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Büchereien: Hadersleben gibt am wenigsten pro Kopf in ganz Dänemark aus

Büchereien: Hadersleben gibt am wenigsten pro Kopf in ganz Dänemark aus

Büchereien: Hadersleben gibt am wenigsten pro Kopf aus

Apenrade/Hadersleben
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Das Foyer des Kulturhauses Bispen in Hadersleben, in dem sich bisher die dänische Bücherei und möglicherweise auch bald die deutsche Bücherei befinden Foto: Ute Levisen

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Der Bibliothekenverband fordert Investitionen. Der lokale Kulturausschuss-Chef beschwichtigt: Die Kommune verfolge ein modernes und umfassendes Konzept. Deutsche Büchereidirektorin: „Von mehr kommt mehr.“

Die Kommune Hadersleben (Haderslev) hat im Jahr 2020 pro Einwohnerin und Einwohner 278 Kronen netto für ihre drei dänischen Büchereien ausgegeben. Damit ist sie das landesweite Schlusslicht.

„Vor den Kommunalwahlen ruft der dänische Bibliotheksverband die Kommunen auf, über Bibliotheken nachzudenken und in sie zu investieren. Das sind wir sowohl der Gesellschaft als auch dem Einzelnen schuldig“, sagt der Verbandsdirektor Michel Steen-Hansen auf Nachfrage des „Nordschleswigers“.

Michel Steen-Hansen
Der Direktor des dänischen Büchereiverbandes DB, Michel Steen-Hansen (Archivfoto) Foto: DB

Er räumt allerdings ein, dass man die „Qualität des Bibliotheksangebots nicht eindeutig aus den Ausgaben bestimmen“ könne. Doch „wir müssen wohl schlussfolgern, dass es einen Zusammenhang gibt. Auch wenn man nicht eins zu eins auf zum Beispiel die Ausleihe schließen kann, kann man in der allgemeinen Statistik einen Zusammenhang nachweisen“, so Steen-Hansen.

Deutsche Büchereidirektorin: „Von mehr kommt mehr“

Die Direktorin der Deutschen Büchereien Nordschleswig, Claudia Knauer, sieht das ähnlich: „Wie genau Hadersleben seinen Haushalt aufstellt und was mit hineinfließt, vermag ich nicht zu sagen. Aber es ist die Tendenz in ganz Dänemark, dass Bibliotheken und Kulturhäuser unter derselben Leitung stehen, zum Beispiel auch in Apenrade, wenn auch nicht in derselben Immobilie. Bei aller unterschiedlichen Berechnung fällt es mir schwer, nicht einen Zusammenhang zwischen Bibliotheksausgaben und -aufgaben zu sehen. Ich kann Michel Steen-Hansen nur beipflichten, von mehr kommt mehr.“

Gladsaxe gibt dreimal mehr pro Kopf aus

Hat die Kommune Hadersleben mit ihren 278 Kronen pro Kopf also tatsächlich ein spürbar schlechteres Angebot als der Landesschnitt mit 434, die Kommune Sonderburg (Sønderborg) mit 501 oder gar die Kommune Gladsaxe bei Kopenhagen mit 821 Kronen pro Kopf?

Wir arbeiten mit einem Kulturhauskonzept, während andere mit einer traditionellen Bibliothek arbeiten.

Kjeld Nørmark Thrane

Kjeld Nørmark Thrane (Kons.), Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Freizeit im Haderslebener Stadtrat, sieht das nicht so. Er führt aus: „Es ist schwierig, die Zahlen zu vergleichen, da jede Gemeinde die Aufgabe anders löst. So haben wir beispielsweise einige Kosten, wie Licht, Miete und Heizung, zentralisiert, während andere diese Kosten dezentralisiert haben.“

Zudem sei das Angebot, das die Kommune ihren Bürgerinnen und Bürgern mache, strukturell ganz anders als andernorts. „Wir arbeiten mit einem Kulturhauskonzept, während andere mit einer traditionellen Bibliothek arbeiten – das wiederum hat Auswirkungen auf die Buchhaltung. Das heißt, sie sind nicht in unseren Bibliotheksausgaben enthalten. Das macht es schwierig, die Zahl der Kronen von einer Gemeinde zur anderen zu vergleichen.“

Die Kosten sind also da – aber es ist die Frage, wie sie in den kommunalen Haushalt einfließen.

Kjeld Nørmark Thrane, konservativer Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Freizeit in Hadersleben (Archivfoto) Foto: Timo Battefeld/Jysk Fynske Medier/Ritzau Scanpix

Kjeld Nørmark Thrane: Finanzieller Spielraum ist da

Thrane führt als Argument für seine Kommune zudem eine Untersuchung im Auftrag der Kulturbehörde aus dem Jahre 2016 auf, wo Hadersleben bei der Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer im Landesschnitt landete. Der Aussage, die Büchereien in Hadersleben seien ein guter Treffpunkt, stimmten dabei nur wenige zu – wobei sie diesen Punkt als besonders wichtig erachteten. „Eine kommende Untersuchung würde hier ein anderes Bild zeigen“, ist sich Thrane sicher.

Hadersleben sichere den Büchereien genügend finanziellen Spielraum für zukünftige Entwicklungen, meint der Politiker. Er nennt ein Beispiel: „Unser Kulturhaus spielt eine aktive Rolle bei der Aktivierung der Altersgruppe 65+. Hier wurden der SP (Schleswigsche Partei, Red.) im Haushalt Mittel für die Aktivierung älterer Bürger zugewiesen, wobei ein Teil der Mittel in die physische Aktivierung floss im Programm ‚Haderslev i Bevægelse‘.“

Im Ausschuss für Kultur und Freizeit sei viel darüber diskutiert worden, was Bewegung ist. „Ist sie nur körperlich? Hier haben wir uns darauf geeinigt, Kultur aktiv zu nutzen, wobei das Kulturhuset ein wichtiger Akteur ist. Das alles steht auch im Zusammenhang mit den Bemühungen um einsame ältere Menschen.“

Büchereiverband fürchtet langsamen Tod der Bibliotheken

Die Kommune Hadersleben denkt Büchereien also in einem ganzheitlichen Sinne. Einerseits entspricht das genau dem, was der Büchereiverband selbst fordert. Andererseits wird es so schwer, die Ausgaben für die öffentlichen Büchereien zu kontrollieren.

Für Michel Steen-Hansen ist das, ohne sich speziell auf Hadersleben beziehen zu wollen, eine generelle Gefahr: „In Dänemark gibt es keine feste Untergrenze für die Höhe der Haushaltsmittel für Bibliotheken in den Kommunen, die durch ein Rahmengesetz geregelt ist. Und es besteht kein Zweifel daran, dass sich einige Kommunen der Schmerzgrenze nähern oder sie bereits überschritten haben.“

Leseförderung kostet, Anschaffung von Medien kostet. Daran ändern Kulturzentren nichts.

Claudia Knauer

Er macht sich Sorgen über einen langsamen Tod: „In einigen Kommunen gab es auch große öffentliche Proteste, als versucht wurde, Bibliotheken zu schließen, während in anderen die Situation ruhiger war, da das Gebiet langsam ausgehungert wurde. Wir befürchten, dass dies sowohl die Lust am Lesen beeinträchtigt mit allem, was dazugehört, als auch den Wunsch der Bürgerinnen und Bürger nach Teilhabe am Gemeinwesen, von dem die Bibliothek als letzter nichtkommerzieller Treffpunkt in vielen Gemeinden auch lebt.“

Büchereidirektorin Claudia Knauer Foto: Karin Riggelsen

Welch wichtige Rolle Büchereien spielen können, unterstreicht Claudia Knauer: „Wenn wir mit den Büchereien nicht dazu beitragen, Kinder in ihrem Lesenlernen zu unterstützen und die Freude am Lesen zu fördern, dann haben wir langfristig wirklich Probleme. Es ist kaum zu glauben, aber es gibt nicht wenige Schülerinnen und Schüler höherer Klassen, die nicht verstehend lesen können, vom Erkennen von Fake News wollen wir gar nicht sprechen“, sagt sie.

„Leseförderung kostet, Anschaffung von Medien kostet. Daran ändern Kulturzentren nichts“, so Knauer. „Aber tatsächlich kann räumliche Nähe in einem Zentrum für alle Seiten hilfreich sein, vor allem wenn es um die weiteren Aufgaben der Bibliotheken geht: kulturelle Bildung und Beförderung des demokratischen Diskurses, wobei sich ein Kreis schließt. Aktiv am demokratischen Leben mitwirken können nur die, die lesen können“, führt sie aus.

Stimmige Konzepte statt Sparübung

Die Büchereidirektorin warnt davor, Kulturhäuser als Sparübung zu betrachten. Konzepte müssten stimmig sein, dann würden auch die Entleihzahlen in den Büchereien wieder steigen. Einrichtungen wie die Kulturinsel Middelfart machten es vor.

Und gehört zu einem stimmigen Konzept für ein Kulturhaus in Nordschleswig auch eine deutsche Bücherei? Claudia Knauer findet das – allerdings: „Wie gesagt: Das wäre niemals eine Sparübung. Und da die Kommune für uns nichts bezahlt, kann sie auch nichts sparen. Sie würde allerdings gewinnen, wenn wir, wie in Sonderburg, in der Kommune noch sichtbarer würden.“

Es ziehen übrigens ressourcenstarke Bürger, die viel Steuern zahlen, eher in Kommunen mit gutem kulturellen Angebot.

Claudia Knauer

Dafür seien allerdings gewisse Voraussetzungen notwendig. „Wir können nicht irgendwo Appendix sein. Aber wir wollen gerne all unsere Kompetenz einbringen. Dadurch dass wir in der Haderslebener Filiale Info-Point für Touristen geworden sind, sind wir schon einen Schritt in die richtige Richtung gegangen“, sagt Knauer. Und sie hat viele Ideen, wie durch eine räumliche Zusammenarbeit ein Mehrwert für die Besucherinnen und Besucher entstehen könnte.

Deutsche Büchereien in Nordschleswig

Standorte:

  • Apenrade (Aabenraa, Zentralbücherei)
  • Haderlseben (Haderslev)
  • Sonderburg (Sønderborg)
  • Tingleff (Tinglev)
  • Tondern (Tønder).
  • Außerdem gibt es zwei Fahrbüchereien für die ländlichen Räume.

Der Verband beschäftigt 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Direktorin ist Claudia Knauer.

Die deutschen Büchereien werden nicht von den Kommunen in Nordschleswig finanziert. Ihre Mittel kommen zu einem Drittel aus dem dänischen Staatshaushalt, was im Bibliotheksgesetz verankert ist. Der Rest kommt aus Bundes- und – in sehr geringem Maße – aus Landesmitteln (Schleswig-Holstein).

„Wir könnten uns auch Erzählwege auf Deutsch und Dänisch in der Stadt vorstellen oder ein Kulturband. Also nichts mit Sparen, sondern mit mehr Investition in Kultur und Sprache – zum langfristigen Nutzen aller. Es ziehen übrigens ressourcenstarke Bürger, die viel Steuern zahlen, eher in Kommunen mit gutem kulturellen Angebot. Auch dazu gibt es Untersuchungen, die das belegen“, sagt sie.

Es reicht nicht aus, ein Buch ins Regal zu stellen oder ein E-Book auf die Webseite zu stellen.

Michel Steen-Hansen

Steen-Hansen: Investieren – auch in Personal

Und Steen-Hansen schlägt in dieselbe Kerbe: Dort, wo besonders viel Geld für Büchereien ausgegeben wird, damit sie nicht im Gesamtangebot untergehen, würden sie auch mehr genutzt, sagt er. „Deshalb müssen wir investieren und uns gleichzeitig stark auf die Vermittlung konzentrieren. Es reicht nicht aus, ein Buch ins Regal zu stellen oder ein E-Book auf die Website zu stellen, sondern es bedarf einer aktiven Verbreitung, und dafür sind sowohl eine Strategie als auch Personal erforderlich“, so der Verbandschef.

Die Finanzierung pro Kopf sei also durchaus wichtig – aber nicht immer vergleichbar – und sie entscheide nicht alleine über den Erfolg von Büchereien, sind sich der Verbandsdirektor, die Büchereidirektorin und der Lokalpolitiker einig.

Es sei wichtig, immer daran zu denken, „dass es viele Möglichkeiten gibt, die Bibliothek zu nutzen, dass aber alle zusammen dazu führen, dass wir mehr lesen und letztlich engagiertere Bürger sind“, so Steen-Hansen.

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