ECMI in Flensburg

„Die Minderheit wird heute anders wahrgenommen“

„Die Minderheit wird heute anders wahrgenommen“

„Die Minderheit wird heute anders wahrgenommen“

Flensburg/Flensborg
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Vello Pettai
Vello Pettai ist seit 2020 Direktor des Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen (ECMI) in Flensburg. Foto: Lana Riedel

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Deutsch-dänisches Grenzland: Was können andere von hier lernen – und welchen Einfluss haben die Minderheiten in der Region? Eine neue Forschungseinheit in Flensburg soll das und mehr beleuchten. ECMI-Direktor Pettai nennt Details.

Das Zusammenspiel der Minderheiten und Mehrheiten im deutsch-dänischen Grenzland ist ein internationales Vorbild. Doch es existiert nicht losgelöst von der nationalen und internationalen Wirklichkeit – im Gegenteil. Es entwickelt sich weiter, sagt Vello Pettai, Direktor des Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen (ECMI) in Flensburg.

Am ECMI soll eine neue Forschungseinheit nun nicht nur den aktuellen Stand dokumentieren – sondern auch aufzeigen, welche Lehren Regierungen und andere Regionen aus dem ziehen können, wie in Dänemark und Deutschland Minderheitenpolitik gelebt wird.

Der gebürtige US-Amerikaner Pettai, der estnische Wurzeln hat und seit März 2020 das ECMI leitet, beantwortete dem „Nordschleswiger“ dazu einige Fragen.

Herr Pettai, warum kommt eigentlich erst jetzt eine Einheit im ECMI, die sich mit der Region befasst, in der das Zentrum seinen Sitz hat?

Der Grundgedanke des ECMI war schon immer, die positive Minderheiten-Mehrheiten-Situation an der deutsch-dänischen Grenze in die Welt bzw. nach Europa hinauszutragen. Dabei diente die deutsch-dänische Grenzregion als Best Practice Modell, welches in Bezug zu anderen Minderheiten-Mehrheiten-Situationen in Europa gestellt wurde, um so positive Einflussfaktoren ermitteln zu können – mit dem Ziel diese letztendlich auf verschiedene europäische Minderheiten-Mehrheiten-Situationen und -Konflikte übertragen zu können.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich hier enorm viel getan.

Vello Pettai

Deshalb lädt das ECMI bereits seit vielen Jahren Delegationen aus Europa ein: Während eines ein- bis zweiwöchigen Aufenthaltes können politische Vertreter und andere Entscheidungsträger unsere Grenzregion besuchen, Grenz- und Minderheiteninstitutionen kennenlernen und einiges über Minderheitenrechte und Minderheitenorganisation erfahren.

Doch auch die Minderheiten-Mehrheiten-Situation, die wir hier haben und quasi „bewerben“, ist nicht statisch. In den vergangenen zehn Jahren hat sich hier enorm viel getan.

Können Sie Beispiele nennen? Was hat sich verändert?

Einflussfaktoren wie die Flüchtlingskrise von 2015, die globale Corona-Pandemie und eine komplett veränderte wirtschaftliche Situation (auf beiden Seiten der Grenze) hatten und haben weiterhin einen erheblichen Einfluss darauf, wie sich die Minderheiten beziehungsweise Mehrheiten in unserer Region begegnen, organisieren und wahrnehmen.

Die Menschen leben hier mittlerweile in einem Kontext mit einem viel höheren Anteil an kultureller Vielfalt. Das hat Auswirkungen darauf, wie die Minderheiten von außen wahrgenommen werden, aber auch darauf, wie sich selbst wahrnehmen und definieren.

Gerade in den vergangenen zwei Jahren ist so einiges passiert. Zeitweise konnten Minderheiten noch nicht mal die Grenze passieren – dies beeinflusst nicht nur die praktische Arbeit der Minderheitenverbände, sondern auch das Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl.

Nicht zuletzt muss in dem Kontext erwähnt werden, dass die Minderheiten heute wesentlich besser organisiert sind und gerade die deutschen und dänischen Minderheitenverbände quasi täglich zusammenarbeiten. Diese Phänomene sind aus meiner Sicht sehr spannend, und wir möchten die Minderheiten selbst, aber auch ihr Miteinander gerne genauer untersuchen. Deshalb gibt es diesen neuen Forschungsbereich!

Inwieweit ist die neue Einheit auch dem möglichen Wunsch der Geldgeber geschuldet, die eigene gemeinsame Region zu priorisieren?

Die Initiative für den neuen Forschungsbereich kam ursprünglich von unserem Vorstand und den Mitarbeitern unseres Zentrums. Nachdem die Idee an unsere Gründer herangetragen worden ist, haben diese sehr positiv auf die Idee reagiert und waren bereit, ihren jährlichen Gründungszuschuss um 40 Prozent zu erhöhen: Der Grundstein für den neuen Forschungsbereich war gelegt.

Wir sehen es als unsere Aufgabe an, dass Forschung nah dran ist am Geschehen und auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert. Auch ein Best-Practice-Modell wie unsere deutsch-dänische Grenzregion ist Veränderungen unterworfen, die man im internationalen Vergleich miteinbeziehen muss.

In Sonderburg an der SDU soll ein neuer Master-Abschluss in Politikwissenschaften entstehen. Zugleich gibt es dort weiterhin das Institut für Grenzlandforschung. An der Uni Flensburg wird es einen Minderheiten-Master geben. Sind Synergien und Austausche zu erwarten? Und wie ist dieses Minderheiten-Cluster aus ihrer Sicht inzwischen international zu bewerten?

Die neuen Master-Programme der Region sind vielversprechend und Beweis für den hohen Stellenwert, der Minderheitenforschung inzwischen zukommt. Ich bin mir sicher, dass die neuen Studienangebote auch Studierende ansprechen werden, die nicht unmittelbar aus unserer Region kommen. Das ist ein großes Plus.

Die Idee, Minderheiten-Kompetenz insbesondere bei jungen Menschen zu stärken, halte ich darüber hinaus für sehr sinnvoll. Das ECMI veranstaltet seit 2011 jährlich die Summer School – hier ist auch der Gedanke, dass gerade junge Menschen das Wissen über Minderheiten verinnerlichen, es in ihre Heimatländer hinaustragen, weiter anwenden und weitergeben.

Synergien wären natürlich wünschenswert. Das 100-jährige Grenzjubiläum der deutsch-dänischen Grenzregion ist – obwohl wir Corona hatten – auf sehr viel Interesse (auch international) gestoßen, und der Ministerpräsident erwähnte erst kürzlich, im Rahmen unseres 25-jährigen Jubiläums, dass er die Minderheitensituation, wie wir sie hier haben, als absolut herausragend betrachtet. Dass internationale Besuchergruppen seit vielen Jahren hierherkommen, um sich inspirieren zu lassen, ist kein Geheimnis.

Welche Fragen bezüglich der Minderheiten im Grenzland sind denn noch offen und vom ECMI zu erforschen?

Wie ich bereits erwähnt habe, gab es in den vergangenen Jahren viele gesellschaftliche Herausforderungen und Veränderungen für die Mehrheiten und Minderheiten der Region. Nun gilt es zu erforschen, wie sich die Identität, die Organisation und das Miteinander der Minderheiten dadurch verändert haben.

Gerade der Begriff „Miteinander“ ist in diesem Zusammenhang interessant. Ich bin bereits auf die enge Zusammenarbeit der deutsch-dänischen Minderheit eingegangen: Von einem „Nebeneinander“ wurde ihre Co-Existenz zu einem „Miteinander“ und mittlerweile zu einem „Füreinander“.

Letzteres ist für mich als Minderheitenforscher unglaublich spannend, da es andeutet, dass gerade die Zusammenarbeit der Minderheiten existentiell für ihr Fortbestehen und ihre regionale Wahrnehmung ist. Dem wollen wir gerne genauer auf den Grund gehen.

Stefan Seidler sitzt für den SSW im Bundestag. Ein Beispiel für Pettai, wie weit die Minderheitenpolitik im Grenzland reichen kann (Archivfoto). Foto: Nils Baum

Können Sie eines oder mehrere Beispiele dafür nennen, wie Ergebnisse der Forschung zu deutsch-dänischen Minderheitenfragen praktische Bedeutung in der Region selbst bekommen können?

Wir haben (...) zum Beispiel (...) bereits damit angefangen zu untersuchen, inwieweit die Minderheiten vor Ort auf die regionale Entwicklung einer Region Einfluss haben. Dies macht deutlich, dass Minderheitenforschung und Minderheitenpolitik einen viel größeren Kontext aufweisen, als man als Außenstehender eventuell zunächst annehmen würde. Dieses Phänomen können wir aktuell auch gut an Herrn Seidler sehen, der nun im Bundestag sitzt.

Sie suchen jetzt für die neue Forschungseinheit eine promovierte Minderheiten-Expertin oder einen Experten, die oder der sich im Grenzland auskennt und sowohl Deutsch und Dänisch als auch fließend Englisch spricht. Mit welcher Zahl an Bewerberinnen und Bewerbern rechnen Sie?

Wir suchen einen Minderheitenexperten, der entweder Deutsch oder Dänisch spricht. Das ist anspruchsvoll! Wir haben die Stelle allerdings auf beiden Seiten der Grenze, auch überregional, beworben und hoffen, dadurch die passgenaue Besetzung zu finden. Eine genaue Zahl fällt mir hier schwer zu nennen. Hauptsache, die eine passende Bewerbung ist dabei!

Die Finanzierung

Das ECMI ist eine Stiftung, die von den Regierungen Dänemarks, Deutschlands und Schleswig-Holsteins gegründet wurde. Dänemark ist zu 50 Prozent am „Gründungszuschuss“, also der jährlichen Grundförderung des Instituts, beteiligt. Der Bund übernimmt 27 Prozent und Schleswig-Holstein 23 Prozent. Um die neue Forschungseinheit finanzieren zu können, sind die Mittel laut ECMI von fast einer Million Euro zuletzt auf 1,37 Millionen Euro angehoben worden.

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