund 15 Mitglieder des Vereins sind jede Woche auf dem Jollmands Gaard in Aktion. Entweder mit Renovierungs- und Instandhaltungsarbeiten oder mit Führungen. Hauptsaison für Rundtouren ist in den Sommermonaten zwischen Juni und September. 2020 hatte der Hof im Juli jeden Tag geöffnet. Doch auch kurzentschlossene Besucher können über einen Anruf relativ spontan eine Führung erhalten.

„In 2020 hatten wir rund 1.500 Führungen, größere und kleinere“, sagt Christen Jessen. Ob man zu zweit oder als Gruppe kommt, macht dabei keinen Unterschied. Erwachsene zahlen 40 Kronen, Kinder laufen gratis mit.

Das 2018 eingeweihte Backhaus der Hofanlage Foto: Sara Wasmund

Auch deutsche Touristen haben den Jollmands Gaard für sich entdeckt, viele Segler besuchen den Hof, solange sie in der Bucht von Düwig (Dyvig) liegen. Und längst kommen Reisegruppen aus dem ganzen Land, um sich das Leben auf dem Bauernhof anno dazumal anzuschauen.

„Ob die Führungen eine halbe Stunde oder zwei Stunden dauern, hängt ganz von der Fragelust der Besucher ab“, lacht Margrethe Andersen. Auch Schulklassen und Kindergartenkinder kommen zum Ausflug auf den Jollmands Gaard.

Verkauf von geschreinerten Schemeln

Versicherung fürs Reetdach, Heizen und Strom – allein der Betrieb des Hofes benötigt im Jahr mindestens 75.000 Kronen. Das Eintrittsgeld trägt einen Teil der Kosten, zudem unterstützt die Kommune Sonderburg den Jollmands Gaard seit Kurzem mit 40.000 Kronen jährlich.

Eine weitere Einnahmequelle ist der Verkauf von selbst geschreinerten Stelzen und Schemeln im alten Stil – 8.000 Kronen hat der Verein dadurch im vergangenen Jahr verdient.

Der alte Stall mit den originalen Steinen als Bodenbelag Foto: Sara Wasmund

„Nun hoffen wir, dass wir bald wieder Führungen durchführen können, einige Termine für Januar und Februar mussten wir wegen der Restriktionen schon absagen. Wir hoffen wirklich darauf, dass wir bald wieder öffnen können. Wir sind sowas von startbereit“, sagt Christen Jessen.

Bis es so weit ist, treffen sich die Mitglieder jeden Sonnabend zum Arbeitseinsatz auf dem Hof. Regale aufhängen, sauber machen, Schemel bauen und das Jahresprogramm planen – es gibt immer etwas zu tun. „Das hier ist einfach unser zweites Zuhause“, lacht Erik Sarsgaard, der sich um die Finanzen des Hofbetriebs kümmert.

„Es ist einfach eine große und faszinierende Aufgabe, den Menschen zu vermitteln, wie das Leben auf einem Bauernhof auf Nordalsen war. Damit bewahren wir ja auch ein Stück von unser eigenen Geschichte“, sagt Christen Jessen.

Damals kam die Milch noch nicht aus dem Supermarkt, sondern in großen Kannen auf dem Milchwagen direkt von den Bauernhöfen. Foto: Sara Wasmund

Das Projekt Jollmands Gaard

  • Die Geschichte der Hofanlage im Norden der Insel Alsen (Als) geht bis ins 15. Jahrhundert zurück.
  • Das Hauptgebäude besteht aus dem „Hakenhof“ – eine Bauart, die in der Zeit um 1790 typisch für die Insel Alsen war. Der Hakenhof beinhaltet und verbindet Wohnhaus, Stall, Getreidelager und Scheune miteinander.
  • Als der letzte Hofbesitzer, Peter Petersen Jollmand, 1999 verstarb, vermachte er seinen Hof der Stiftung Jollmands Gaard. Der Hof war bereits dabei zu verfallen, als sich lokale Bürger dazu entschlossen, den alten Hof zu retten.
  • Mit vielen Millionen Kronen von der Stiftung Real Dania und von der dänischen Kulturbehörde sowie Geldern von vielen lokalen Sponsoren jollmandsgaard.dk konnte der Jollmandsgaard durchrenoviert werden.
  • Neben dem Hauptgebäude konnten so auch das Backhaus und das Karunkel, der Kartoffelkeller südlich des Hofes, wieder aufgebaut werden.
  • Hier stehen die genauen Öffnungszeiten sowie die Ansprechpartner für Führungen: jollmandsgaard.dk
Drei Ehrenmitglieder des Fördervereins: Aage Johansen, Vorsitzender Peter Jensen und Christian Philipsen. Foto: Jolmands Gaard
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Leitartikel

Paul Sehstedt
„Ein Akt der Einsicht“