Leitartikel

„Künstliche Gegensätze“

Künstliche Gegensätze

Künstliche Gegensätze

Kopenhagen/Nordschleswig
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Der Plan der Regierung, Ausbildungsplätze aus den großen Städten in die Provinz zu übersiedeln, mag in Nordschleswig zunächst einmal betörend klingen. Die Frage ist jedoch, ob der Plan in der jetzigen Form zum Ziel führt, meint Walter Turnowsky.

25 neue Ausbildungsorte will die Regierung außerhalb der vier großen Städte schaffen. 1.300 Ausbildungsplätze sollen aus den Großstädten in die Provinz übersiedeln, weitere 1.000 neue sollen geschaffen werden. 60 Prozent der Lehrer, Pädagogen, Krankenschwestern und Sozialberater sollen künftig dort ausgebildet werden.

Nicht überraschend freut man sich in eben jener Provinz und damit auch in Nordschleswig darüber.

Und selbstverständlich ergibt es Sinn, flächendeckend Ausbildungesplätze zu schaffen. Insbesondere dann, wenn es in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Wirtschaft geschieht. Sonderburg (Sønderborg) ist ein gutes Beispiel dafür, wie man so etwas sinnvoll angehen kann.

Anziehungskraft der Großstädte

Bevor der Jubel in wahre Euphorie umschlägt, gibt es jedoch einige Dinge zu bedenken.

Der Sonderburger Bürgermeister Erik Lauritzen (Soz.) weist ganz richtig darauf hin, dass man als Ausbildungsstadt jungen Menschen auch etwas bieten muss. Mit Ausbildungsplätzen allein ist es nicht getan.

Denn, obwohl man gerade in Sonderburg in der Kulturpolitik einiges getan hat, ziehen auch von dort, vornehmlich junge Menschen, weiterhin weg. Wie wir am Mittwoch vermelden konnten, erwartet die dänische Statistikbehörde, dass die Bevölkerung in den vier nordschleswigschen Kommunen bis 2030 weiter schrumpfen wird.

Eine Maschinenmeisterausbildung in Sonderburg und eine Ergotherapeutenausbildung in Hadersleben (Haderslev) wird diese Entwicklung nicht umkehren.

Es sind nicht vornehmlich die Ausbildungsplätze, die junge Menschen in die Metropolen zieht, sondern es sind die Möglichkeiten, die es hier gibt.

Bislang ist es wohl keinem Land geglückt, die Urbanisierung auch nur zu bremsen. Norwegen hat nicht ganze wenige Erdölkronen in eine solche Politik gesteckt, und dennoch ziehen die Menschen in die Städte.

Spitzenforschung nicht zerschlagen

Wie gesagt, ist es dennoch sicher sinnvoll, in der Provinz neue Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Weniger sinnvoll ist, dass man den Universitäten in den vier großen Städten die Mittel nach dem Rasenmäherprinzip um 10 Prozent kürzt.

Und gar nicht sinnvoll erscheint es, die Veterinärausbildung zu teilen, sodass die Hälfte der Studienplätze nach Foulum bei Viborg umgesiedelt wird.

Bildungs- und Forschungsministerin Ane Halsboe-Jørgensen, Wohnungsminister Kaare Dybvad und Staatsministerin Mette Frederiksen bei der Forschungsstation Foulum. Dort soll zukünftig die Hälfte der Tierärzte ausgebildet werden. Foto: Bo Amstrup/Ritzau Scanpix

Denn hier geht es nicht nur um Ausbildungsplätze, sondern auch um Forschung. Man geht hier das Risiko ein, Forschungs- und Ausbildungsmilieu zu zerschlagen. Noch dazu eine Ausbildung, die beim sogenannten QS Star Rating weltweit an siebenter Stelle landet.

Auf solch ein Juwel sollte man gut aufpassen, denn so etwas kann man nicht über Nacht schaffen. Ob in Dänemark für zwei solche Milieus Platz ist, ist mehr als fraglich.

Ein Land wie Dänemark braucht Forschung und Innovation der Spitzenklasse, um die Arbeitsplätze und damit die Perspektiven für die Zukunft zu schaffen. Und dies ist für das gesamte Land wichtig.

Denn es ist ja nicht so, dass in Tondern plötzlich die Wirtschaft boomt, wenn es Kopenhagen etwas schlechter geht.

Gemeinsam statt gegeneinander

Bereits die vorherige bürgerliche Regierung ist auf Stimmenfang gegangen, indem sie auf die Gegensätze zwischen Provinz und Hauptstadt angespielt hat. Auch die Regierung von Mette Frederiksen hat mehrfach Gefallen an einem „Kopenhagen-Bashing“ gefunden.

Dies mag bei manchen jütischen Wählern, die Seeland schon mal als die Teufelsinsel (djævleøen) bezeichnen, gut ankommen. Der Entwicklung des Landes tut es nicht gut.

Spitzenforschung und attraktive Ausbildungsplätze in den Großstädten müssen nicht im Gegensatz zu starken Wissensstandorten in der Provinz stehen. Im Gegenteil können sie sich sogar gegenseitig befruchten und fördern.

Nur muss man eine solche Entwicklung jedoch intelligent und mit kühler Überlegung angehen, nicht mit Populismus. Denn Dänemark ist zu klein für künstlich geschaffene Gegensätze.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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